Pen & Paper Rollenspiele
veröffentlicht von Martin Lorber am 05. Mai 2018

Rollenspiele im Wandel der Zeit – Teil 1: Pen & Paper

Teilen auf:

In einer neuen Beitragsreihe möchte ich die Geschichte der Rollenspiele (RPGs) und ihren Wandel im Laufe der Zeit genauer beleuchten. Kaum ein Genre ist angesichts der grundlegenden Regeln so immersiv wie das Rollenspiel. Egal ob Baldur’s Gate, Ultima, Final Fantasy, Fallout, Mass Effect oder Dragon Age: Rollenspiele sind ein bedeutender Teil der Videospiel-Historie. All diese Videospiel-Reihen wären ohne ihre analogen Vorgänger jedoch kaum denkbar.

Der analoge Ursprung: Pen & Paper-Rollenspiele

Vor den digitalen Computer-Rollenspielen gab und gibt es bis heute den analogen Vorläufer: Pen & Paper-Rollenspiele. Ganz grundlegend kann man diese als Mischung aus herkömmlichem Gesellschaftsspiel, Erzählung und Improvisationstheater definieren. Der Name “Pen & Paper” beruht auf den Spielmitteln, die dabei hauptsächlich zum Einsatz kommen: So werden Stifte und Papier benötigt, um die im Spiel dargestellten Rollen auf sogenannten Charakterbögen zu skizzieren und den Spielverlauf mit Hilfe von Notizen festzuhalten.

Moderiert wird die Spielrunde meist durch einen Spielleiter (oft als “Meister” oder “Dungeon Master” bezeichnet). Er entscheidet über den Rahmen der Handlung, die Schauplätze, ablaufende Ereignisse und das Verhalten der Charaktere, die nicht von Spielern übernommen werden (NPCs). Die Spieler stellen ihre fiktiven Spielercharaktere dar. Innerhalb der Regelsysteme treffen sie für diese die Entscheidungen im Spielverlauf. Ob diese fiktiven Handlungen erfolgreich sind oder nicht, wird in den meisten Fällen “ausgewürfelt” – bei manchen Spielen kommen spezielle Karten zum Einsatz.

Pen & Paper-Rollenspiele: Inspiration durch Herr der Ringe

Die ersten Schritte in Richtung Pen & Paper-RPG basierten auf sogenannten Konfliktsimulationsspielen („Wargames“), welche sich durch den Einsatz von Miniaturfiguren auf einer Oberfläche (“Tabletop”) auszeichnen. Gary Gygax und Jeff Perren kamen – inspiriert von Conan-Romanen und dem Erfolg des Romans Der Herr der Ringe – auf die Idee, ein Miniaturenspiel zu entwickeln, das im Mittelalter spielen sollte. Dabei entstand ein eigenes Regelwerk namens Chainmail, aus dem letztlich, durch die Beigabe von fantastischen Kreaturen und Regeln für den Einsatz von Magie, ein Fantasy-Spiel entwickelte. Chainmail stellte so den Vorläufer des 1974 von Gygax und Dave Arneson veröffentlichten bekanntesten Pen-&-Paper-Rollenspiels dar: „Dungeons & Dragons“ (D&D), für dessen Veröffentlichung extra der Verlag Tactical Studies Rules (TSR) gegründet wurde. Dabei verlagerte sich der Schwerpunkt des Spiels: Anstatt große Feldzüge und Schlachten darzustellen, konzentrierte man sich zunehmend auf die Handlungen einzelner Helden und ihre jeweiligen Quests. Auch die Schauplätze änderten sich: Keller, Kavernen und Kerker (“Dungeons”) standen anstelle von Schlachtfeldern im Mittelpunkt.

Pen & Paper-Rollenspiele: Von D&D zu AD&D

TSR überarbeitete D&D und veröffentlichte 1980 das Fantasy-Regelwerk Advanced Dungeons & Dragons (AD&D), welches ursprünglich für erfahrene D&D – Spieler gedacht war, aber sehr großen Zuspruch erfuhr. Beide Spielsysteme wurden in vielen Ländern nachgedruckt und zu einem internationalen Erfolg.

Pen & Paper-Rollenspiele: Alternative Ansätze

Natürlich gibt es bis heute auch abseits von D&D und AD&D schier Unmengen an Regelwerken und Spielen. Ich kann und möchte hier nicht ins Detail gehen. Besonders zu erwähnen ist allerdings der deutsch-österreichische Ansatz, der sich mehr aus Strategie- und Simulationsspielen wie Schach oder Risiko inspirieren ließ, allerdings auch mehr Wert auf eine konstante Hintergrundwelt mitsamt eigener Geschichte und fest beschriebenen Kulturen legt. Auch werden die hier agierenden Spielcharaktere stärker durch fest angelegte Charaktereigenschaften und Werte definiert. Am erfolgreichsten und bekanntesten dürfte das 1984 erschienene und noch heute erfolgreiche Spiel Das Schwarze Auge sein.

Basierend auf den Welten und Regelwerken von D&D, AD&D und Das Schwarze Auge werden bis heute auch Videospiele umgesetzt – wie beispielsweise Baldur’s Gate, Icewind Dale, Planescape: Torment, die Nordland-Trilogie oder Drakensang. Allerdings gibt es mittlerweile nicht nur Rollenspiele, die auf den Pen and Paper – Universen basieren, sondern auch Adventures oder Strategie- und Hack-’n’-Slay Spiele .

Pen & Paper-Rollenspiele: Die Charaktereigenschaften

Für viele – allerdings bei weitem nicht alle – Rollenspielsysteme gelten verschiedene Charaktereigenschaften wie Klassen-, Volks-, oder Kastenzugehörigkeit. Diese beeinflussen zudem die angeborenen Fähigkeiten des Spielercharakters (häufig Attribute genannt) sowie erlernte bzw. relativ leicht zu erlernende Fertigkeiten. Spieler gewinnen im Spielverlauf meist Erfahrungspunkte, mit denen sie ihre Fertigkeiten verbessern oder ausbauen können. Je nach Rollenspielsystem beeinflusst die Wahl einer bestimmten Eigenschaft die Wahlalternativen für eine oder mehrere andere.

Weg vom Rollenspiel-Klischee: Nicht nur Orks, Elfen und Zwerge

Mittlerweile sind neben von Verlagen angebotenen kostenpflichtigen Systemen auch freie Rollenspiele verbreitet, die man kostenlos herunterladen kann. Viele Rollenspielsysteme verließen außerdem das traditionelle Fantasy-Setting und gingen neue Wege auf Basis von Science Fiction, Endzeit-Szenarien, dem viktorianischen Zeitalter, Cyberpunk, der Gegenwart, der nahen Zukunft oder sogenannten universelle Systemen… um nur ein paar zu nennen.

Ein Beispiel wäre hier das 1989 erschienene Shadowrun: Es verbindet eine technische und düstere Cyberpunk-Zukunft mit Einflüssen der traditionellen Fantasy (Magie, Elfen, Zwerge, Drachen). In eine andere Kerbe schlägt dagegen die Spielwelt von Vampire: Die Maskerade. Das System orientiert sich an einer alternativen Gegenwart und ist insbesondere durch die Welt der Romanreihe “Chronik der Vampire” von Anne Rice beeinflusst worden.

Pen & Paper-Rollenspiele aus dem Land der aufgehenden Sonne

Zu erwähnen ist außerdem noch die östliche Tradition der Rollenspiele – insbesondere aus Japan. Da es dort in den 1970er Jahren noch keine Übersetzungen der amerikanischen Rollenspiele gab, fanden in den 1980er Jahren zunächst japanische Eigenproduktionen ihre Abnehmer. Neben der Übersetzung von US-amerikanischen Rollenspiel-Klassikern, spielten die daraufhin entwickelten japanischen Rollenspiele besonders häufig in Science-Fiction bzw. Steampunk-Szenarien. Optisch waren auch hier die Zeichnungen an typisch japanische Manga und Anime angelehnt. All dies sollte später auch die Optik sowie die Darstellung der Spielwelt in  japanischen Computer-Rollenspielen beeinflussen.

Rollenspiele wagten tatsächlich schon sehr früh den Eintritt in die Welt der Pixel und Polygone. Viele Entwickler waren und sind nämlich auch heute noch selbst begeisterte Pen & Paper Fans. Der Schritt in die digitale Weg ist also nur logisch und konsequent. Diesen will ich in einem Folgebeitrag näher beleuchten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *