Videospielmusik in der Popkultur
veröffentlicht von Martin Lorber am 08. August 2017

Videospielmusik in der Popkultur

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Der anhaltende Kult rund um alte Konsolen und Spiele beschränkt sich keineswegs nur auf Pixelgrafik. Bei alter Spielmusik schwelgen Fans ebenso in wohliger Erinnerung, wie ein Beispiel im Retro-Podcast Stay Forever zeigt. Die Funktionen von Musik in digitalen Spielen habe ich im Rahmen meines Blogs schon erläutert. Im Laufe der Jahrzehnte fanden Entwicklungen und Innovationen von Videospielmusik Einzug in die Popkultur. Jeder erkennt beispielsweise sofort die russische Weise (“Korobeiniki“) als die Tetris-Melodie. Aber wo findet sich die Videospielmusik noch in der Popkultur wieder?

Chiptunes – Ein eigenes Genre

Aus der Ära der ersten Heimcomputer und Heimkonsolen entwickelten sich die sogenannten Chiptunes, die bis heute ein eigenes Genre innerhalb der elektronischen Musik darstellen. Sie zeichnen sich (insbesondere aus heutiger Sicht) durch einen typisch künstlichen Klang aus. Soundtracks von Tetris, Super Mario Bros, Turrican und anderen Klassikern sind bis heute einer großen Öffentlichkeit bekannt und werden laufend neu interpretiert.

Mehrstimmige Akkorde im klassischen Sinn kommen in Chiptunes so gut wie nicht vor, weil dies während ihrer Entstehungszeit noch nicht möglich war: Die ersten Soundchips konnten selten mehr als drei Tonkanäle parallel abspielen – ein Akkord hat damit häufig schon alle verfügbaren Kanäle belegt. Die Entwicklung der Hardware und damit auch der Musik bei Heimcomputern, veranschaulicht der YouTuber des Kanals Lazy Game Reviews am Beispiel “The Secret of Monkey Island”.

Für die “Chiptuner” wurde die Spielkonsole bzw. der Heimcomputer zum eigenen Instrument. Viele der schon damals aktiven Chiptuner sehen in ihrer Arbeit eine Inspirationsquelle der Techno-Welle der 1990er Jahre. Bis heute üben viele Musiker diese Leidenschaft aus. Sie bilden eine große Community im Netz, die ihre Chiptunes mit anderen teilt. Dabei geht es nicht immer um Eigenkompositionen wie bei der japanischen Band YMCK oder den New Yorkern Anamanaguchi, die ihren Sound mit elektronischen Anleihen anreichert. Soundtüftler versuchen sich regelmäßig an Coverversionen bekannter Pop-Hits oder Filmmusik.

Bands wie Pornophonique aus Darmstadt sind dagegen dafür bekannt, elektronische 8-Bit-Chiptune-Musik von Game Boy oder Commodore 64 mit Gesang und Gitarrenbegleitung zu verbinden.

Videospielmusik mit echten Orchestern

Zu Beginn der Videospielgeschichte griffen Komponisten aus technischen Gründen auf rein synthetische Klänge zurück. Mittlerweile spielen häufig echte Orchester die Videospielsoundtracks ein. Einer der ersten rein orchestralen Soundtracks zu einem digitalen Spiel imponierte im 1999 veröffentlichten Sci-Fi-Spiel Outcast. Hier spielte das Moskauer Sinfonieorchester die Komposition von Lennie Moore inklusive Chor ein. Neben Heart of Darkness (Bruce Broughton) und Medal of Honor (Michael Giacchino) bot Outcast einen der ersten mit einem vollwertigen Orchester live eingespielten Spielesoundtracks. Allerdings werden bei Spielen häufig – wie auch in der Filmmusik – virtuell gespielte Orchester mit echten Aufnahmen vermischt, um die Aufnahme authentischer klingen zu lassen. Diese Hybridproduktionen sind für viele Entwicklerstudios, gerade im Indie-Bereich, eine preiswerte Alternative.

Videospielmusik und Filmmusik: Gegenseitige Beeinflussung

Der technische Fortschritt ermöglichte seit Anfang der 2000er Jahre eine immer größere Annäherung der Videospielmusik an die Filmmusik. Kein Wunder, liegt die Verknüpfung von Bild und Ton sowohl dem Medium digitales Spiel als auch dem Medium Film zu Grunde. Dadurch kam es vor allem in größeren AAA-Titeln zu einer Entwicklung hin zum sogenannten “Hollywoodsound”. Dies findet seinen Ausdruck bis heute darin, dass immer mehr renommierte Filmkomponisten Musik für Videospiele schreiben, darunter Danny Elfman (Fable), Michael Giacchino (Medal of Honor-Reihe, Call of Duty), Hans Zimmer (Modern Warfare 2) und Tyler Bates (Rise of the Argonauts).

Faszinierender Blick auf das Phänomen Gewalt

Der Neo-Noir-Film “Drive” des Regisseurs Nicolas Winding Refn und das Shoot Shoot-‚em-up “Hotline Miami” ähneln sich nicht nur in ihrer Ästhetik, sondern auch in ihrer Musikauswahl.  Nicht überraschend geben die Entwickler des Spiels den Film als eine ihrer Inspirationsquellen an. Beide Titel schaffen es einen faszinierenden und aufschlussreichen Blick auf das Problem der Gewalt als Komponente amerikanischer Kultur zu werfen.

Silent Hill: Videospielmusik im Film

Auch die Filmmusik hat sich von Videospielmusik inspirieren lassen: Im Jahr 2006 wurde die legendären Spielreihe “Silent Hill” verfilmt. Dabei wurde die von Akira Yamaoka komponierte Musik aus dem Spiel übernommen. Jeff Danna arrangierte sie für den Film zwar neu, behielt aber grundsätzlich die Originalmusik bei. So wurde das einzigartige Spielgefühl und die insbesondere auch durch die Musik vermittelte Atmosphäre der “Silent Hill” Reihe auf die große Leinwand übertragen.

Videospielmusik im Live-Konzert

Mittlerweile gibt es sie fast überall: Veranstaltungen, auf denen in jeweils unterschiedlicher Art und Weise Musik aus Computer- und Videospielen präsentiert wird. Beispiel The Black Mages: Eine japanische Band unter der Führung des Videospielmusik-Komponisten Nobuo Uematsu, die insbesondere Musik aus den Final Fantasy Spielen im Melodic Metal Gewand interpretierte. Seine neue Band, die Earthbound Papas, interpretiert die Musik dagegen im Stile des klassischen Hard Rock.

In Japan fanden auch die ersten Orchesteraufführungen statt, wie beispielsweise in Tokio zwischen 1991 und 1995 im Rahmen der Serie Game Music Concert. Das erste Spielemusikkonzert außerhalb Japans wurde wohl auf der Eröffnungsveranstaltung der Games Convention in Leipzig durchgeführt. Daraus gingen die durch Thomas Böcker produzierten Symphonischen Spielemusikkonzerte hervor. Heutzutage gibt es in Deutschland eine ganze Reihe von Veranstaltern von Konzerten, bei denen Spielemusik interpretiert wird, darunter Video Games Live von Tommy Tallarico und Game Music Live von Franz Bader.

Mittlerweile interpretieren Orchester auf der ganzen Welt Videospielmusik, wie hier beispielsweise das Swedish Radio Symphony Orchestra und das London Symphony Orchestra.

Videospielmusik wird natürlich nicht nur von großen Orchestern interpretiert. Viele YouTuber, Bands oder Straßenmusiker interpretieren Musik aus digitalen Spielen – auch aufgrund ihres durchaus beachtlichen Wiedererkennungswerts.

Die US-amerikanische Violinistin und Komponistin Lindsey Stirling wurde unter anderem für ihre Interpretationen von Spielesoundtracks in aufwendig produzierten Videos berühmt. Die deutsche Streamerin Lara Loft produziert aufwendige Tribute-Songs zu Spielen, die sie besonders prägten (wie beispielsweise Mirror’s Edge Catalyst).

Videospielmusik gehört zur Popkultur

Festhalten lässt sich definitiv, dass nicht nur Charaktere und Geschichten aus Videospielen mittlerweile zur Popkultur gehören – und durch eigene kulturelle Phänomene wie beispielsweise Cosplay ihren Ausdruck finden. Nein, auch Videospielmusik hinterlässt mittlerweile losgelöst vom Gesamtmedium Spiel weit über die Gaming Community hinaus ihre Fußstapfen.

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