USK
veröffentlicht von Martin Lorber am 08. August 2018

Hakenkreuze in Spielen: Historische Wende in der Debatte

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Die Debatte um “Hakenkreuze in digitalen Spielen” bekommt eine ganz neue Wendung: In Einzelfällen darf die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) in Zukunft auch dann Altersfreigaben erteilen, wenn das Spiel Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zeigt. Der Grund: Ab sofort darf die USK die sogenannte Sozialadäquanzklausel bei Games anwenden. Eine gute Entwicklung, da sich digitale Spiele nun allen anderen Medien gleichberechtigt der gesellschaftlichen Diskussion stellen können.

Gleichstellung digitaler Spiele mit anderen Medien: Berücksichtigung der Sozialadäquanz

Das bedeutet unter anderem, dass Computer- und Videospiele nach Prüfung des Einzelfalls und nach erfolgter USK-Altersfreigabe SS-Runen, Hakenkreuze oder Hitler-Abbildungen zeigen dürfen. Natürlich nicht einfach so, sondern nur wenn sie sozialadäquat eingesetzt werden. Sozialadäquat bedeutet: Symbole verfassungswidriger Organisationen können im Einzelfall in einem Titel verwendet werden, sofern dies der Kunst oder der Wissenschaft, der Darstellung von Vorgängen des Zeitgeschehens oder der Geschichte dient. In anderen Medien wie dem Film ist diese Prüfung schon lange etabliert, man denke nur an die Indiana Jones Filme oder Inglourious Basterds.

Ab sofort entscheiden die USK-Gremien im Einzelfall, ob die sogenannte Sozialadäquanzklausel (§ 86 Absatz 3 des StGB) angewendet werden kann, wenn Titel mit Symbolen verfassungswidriger Organisationen bei der USK zur Vergabe eines Alterskennzeichens eingereicht werden. Hintergrund der Änderung für digitale Spiele ist eine veränderte Rechtsauffassung der zuständigen Obersten Landesjugendbehörde auf Grundlage aktueller rechtlicher Bewertungen. Warum sollte Computer- und Videospielen auch verwehrt bleiben, was anderen Medien schon längst erlaubt ist? Weder Literatur noch darstellende Kunst, weder Popsong noch Hollywood-Blockbuster scheuen sich schließlich davor, die Realität abzubilden.

Kein genereller Freibrief – Prüfung des Einzelfalls

Der Verband der deutschen Games-Branche, game, forderte bereits über viele Jahre hinweg aktiv die Gleichberechtigung von Games mit anderen Mediengattungen. Auch ich habe schon auf die gefühlt willkürliche unterschiedliche Bewertung und Anerkennung von Computerspielen und anderen modernen Mediengattungen hingewiesen, nachzulesen in einem Aufsatz von mir mit dem Titel „Das Ende der Barbarei” (erschienen 2012 in der Schriftenreihe der Evangelischen Akademie Loccum).

Zu beachten gilt allerdings, dass es sich nicht um einen generellen Freibrief handelt. Für jedes Spiel wird im Einzelfall geprüft, ob die gesetzliche Ausnahme von dem grundsätzlichen Verbot des § 86a StGB vorliegt. Die Antragsteller mussten bisher bereits bei der Einreichung der Software schriftlich zusichern, dass die jeweiligen Spiele keinerlei verfassungsfeindliche Symbole gemäß §86 StGB enthalten. Da dieser Passus künftig entfällt, wird die USK  jedes Spiel zur Prüfung annehmen und im Einzelfall entscheiden, ob die formalen Voraussetzungen erfüllt sind.

Kritischer und verantwortungsbewusster Umgang mit schwierigen Themen

Viele engagierte und kreative Entwickler behandeln in ihren Spielen schwierige Themen wie die Zeit des Nationalsozialismus, Rassismus oder Unterdrückung. Sie gehen mit derlei Themen in den allermeisten Fällen kritisch und verantwortungsbewusst um und versuchen so die Spieler zum Nachdenken anzuregen. Gerade digitale Spiele können dank ihrer Interaktivität zur Reflektion und Auseinandersetzung beitragen.

Die Debatte um die Sozialadäquanz von Videospielen

Bis 1998 gab es für Hersteller digitaler Spiele keine Rechtssicherheit zum Thema Sozialadäquanz. Einige Games wurden ohne Schnitte veröffentlicht, andere wiederum mit Schnitten oder Veränderungen, wie beispielsweise die Indiana-Jones-Adventures von Lucas Arts. Eine Gerichtsentscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt im Jahr 1998 änderte jedoch alles: Bei der erneuten Beurteilung des Spiels Wolfenstein 3D entschied der zuständige Richter, dass Spiele nach §86a StGB keine verfassungsfeindlichen Symbole zeigen dürfen. Dabei wurde die Sozialadäquanzklausel jedoch gar nicht erwähnt, geschweige denn geprüft. Obwohl das Gericht dies nicht konkretisierte, wurde die Entscheidung später so ausgelegt, dass die Ausnahme bei Spielen wohl nicht gelte.

Bundesfighter II Turbo bringt 2017 Bewegung in die Debatte um die Sozialadäquanz von digitalen Spielen

Schon seit Herbst 2017 wurde tatsächlich lautstark über die Sozialadäquanzklausel debattiert. Den Anlass dazu bot im Mai 2017 zunächst eine Entscheidung der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart, keine Ermittlungen gegen das Computerspiel „Bundesfighter II Turbo“ aufzunehmen. Der Titel erschien zur letzten Bundestagswahl und beinhaltet eine Spielfigur, die dem AfD-Politiker Alexander Gauland sehr ähnelt. Bei der Ausführung eines Spezialangriffs winkelt der Charakter Arme und Beine so an, dass ein Hakenkreuz erkennbar wird. Diese Entscheidung wurde in der Branche durchaus als wichtiges Signal angesehen und brachte frischen Wind in die Debatte um die bislang verwehrte Sozialadäquanz.

Wolfenstein 2: Geänderte deutsche Version

Einen weiteren Anlass stellte der Shooter Wolfenstein 2: The New Colossus von Bethesda Softwork dar. Hier hatte der US-Publisher in der deutschen Version alle einschlägigen NS-Symbole aus dem Spiel entfernt und gar Inhalte des Spiels umgeschrieben. So wurde aus der Figur Adolf Hitler “Herr Heiler”, dem man zusätzlich auch noch seines Schnurrbarts beraubte. Noch einschneidender ist die Tatsache, dass Juden nur in der internationalen Version des Spiels vertreten sind, denn ausgerechnet in der deutschen Version verzichtet Wolfenstein 2 explizit auf die Verbrechen der Nationalsozialisten und marginalisiert entsprechend alles Jüdische. So stirbt in der englischen Version die Mutter des Protagonisten in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager – weil sie Jüdin ist. In der deutschen Version jedoch als Polin einer nicht näher definierten Form von „Gefangenschaft“. Christian Schiffer titelte in seinem Artikel für den Bayerischen Rundfunk über die deutsche Version von Wolfenstein 2 treffend: “Ein anti-faschistisches Spiel, das nicht anti-faschistisch sein darf.” Hier zeigte sich, was diese Rechtsunsicherheit für Folgen hatte.

Attentat 1942: Sensibles Spiel über Opfer des Nationalsozialismus

Ein ebenso gutes Beispiel ist das äußerst sensibel erzählte “Attentat 1942”, das nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Böhmen/Mähren, Rheinhard Heydrich, im Jahr 1942 benannt ist. Das Besondere: Die daran anschließenden Vergeltungsmaßnahmen der Nationalsozialisten in der damaligen Tschechoslowakei werden in dem Spiel aus der Sicht der Opfer erzählt. Dabei flossen zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen, Originaldokumente und Fotografen in das narrative Design des Spiels ein. Das Spiel zeigt eindrucksvoll, warum Spiele inzwischen ein absolut ernstzunehmendes Kulturgut sind. Das tschechische Entwicklerteam hinter „Attentat 1942“ gewann für seine Aufarbeitung der Opfergeschichten mehrere Preise, unter anderem einen der Hauptpreise beim A MAZE-Festival im Rahmen der Games Week Berlin. Doch spielen darf man Attentat 1942 in Deutschland bisher nicht. Und das ausgerechnet, weil sich die Entwickler um historische Korrektheit bemühten: Im Spiel sind verbotene Symbole auf Fahnen, Dokumenten, Fahrzeugen, Gebäuden oder Uniformen sichtbar.

Einer der vermutlich ersten Präzedenzfälle: Through the Darkest of Times

Das Indie-Spiel Through the Darkest of Times, dessen finale Version 2019 erscheint, dürfte die Hürden der USK nun eigentlich problemlos nehmen. Das Game rückt den zivilen Widerstand im Zweiten Weltkrieg in den Fokus, der in Spielen bislang tatsächlich kaum zur Geltung kam.

Wichtiger Schritt hin zur gleichberechtigten Behandlung von Spielen

Letztendlich sind diese Beispiele Belege dafür dass Spiele längst nicht mehr “einfach nur Spaß” machen müssen – sie können genau wie Filme, Theaterstücke oder Bücher für emotionale Tiefschläge in die Magengrube sorgen. Digitale Spiele greifen – wie alle anderen Medien – alle möglichen Themen der Gegenwart und der Vergangenheit auf und verarbeiten diese in irgendeiner Art und Weise. Dabei sollten für sie die gleichen Rechte und Ansprüche gelten, wie für andere Medien. Alles in allem sehe ich in der aktuellen Entwicklung einen wichtigen Schritt hin zur gleichberechtigten Behandlung von Spielen.

Künftig könnte die unveränderte Einreichung bei der USK der Standardfall werden. Es besteht jedoch absolut kein Grund zur Panik, im Gegenteil: Trotz des neuen Prüfungsverfahrens ist nicht davon ausgehen, dass jede Art von Spiel durch die USK eine Freigabe erhält. Games, die beispielsweise verfassungsfeindliche Symbole zur Glorifizierung nutzen, fallen selbstverständlich nicht unter die Sozialadäquanz.

Ich bin definitiv gespannt auf die ersten Begründungen der USK zur Freigabe oder Nicht-Freigabe von entsprechenden Spielen.