Rollenspiele im Wandel der Zeit - Teil 4: Die 1990er Jahre
veröffentlicht von Martin Lorber am 01. Januar 2019

Rollenspiele im Wandel der Zeit – Teil 4: Die 1990er Jahre

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Auch im neuen Jahr setze ich meine Beitragsreihe zur Geschichte der Rollenspiele fort. Über den analogen Vorläufer, die Pen & Paper Rollenspiele, schrieb ich im ersten Teil dieser Reihe. Im zweiten und dritten Teil ging es mit den ersten digitalen Vertretern des Genres weiter. Dieser Beitrag schließt daran nahtlos an und bietet eine Übersicht über Rollenspiele aus den 1990er Jahren; ein wichtiges Jahrzehnt für das Genre, in dem die Weichen für aktuelle Spielmechaniken, Settings und Spielereihen gestellt wurden.

Die Geburtsstunde vieler Rollenspiel-Klassiker

War der Beginn des Jahrzehnts noch von immer weiteren Iterationen und leichten Weiterentwicklungen von alten Reihen und Spielmechaniken (Might and Magic, Ultima und die SSI Spiele auf AD&D-Basis) geprägt, so brachte es später wahre Klassiker und einige Innovationen mit sich. Die ersten Massively Multiplayer Online (MMO) Spiele erscheinen, möglichst frei erkundbaren Spielwelten (Open-World) werden für viele Rollenspielentwickler zum Thema und die ersten digitalen Spiele mit 3D-Grafik erschienen. Ultima Underworld: The Stygian Abyss ist beispielsweise eines der ersten Rollenspiele mit einer in Echtzeit generierten dreidimensionalen Grafik. Darüber hinaus feiern die ersten japanischen Rollenspiele auch auf dem westlichen Markt kommerzielle Erfolge. Dieses Jahrzehnt gilt als die Geburtsstunde vieler großer Rollenspiel-Klassiker, die für viele Spieler auch heute noch von hohem nostalgischen Wert sind.

Baldur’s Gate: Rollenspiele werden immer komplexer

Fragt man Spieler nach ihren favorisierten Rollenspielerlebnissen in den 1990er Jahren fällt häufig der Name Baldur’s Gate. Das 1998 erschienene Rollenspiel des kanadischen Studios BioWare richtet seinen Fokus auf eine komplexe Narration und tiefgründige Charaktere. Die Rollenspielwelt von Baldur’s Gate basiert, wie viele andere Titel des Genres, auf dem Regelwerk des Pen & Paper Fantasy-Klassikers Advanced Dungeons & Dragons. Die teils sehr emotionale, gut geschriebene Geschichte des Spiels über einen Lehrling auf dem Weg zur Gottheit (quasi die klassische Heldenreise) prägt den Ruf des kanadischen Studios BioWare, das bis heute für einen Schwerpunkt auf gelungenes Storytelling in Rollenspielen bekannt ist. Das Spiel gilt bis heute gemeinsam mit seinem noch ausgefeilteren Nachfolger (erschienen 2000) und dem Add-On quasi als Referenz im Rollenspiel-Genre. Immer wieder werden neu angekündigte Rollenspiele von der Presse häufig mit der Frage “Das nächste Baldur’s Gate?” vorgestellt und die Gerüchte über die Entwicklung eines dritten Teils brechen nicht ab.

Neverwinter Nights (AOL): Das erste grafische Online-Rollenspiel

Die 1990er markieren auch den Beginn der Massively Multiplayer Online Spiele, kurz MMO genannt, in denen Spieler gemeinsam die Welt eines Rollenspiels erkunden. Neverwinter Nights (1991), von Don Daglow entwickelt, ist das erste grafische Rollenspiel dieser Art und ermöglichte letzten Endes bis zu 500 Spielern gleichzeitig in die Vergessenen Reiche einzutauchen. Den Auftrag für das Spiel erteilte der amerikanische Internetanbieter AOL, der neben den Einnahmen durchs Spiel – Eine Spielstunde kostete damals 6 Dollar – sicherlich auch auf die anfallenden Kosten für die Internetverbindung schielte. Die Älteren erinnern sich sicherlich noch an Online-Kosten, die minütlich abgerechnet wurden. Auch aufgrund der damaligen äußerst beschränkten Datenübertragungsraten war die grafische Darstellung des MMO-Rollenspiels auf das Mindeste beschränkt. Mit Neverwinter Nights zeigt sich langsam der beginnende Übergang von der Ware zur Dienstleistung. Ein Großteil der MMO-Rollenspiele werden auch heute nach der Veröffentlichung weiterhin mit neuen Spielinhalten erweitert. Diese Strategie hält sich bis heute in den gängigen MMO-Rollenspielen wie World of Warcraft oder Final Fantasy XIV.

Ultima Online gilt heute als das älteste noch spielbare MMORPG. Entwickelt von Origin Systems und veröffentlicht durch Electronic Arts, basiert das Spiel auf der Singleplayer-Reihe Ultima des Game Designers Richard Garriott, der bis heute als Entwickler-Legende gilt.

Planescape: Torment – Fokus auf narrative Elemente

Ein weiteres Highlight der Rollenspiele in den 1990er Jahren ist definitiv Planescape: Torment (1999). Die Suche nach der eigenen Identität ist das bestimmende Motiv des Spiels, das von vielen Fans des Genres als eines der besten Rollenspiele aller Zeiten bezeichnet wird. Schon der Beginn des Spiels zeugt von der besonderen Atmosphäre und der Einzigartigkeit der Spielwelt. Die namenlose Spielfigur erwacht in einer Leichenhalle; ihm fehlen jegliche Erinnerungen an sein früheres Leben, sein Körper ist gezeichnet von unzähligen Narben und sein Rücken gebrandmarkt mit einer genauen Anweisung, der es nach dem Erwachen zu folgen gilt. Planescape: Torment gewährt Spielern eine außergewöhnliche Freiheit: Meist bleibt es ihnen überlassen, ob sie Kämpfe im Spiel durch soziale Interaktionen lösen. Wer besonderen Fokus auf die Attribute Weisheit, Charisma und Intelligenz legt, kann ein Großteil des Spieles ohne Kampf bestreiten. Dadurch ist Planescape: Torment besonders aus heutiger Sicht zwar sehr textlastig, eröffnet Spielern damit aber gleichzeitig eine Abkehr von den bisherigen etablierten kampflastigen Schwerpunkten im Rollenspielgenre und legt den Fokus klar auf narrative Elemente. Gemeinsam mit Baldur’s Gate setzt Planescape: Torment neue Standards bei der Party-Interaktivität. Die Spielfigur kann mit seinen Kameraden sprechen, sie aus der Abenteurer-Gruppe werfen oder gar romantische Beziehungen eingehen. Mit manchen Begleitern kommt man gar nie auf einen grünen Zweig. Unzufriedene Charaktere verlassen die Gruppe selbstständig, wenn sie mit den moralischen Entscheidungen des Spielers nicht einverstanden sind.

Diablo: Mehr Action in Rollenspielen

Mit Diablo entsteht ein neues Subgenre digitaler Rollenspiele: das Action-Rollenspiel. Das actionlastige Kampfsystem unterscheidet sich stark von den bisher dominierenden Rundenkampfsystemen. Strategisches Denken und das Erzählen einer komplexen Geschichte tritt hier stärker in den Hintergrund, vielmehr ist nun die Reaktionsfähigkeit des Spielers gefragt. Diablo entstand 1996 unter leitender Führung von David Brevik und Eric Schaefer bei Blizzard Entertainment und zieht den Spieler in eine düstere Welt voller Dämonen und Monster, die von dem namensgebenden Antagonisten Diablo angeführt werden. Die trostlose Spielwelt spiegelt den inneren Zwist der vom Spieler selbst gestalteten Spielfigur wieder. Zu Beginn des Spiels verliert er seine ganze Familie sowie sein Zuhause. Daraufhin beginnt eine tragische Heldenreise, die von Rache getrieben wird und zum Ziel hat Diablo höchstpersönlich aufzuspüren.

Eine Besonderheit des Rollenspiels stellt die isometrische ¾ Aufsicht der Spielwelt dar. In dieser Perspektive durchforstet man Kerker, auch Dungeons genannt, auf der Suche nach Diablo. Der Spielspaß wird durch zufallsgenerierte Dungeons zusätzlich gesteigert. Jeder Durchgang von Diablo gestaltet sich so zu einem neuen Abenteuer. Besonders hervorzuheben ist auch das Sound-Design und die musikalische Untermalung, die zur einzigartigen Atmosphäre des Action-Rollenspiels beiträgt.

Die 1990er Jahre legen das Fundament für moderne Rollenspiele

Unbedingt noch zu erwähnen ist der Beginn zweier großer Rollenspielreihen: The Elder Scrolls mit ihrem ersten Teil The Elder Scrolls: Arena (1994) und die Fallout-Reihe (erster Teil 1997). Beide Rollenspielserien könnten nicht unterschiedlicher sein. Das klassische Mittelalter-Fantasy Setting eines Dungeon & Dragons prägte einen Großteil der Spielwelt von The Elder Scrolls: Arena. Das Spiel ermöglicht dem Spieler eine Vielzahl von Freiheiten und Entscheidungsmöglichkeiten.

Die postapokalyptische Welt von Fallout bildet hierzu einen starken Kontrast. Attribute und Charaktereigenschaften spielen eine wichtige Rolle für die Spielmechanik, die im Verlauf des Spiels weise gewählt und ausgebaut werden müssen, um entscheidende Vorteile zum Überleben in der Spielwelt oder bei Dialogoptionen zu gewinnen. Noch heute bestehen beide Spieleserien fort und begeistern eine Vielzahl von Spielern.

In den 1990er Jahren wurde für ein Großteil heutiger Rollenspielhits wie Dragon Age, The Witcher oder Pillars of Eternity der Weg bereitet. Die narrativen Elemente der Rollenspiele wurden komplexer, die Grafiken detaillierter und die Spielmechaniken ausgeklügelter. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Rollenspiele der 90er noch heute als Klassiker der Videospielgeschichte gelten und ein Großteil der beliebtesten und am besten bewerteten Rollenspiele aus diesem Jahrzehnt stammen.

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