Die Funktion von Videospielmusik
veröffentlicht von Martin Lorber am 07. Juli 2017

Die Funktion von Videospielmusik

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Musik für digitale Spiele zu komponieren ist eine besonders wichtige, aber auch äußerst schwierige Aufgabe. Die im Games-Bereich rasant voranschreitende Entwicklung sorgte dafür, dass mittlerweile die Produktionen bei Qualität und Aufwand der Filmbranche um nichts nachstehen. Die Musik im Video-und Computerspiel ist mehr als nur ein kleiner Verwandter oder ein Imitat der Filmmusik. Im Gegenteil: In Spielen, in denen sie nicht mehr als das ist, wird ihr großes Potential tatsächlich verschenkt. Die Anforderungen für Komponisten sind parallel dazu natürlich beträchtlich gestiegen. Doch welche Funktionen hat die Musik eigentlich in digitalen Spielen?

Künstlerisch-kreativer Blickwinkel auf Videospielmusik

Seit der Veröffentlichung von Nolan Bushnells Pong (Atari, 1972) entwickelten sich parallel auch die Tonwiedergabemöglichkeiten von Hardware und Software weiter. So wurden aus einer Abfolge einzelner Töne schließlich Midi-Kompositionen, Samples echter Instrumente und letztlich von Orchestern eingespielte Musik-Kompositionen. Heute findet die Weiterentwicklung eher auf einer inhaltlichen Ebene statt. So gesehen lassen sich Musikkompositionen in der Welt der digitalen Spiele auch besser unter einem künstlerisch-kreativen Blickwinkel und losgelöst von der reinen Technologie betrachten.

Musik als zentraler Bestandteil des Game-Designs

Der Stellenwert von Musik in digitalen Spielen ist heute enorm hoch. Sie ist ganz klar ein zentraler Bestandteil des Game-Designs. So reicht eine gute Grafik alleine heute nicht mehr, um die Gaming-Community zufrieden zu stellen. Fans erwarten, dass die Musik genauso hochwertig und effektvoll ist wie die wahrgenommenen Bilder. Musik bleibt im Kopf, wenn man nicht mehr direkt vor dem Monitor sitzt und spielt. Sie schafft die Stimmung und erinnert einen stets an die virtuell erlebten Abenteuer und Geschichten. Jeder der Final Fantasy VI gespielt hat, erinnert sich bestimmt an die mittlerweile legendäre Opernszene, die gemessen an den soundtechnischen Möglichkeiten des Nintendo Entertainment Systems wirklich eine beeindruckende Atmosphäre geschaffen hat.

In den Spielen der GTA-Reihe lässt sich dank der vielfältigen Radiostationen im Spiel ein individueller Soundtrack aus lizenzierter Musik abspielen, mit dem es noch mehr Spaß macht durch die virtuellen Städte zu rasen. Nicht nur die Tetris-Melodie wird heute von jedem erkannt, auch die Titelmelodie von Monkey Island bleibt Spielern bis heute im Kopf und wird von Fans bis heute neu interpretiert. Soundtracks von Videospielen verkaufen sich heute zumindest teilweise ähnlich gut wie Filmmusik. Konzerte, bei denen Videospielmusik aufgeführt wird, sorgen inzwischen vermehrt für junges Publikum in den Konzerthäusern des Landes. Es gibt YouTube-Stars, die bekannt sind für ihre Interpretationen von bekannten Spielemusik-Klassikern.

Doch nicht nur im AAA-Bereich hat die Musik mittlerweile diesen enorm hohen Stellenwert. Auch im Indie-Bereich werden explizit Spiele entwickelt, die die Musik in den Vordergrund – und damit sogar über die Grafik – stellen. Und das ganz ohne große Budgets: In Spielen wie Journey oder ABZÛ trägt die Musik sogar einen Großteil der Narration.

Bei Hotline Miami vermittelt der elektronische Soundtrack zu einem großen Teil das Spielgefühl – passend zum dargestellten Gameplay. Explizit für seine Musik gelobt wurde auch das Spiel To the Moon: Der Entwickler Kan Gao zeichnete sich hier nicht nur für die Geschichte, die Optik und das Design des Spiels, sondern auch für die Musik verantwortlich, die die emotionale Geschichte hervorragend unterstreicht. Selbstverständlich gibt es mittlerweile auch viele reine Musikspiele – man denke nur an Guitar Hero und Co. Aber auch hier sorgt der Indie-Bereich für spannende Entwicklungen: Crypt of the Necrodancer verbindet die Elemente von Roguelike Dungeon Exploration Spielen mit Rhythmus-Spielen. Der Spieler kommt dabei regelrecht in einen Flow. Das Spiel Audiosurf lässt einen sogar die eigene Musik ins Spiel importieren; die Strecken, Herausforderungen sowie die Geschwindigkeit des Geschicklichkeits-Spiels werden automatisch daran angepasst und anhand von vorgegebenen Algorithmen generiert.

Musik in digitalen Spielen ist oft adaptiv

Ähnlich wie bei dem Vergleich Brettspiel – Buch liegt der Hauptunterschied zu Filmmusik in der Interaktivität eines Spiels. Die oftmals lose Struktur von digitalen Spielen sorgt dafür, dass die Handlungen des Spielers nicht vorhersehbar sind – dementsprechend kann auch der dramaturgische Aufbau nicht so exakt im Vorhinein geplant werden, wie dies in Filmen möglich ist.  Deshalb müssen in Videospielen nicht eine bekannte Handlung, sondern viele potentiell mögliche Handlungen vertont werden – eine große Herausforderung für Sounddesigner und Komponisten. Dennoch weist ihre Produktionsweise viele Gemeinsamkeiten mit Filmmusik auf. Kein Wunder also, dass bei großen Videospielproduktionen mittlerweile immer häufiger bekannte Hollywood-Komponisten wie Hans Zimmer, John Debney, Bear McCreary und Michael Giacchino zum Einsatz kommen.

Musik kann zu eigentlichem Bestandteil des Gameplays werden

Auch für Axel Berndt liegt der zentrale Unterschied zur Filmmusik darin, dass die Musik in Spielen sich an den Spieler richten, sein Verhalten regulieren und kommentieren muss. Dagegen begleitet Filmmusik ausschließlich das szenische Geschehen. Sie kommuniziert so zwar zum Publikum, reagiert aber nicht darauf. Berndt zeigt auch auf, dass diese musikalische Adaptivität, Reaktivität und sogar Interaktivität zum eigentlichen Bestandteil des Spielgeschehens oder des Gameplays werden kann – wie es in Musikspielen der Fall ist. In diesen interagiert der Spieler direkt mit der Musik.

Funktionen von Musik in digitalen Spielen

Betrachtet man Videospiele als erzählte Interaktionssequenz, erfüllt die Musik darin folgende Funktionen, die der US-amerikanische Assistenzprofessor Zach Whalen auch in seiner Master-Thesis mit dem Titel „Play Along – An Approach to Videogame Music“ offenlegt:

  1. Sie skizziert die Spielumgebung.
  2. Sie motiviert Spieler dabei, das Spielziel zu erreichen.
  3. Sie unterstützt den Narrativ von Spielen, wo er vorhanden ist.
  4. Sie verdeutlicht und verstärkt die Wahrnehmung virtueller Sicherheit und Gefahren.

Benjamin Krause weist in seiner Diplomarbeit “Adaptive Musik in Computerspielen –
Grundlagen und Konzepte zur dynamischen Gestaltung
” gar 8 Funktionen für die Musik in digitalen Spielen aus. Bei ihm trägt sie insbesondere für folgende Aspekte bei:

  1. Kontinuität und Struktur
  2. Erzeugen von Stimmungen
  3. Vermitteln von Bedeutung
  4. Musikalische Assoziationen
  5. Zusätzliche Wahrnehmungsebene
  6. Motivation
  7. Erregung der Aufmerksamkeit
  8. Ästhetik

Zwischensequenzen stellen für Krause dagegen einen Sonderfall dar. Da der Spieler hier keine Möglichkeit hat, in das Geschehen einzugreifen, gelten für die Musik in Cut-Scenes die gleichen Regeln wie für traditionelle Filmmusik.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Yvonne Stingel-Voigt (“Soundtracks virtueller Welten. Musik in Videospielen”) gar von 15 verschiedenen Funktionen der Musik in Videospielen spricht, darunter unter anderem eine wirtschaftliche Funktion. Diese können bei näherem Interesse hier nachvollzogen werden.

Musik in Videospielen: Enorm komplex – enorm bedeutend

Eines wird dadurch auf jeden Fall klar: Abhängig vom Genre, vom einzelnen Spiel, dem Spieler und seiner Spielweise treten die Funktionen von Musik meist mit- und untereinander kombiniert auf. So kann  dieselbe Musik innerhalb eines Spiels beispielsweise eine Signalfunktion haben und gleichzeitig zur Atmosphäre beitragen. Auch als Tool kann die Musik in diesem Spiel auftreten.

Aufgrund der enorm wichtigen Bedeutung und Funktion von Musik in Spielen, wundert es einen nicht, dass große Entwickler mittlerweile ganze Teams von Musik- und Soundeffektspezialisten beschäftigen oder bekannte Komponisten mitsamt einem ganzen Orchester anmieten, um das Spiel mit qualitativ hochwertiger Musik zu untermalen. Spieleentwickler betreiben einen enorm hohen Aufwand, um die gestiegenen Erwartungen der Spielerschaft zu erfüllen.

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