Die Funktion von Videospielmusik
veröffentlicht von Martin Lorber am 08. August 2019

Buchvorstellung: Musik in Spielen und als spielerische Praxis – Performing Bytes von Melanie Fritsch

Teilen auf:

Computerspiele haben sich – fast siebzig Jahre nach dem Entstehen dieses Mediums – als „eine der wichtigsten Unterhaltungs- und Medienkunstformen etabliert“ und sind in den „Fokus wissenschaftlichen Interesses gerückt“. Mit diesen Aussagen eröffnet Melanie Fritsch ihre umfassende Studie zum Phänomen Musik in digitalen Spielen. In den Game Studies sowie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigt man sich mit den zahlreichen Facetten von Computer- und Videospielen. Arbeiten, die sich explizit mit dem Thema Audio in digitalen Spielen im allgemeinen und Computerspielen im speziellen auseinandersetzen, sind noch vergleichsweise überschaubar. Wobei der Begriff „Computerspielmusik“ beziehungsweise „Computerspielmusikforschung“ in Melanie Fritschs Dissertation auch schon gleich wieder verschwindet. Sie bevorzugt „Ludomusicology“ als Bezeichnung für die musikalische Untermalung in digitalen Spielen -und erläutert zunächst, was es damit auf sich hat.

Ludomusicology: Der Spieler als Hörer, Interpret und Komponist

Der Begriff Ludomusicology versucht dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Musik in Computerspielen in einem besonderen Verhältnis zum Rezipienten steht, anders als zum Beispiel Filmmusik und Filmzuschauer, mit der Computerspielmusik oft verglichen wird. Denn der Hörer von Musik in Computerspielen ist zugleich auch Interpret und gewissermaßen Komponist, denn die Art und Weise, wie er spielt, hat fundamentalen Einfluss auf den Verlauf des Spiels und damit auf das Gehörte. Ein Spiel wird niemals zwei Mal auf die gleiche Weise gespielt. Außerdem beschäftigt sich Ludomusicology nicht nur mit der Musik in Computerspielen, sondern auch mit verwandten Erscheinungsformen jenseits des eigentlichen Spiels wie zum Beispiel „konzertante Aufführungen, Computerspielmusiksoundtracks oder die Weiterverwendung beziehungsweise Referenzierung in anderen musikalischen Genres, Medien und Kunstformen“. Und schließlich verweist der Begriff auch darauf, „nicht nur die Verbindung von Computerspielen und Musik, sondern zugleich Spiele und Musik selbst als spielerische Praktiken zu untersuchen“. Das führt zu einem zentralen Begriff in Fritschs Arbeit: Die Performance. Ausgehend von früheren Schriften – namentlich Playing with Sound aus dem Jahr 2013 von Karen Collins –  entwickelt Fritsch mit Hilfe eines eher theaterwissenschaftlich geprägten Performancebegriffs eine Methode, um drei Erscheinungsformen von Musik – Musik in Computerspielen, Musikspielen und Musikperformances – in einer gemeinsamen Theorie zu erfassen und analytisch zu untersuchen. Fritsch erarbeitet sich dabei einen spezifischen, den Gegenständen angemessenen Performancebegriff.

Ludomusicology: Das Phänomen Computerspielmusik

Sie trägt damit einer Besonderheit des kulturellen Phänomens Computerspiel Rechnung, nämlich der Tatsache, dass die Spieler sich der Computerspiele in allen ihren Erscheinungsformen ganz oder in Teilen in besonderem Maße bemächtigen, verändern, in andere Kontexte setzen und damit neue Ausdrucksformen schaffen. Diese neuen Formen sind so divers, dass sie herkömmlich kaum theoretisch erfasst und analytisch untersucht werden können. Dieser neue, grundlegende Ansatz ist hilfreich, um verschiedenste Ausformungen des Phänomens Computerspielmusik zu erforschen und auch in historische Kontexte zu setzen. Gleichwohl versteht sich der Ansatz nicht als „dogmatischer Gegenentwurf“, sondern vielmehr als Ergänzung zu mehr objektbezogenen Betrachtungsweisen.

Für jeden, der sich mit Phänomen Musik in Computerspielen grundlegend beschäftigen und dabei die Besonderheiten des Mediums nicht außer Acht lassen möchte, ist diese Arbeit sehr zu empfehlen.

Performing Bytes. Musikperformances der Computerspielkultur. Thurnauer Schriften zum Musiktheater, Band 35.
Melanie Fritsch, Performing Bytes. Musikperformances der Computerspielkultur. Thurnauer Schriften zum Musiktheater, Band 35, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2018.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *