Dragon Age: Origins. Electronic Arts. EA. Screenshot.
veröffentlicht von Martin Lorber am 08. August 2019

Rollenspiele im Wandel der Zeit – Teil 5.1: Die 2000er Jahre

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Ich nähere mich dem Ende meiner Beitragsreihe “Rollenspiele im Wandel der Zeit” mit einem Blick auf bekannte Rollenspiel-Meilensteine der 2000er Jahre. In den vorherigen Beiträgen zur Geschichte des Genres zeigte sich, welche Wurzeln das Genre besitzt, wie die ersten digitalen Rollenspiele aussahen, das Genre sich in den Jahren weiterentwickelt und schließlich den Markt erobert hat. Aufgrund der Vielzahl an Rollenspielen, die das Genre in diesem Jahrzehnt maßgeblich geprägt haben, erscheint dieser Beitrag in zwei Teilen. Der zweite Teil folgt nächste Woche und beschäftigt sich unter anderem mit den Rollenspielen des kanadischen Entwicklerstudios Bioware und dem Vorgänger der bekannten Dark Souls Reihe: Demon’s Souls.

Moderne Rollenspiele zeichnen sich insbesondere durch ihren starken Fokus auf die Erzählung einer epischen Geschichte sowie durch den Detailreichtum des gesamten Settings aus. Sie werden auch als die Romane des Computerspiels bezeichnet: Bei Rollenspielen führt der Spieler seine Figur durch üppig gestaltete Welten, löst Rätsel, findet Gegenstände oder erfragt Informationen und treibt so die Handlung voran. Die Weiterentwicklung der Technik ermöglichte es über die Jahre hinweg die Komplexität der Rollenspiele zu steigern. In den 2000er Jahren warten auf die Spieler nun teils aufwendig produzierte Spiele, an denen hunderte von Mitarbeiter gleichzeitig arbeiteten, in denen tausende von Dialogzeilen implementiert werden  und für die eine wachsende  Anzahl von Synchronsprechern engagiert wird.

Rollenspiele mit klassischem Mittelalter/Fantasy-Setting

Die zwei hier vorgestellten Rollenspiele mit einem klassischen Mittelalter- bzw. Fantasy-Setting könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Rede ist von The Witcher (2007) und der Spielereihe The Elder Scrolls, die  in den 2000er Jahren gleich mit zwei Fortsetzungen rund um den Kontinent Tamriel auftritt: Morrorwind (2002) und Oblivion (2006). The Witcher basiert auf der Hexer-Romanreihe des polnischen Fantasy-Autors Andrzej Sapkowski und ist damit eines der wenigen Exemplare seines Genres, das statt eines Pen & Paper Vorläufers einen literarischen Bezug besitzt. Das digitale Spiel erzählt  die Geschichte der Romane, rund um den Hexer Geralt und seiner schicksalshaften Beziehung zu seiner Ziehtochter Ciri, weiter. Die düstere – aber doch einzigartige – Atmosphäre (Teile bekannter grimmsche Märchen werden in die Handlung der Romane sowie Spiele eingeflochten) sowie das actionreiche Kampfsystem begeistern eine Vielzahl von Fans.

Ganz anders verfährt die Spielereihe The Elder Scrolls mit dem klassischen Mittelalter/Fantasy-Setting. Die Spieler sind weniger an die recht starren Erzählstrukturen einer vorformulierten Story gebunden, wie es teilweise in The Witcher der Fall ist. In Morrorwind sowie auch Oblivion liegt es an den Spielern ihre eigene Geschichte durch die sehr freie Gestaltung des eigenen Charakters zu erzählen. Die offene Welt trägt zur erzählerischen Freiheit der Spiele bei und sind bis heute ein starkes Aushängeschild der Spielreihe.

Rollenspiele mit modernem Sci-Fi / Endzeit-Setting

Im Jahr 2000 erschien mit dem von Ion Storm entwickelten Deus Ex eines der mittlerweile bekanntesten Spiele im sogenannten Cyberpunk-Setting. Diese Unterkategorie der Science Fiction ist ursprünglich in den 1980er Jahren entstanden und bietet eine eher dystopische statt utopische Vorstellung von der (nahen) Zukunft der Menschheit. Meist beherrschen machthungrige Konzerne die Städte und stellen Menschen mit Drogen ruhig. Es gibt Hacker, einen alles durchdringenden Cyberspace und Implantate, die Menschen stärker, schlauer oder schneller machen. Androiden oder künstliche Intelligenzen entwickeln ein menschenähnliches Bewusstsein. Im Mittelpunkt steht dabei die große Frage: Was macht Menschlichkeit überhaupt aus? In Deus Ex gerät der Hauptcharakter zwischen die Fronten eines geheimen Kriegs mächtiger Organisationen. Dabei muss er plötzlich alles in Frage stellen, woran er geglaubt hat. Die immense Entscheidungsfreiheit – sowohl beim spielerischen Vorgehen als auch beim Erleben der komplexen Geschichte, die durch spannende Charaktere mitgetragen wird, beeinflussen den Ausgang des  Spiels. System Shock aus dem Jahre 1994 gilt als wichtiger Einfluss für das von Warren Spector hauptverantwortlich entwickelte Rollenspiel. Inzwischen führte man die Deux Ex Serie mit vier weiteren Spielen fort.

Bioshock aus dem Jahr 2007 stellt ebenfalls eine Besonderheit dar. Der Titel ist zwar eher dem Ego-Shooter-Genre zuzuordnen, enthält aber auch Rollenspielelemente sowie Anleihen aus dem Survival Horror. Schauplatz der Handlung von Bioshock ist die fiktive, im Art-déco-Stil gehaltene Unterwasserstadt Rapture. Der Spieler erkundet den Ort, nachdem blutige Auseinandersetzungen zwischen den Einwohnern bereits zuvor weite Teile der Stadt zerstört haben. Der Spieler durchkämmt die Trümmer dieses gescheiterten Gesellschaftsexperiments auf der Suche nach einem Fluchtweg. Im Mittelpunkt der Handlung und des Spielkonzepts steht dabei auch die von Wissenschaftlern aus Rapture perfektionierte Genmanipulation.

Auch Rollenspiele mit postapokalyptischem Setting erfuhren eine Renaissance in den 2000er Jahren. Bevor Bethesda die Rechte an Fallout  gekauft hat, arbeitete Black Isle noch selber an einem dritten Teil. Mit der Insolvenz des Studios setzte Bethesda die Rollenspiel-Serie fort und entwickelte den dritten Teil von Fallout. Hierfür nahm man dieselbe Engine wie auch schon bei der Elder Scrolls Reihe – und versetzte die Serie auch erstmals in eine dreidimensionale Spielumgebung. Besonders hervorzuheben war an Fallout 3 die damals neuartige Mischung aus 50er-Jahre-Popkultur und futuristischen Roboter-Gegnern – gepaart mit dem Fallout-typischen schwarzen Humor. 2010 erscheint mit Fallout: New Vegas ein von Obsidian Entertainment entwickelter weiterer Ableger der Serie. Das Spiel war zwar relativ fehlerhaft als es veröffentlicht wurde, bot jedoch denkwürdige Quests und Fraktionen – und nach der Meinung vieler Fans eine faszinierendere Geschichte als der erste 3D-Teil der Serie. Obsidian entwickelte Fallout: New Vegas zwar als Auftragsarbeit. Der Charme der alten Fallout-Spiele kam hier jedoch noch einmal etwas deutlicher hervor, denn viele Mitarbeiter der Black Isle Studios fanden nach deren Schließung im Dezember 2003 eine neue Anstellung bei Obsidian.

Im zweiten Teil des Beitrags geht es um die Neuausrichtung Biowares, das Phänomen World of Warcraft und den Ursprung des “Souls-like” Genres.

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