Using a Plato IST-II terminal, circa 1978-1980; Author: Mabu2
veröffentlicht von Martin Lorber am 07. Juli 2018

Rollenspiele im Wandel der Zeit – Teil 2: Die 1970er Jahre

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Der erste Teil meiner Beitragsserie über die Geschichte der digitalen Rollenspiele behandelte die analogen Vorläufer der PC Rollenspiele. In Pen & Paper-Rollenspielen benötigten die Spieler neben Notizblock, Stift und Würfel noch eine Prise Vorstellungskraft, um Abenteuer in in fantastischen Welten zu erleben.  Dem Siegeszug im RL folgte rasch und konsequent der Schritt in die Welt der digitalen Spiele. Viele damalige Entwickler waren, ähnlich wie heutige, begeisterte Pen & Paper Fans und wollten das Spielgefühl der geselligen Spielrunden in die Welt der Pixel übertragen. So inspirierten  Pen & Paper-Rollenspielen Mitte der 1970er-Jahre die ersten Computer-Rollenspiele, die zunächst von Studenten für Studenten entwickelt wurden.

Digitale Visualisierung von Pen & Paper-Rollenspielen

Pen & Paper-Rollenspiele leben von der  Fantasie der Spieler. Die erlebte Geschichte und das Aussehen sowie das Handeln der Charaktere findet in den Köpfen der Spieler statt und wird durch den Spielleiter gelenkt. So wundert es nicht, dass schnell die Idee aufkam, dass das Medium digitales Spiel perfekte Voraussetzungen bietet, um diese Aspekte zu visualisieren, zu vertonen und interaktiv zu gestalten. Die wichtigste Voraussetzung aber war, wie so oft, der Komfortgedanke. Computer sollten die Rollenspielregeln verwalten und die Spiel-Ereignisse berechnen. Die ersten virtuellen Spielwelten wurden von der schon immer sehr beliebten Fantasy-Romanreihe Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien beeinflusst.

Rollenspiele in den 1970er Jahren: Zweckentfremdung an Universitäten

Anfang der 1970er Jahre boten nur Universitäten die erforderlichen Großrechner, um ein programmiertes Rollenspiel überhaupt zum Laufen zu bringen. Studierende oder Mitarbeiter nutzten ihren Zugang dazu recht “schamlos” aus. Allerdings hatten Computerspiele keinen guten Stand bei Dozenten und Professoren, da diese in ihren Augen Rechenkraft verschwendeten. Dementsprechend wurde Studenten die Entwicklung von Games verboten und entsprechende Programme rasch von den Universitäts-Computern gelöscht.

pedit5: Einer der ältesten Dungeon Crawler

Eines dieser verschmähten Spiele ist pedit5 (eigentlich The Dungeon), das Rusty Rutherford nach eigenen Angaben in einem Zeitraum von vier bis sechs Wochen Ende 1975 für das PLATO-Großrechnernetzwerk programmierte und wurde leider schon kurz nach der Veröffentlichung schon vom Server entfernt. Vom Spielprinzip her war es ein klassischer Dungeon Crawler und basiert lose auf dem Rollenspiel-Regelwerk von Dungeons & Dragons. Über simple grafische Darstellungen und Text wurden grundlegende Elemente aus D&D, wie Charakterwerte, Treffer- und Erfahrungspunkte, Monsterstufen und Belohnungen in Form von Schätzen übernommen. Der Spielcharakter war eine Mischung aus Kämpfer, Kleriker und Magier – der sogar gespeichert werden konnte, um mit ihm in der nächsten Sitzung fortzufahren. pedit5 zählt zu den ältesten erhaltenen Computer-Rollenspielen überhaupt und wird zudem als eines der frühesten Beispiele für die Nutzung von zufallsgenerierten Inhalten angesehen. Es wurde später unter dem Titel orthanc von anderen Programmierern weiterentwickelt und erneut veröffentlicht. orthanc ist ein Verweis auf den gleichnamigen Turm Sarumans aus Der Herr der Ringe.

Screenshot des Computer-Rollenspiels pedit5 (1975); Rusty Rutherford
Screenshot des Computer-Rollenspiels pedit5 (1975)

Das verschollene Rollenspiel: m199h

Definitiv das wohl älteste bekannte Computer-Rollenspiel entstand ebenfalls im Jahr der Veröffentlichung von Dungeons & Dragons, also 1974: m199h. Leider kann sich niemand erinnern, wie m119h konkret aussah und bis heute ist keine Kopie des Titels aufgetaucht. Es wurde kurz nach Fertigstellung durch einen Administrator vom System gelöscht und gilt damit als verschollen.

dnd: Das Spiel der Kerker

dnd (auch The Game of Dungeons) wurde von Gary Whisenhunt und Ray Wood 1974 an der Universität von Illinois geschrieben. Es gilt als das älteste noch erhaltene Computer-Rollenspiel. Eine nicht zu unterschätzende Leistung, bedenkt man die Herausforderungen bei digitaler Archivierung. Die Grafik bestand aus einfachen  ASCII-Zeichen. Zu dieser Zeit eine kleine Sensation! Auch in dnd finden sich schon die grundlegenden Merkmale von modernen Rollenspielen. Widersprüchlich sind die Angaben dazu welches Rollenspiel wirklich das ältere ist – pedit5 oder dnd? Der Entwickler Rusty Rutherford geht von einer zeitgleichen Entwicklung beider Spiele aus und gibt als Veröffentlichungszeitraum von pedit5 Ende 1975 an. Die Entwickler von dnd vertreten dagegen die These, dass sie pedit5 als direktes Vorbild für die Entwicklung ihres dnd genommen haben, wobei sie als Entwicklungsbeginn für ihr Spiel einen Zeitraum zwischen Ende 1974 und Anfang 1975 angeben.

Screenshot des Spiels dnd
Screenshot des Rollenspiels dnd

Videospiel-Koryphäe Don Daglow entwickelt Dungeon

Don Daglow von der Universität in Claremont veröffentlichte 1975 das Spiel Dungeon für die Großrechner des Typs PDP-10 der Digital Equipment Corporation. Größtes Alleinstellungsmerkmal: Dargestellt wurde, was die Spielfigur sieht (sogenanntes Line-of-Sight-System). Die Bewegung der Spielfigur durch die jeweiligen Levels erfolgte von unten nach oben. Da viele Freunde Daglows zu dem Zeitpunkt schon ihr Studium abgeschlossen hatten, war es schwer eine Pen & Paper-Spielrunde zu organisieren. Daglows Lösung: Das Spielprinzip von D&D auf den Computer zu übertragen und für eine Person alleine spielbar zu machen.

Dungeon ist eine der frühesten digitalen Adaptionen des Rollenspiel-Regelwerks von Dungeons & Dragons und sehr detailgetreu, auch wenn die Umsetzung ohne Lizenz des D&D – Herausgebers TSR erfolgte. Don Daglow ist auch heutzutage noch eine Koryphäe der Gamesentwicklung und ich hatte das Vergnügen vor einiger Zeit ein spannendes und aufschlussreiches Interview über die Entwicklungen in der Gamesbranche mit ihm zu führen:

Moria: Dungeon Crawler mit In-Game Läden

Auch Moria ist ein Dungeon Crawler, der erstmals um 1975 für das PLATO-System entwickelt wurde, die Copyright-Daten verweisen jedoch auf 1978 bzw. 1984. Übrigens nicht zu verwechseln mit dem von Robert Alan Koeneke entwickelten, gleichnamigen Moria von 1983. Das bahnbrechende erste Moria-Spiel von Kevet Duncombe und Jim Battin war seiner Zeit weit voraus: Es bietet eine First-Person-Perspektive und kooperativen Multiplayer für bis zu zehn Spieler, die als Gruppe reisen und miteinander kommunizieren können. Eine weitere Innovation von Moria waren die ersten In-Game-Läden. Kevet Duncombe behauptet, dass er die Werke von J. R. R. Tolkien selbst nicht gelesen und auch nicht von Dungeons & Dragons gehört habe, als die Entwicklung an Moria begann. Er kannte jedoch das Spiel dnd (bzw. The Game of Dungeons).

Screenshot des Begrüßungsbildschirms von Moria
Screenshot des Begrüßungsbildschirms von Moria

Oubliette: Bockschweres Party-Rollenspiel

Oubliette aus dem Jahr 1977 wurde von Jim Schwaiger, John Gaby, Bancherd DeLong und Jerry Bucksath entwickelt. Im Wesentlichen stellt das Spiel eine weiterentwickelte Version von Moria dar, mit neuen Funktionen und einem Gameplay bzw. Regelwerk, das sich stärker an D&D orientiert. Als eines der ersten Party-Rollenspiele konnten hier die Spieler mit einer Gruppe von 1-6 Charakteren den mehrstufigen Dungeon erkunden. Dabei alterten und starben die Figuren im Spielverlauf. Oubliette war allerdings so schwer, dass man es praktisch nicht alleine spielen konnte. Um zu überleben, mussten Spieler sich in Gruppen zusammenschließen.

Avatar: Das Multiplayer Studenten-Projekt

Ende der 1970er Jahre erschien Avatar, das zwischen 1976 und 1979 von mehreren Studenten programmierte und wahrscheinlich komplexeste der PLATO-Spiele. Geprägt von den anderen hier vorgestellten Spielen, sollte es insbesondere Oubliette übertreffen. Es bietet vor allem ein anspruchsvolleres Multiplayer-Erlebnis und Grafiken für die Navigation durch den Dungeon. Zudem liefert es Text im Chat-Stil, der sowohl für den Spielerstatus als auch die Kommunikation mit anderen eingesetzt wird.

Screenshot des Avatar-Logos
Screenshot einer späteren Version von Avatar

Die 1970er Jahre läuten die Ära der Computer-Rollenspiele ein

In den 1970er Jahren begann also die Ära der Computer-Rollenspiele. Die ersten Schritte waren noch zaghaft und der Technik geschuldet relativ beschränkt auf einen kleinen, aber durchaus illustren Kreis von Studenten. Spielspaß war jedoch von Anfang an gegeben, wovon man sich dank vieler Fan-Projekte und Emulatoren jetzt noch auf modernen Geräten überzeugen kann. Daher ist es kein Wunder, dass in den 1980er Jahren Computer-Rollenspiele ihren Siegeszug weiter fortsetzen. Im nächsten Beitrag dieser Serie werde ich aufzeigen, wie den digitalen Rollenspielen im nächsten Jahrzehnt der Durchbruch auf dem Games-Markt gelang.

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