Wird der Jugendmedienschutz jetzt europaweit harmonisiert?

22. September 2011, Martin Lorber

Im Rahmen ihrer Initiative „Digitale Agenda“ hat die Europäische Kommission vergangene Woche einen Bericht zum Stand des Jugendmedienschutzes in Europa veröffentlicht. Im Fokus standen dabei die Maßnahmen der Mitgliedsstaaten zur Sicherung des Jugendmedienschutzes im Internet. Alle 27 Mitgliedsstaaten (und Norwegen) hatten dazu im Vorfeld einen umfangreichen Fragebogen ausgefüllt. Themen waren die Bekämpfung illegaler Inhalte, der Umgang mit schädlichen Inhalten aus anderen Staaten, der Einsatz von Zugangsbeschränkungen und aber auch die Regulierung von Videospielen.

Die Ergebnisse

Die Ergebnisse sind nicht wirklich erstaunlich: Der Bericht zeigt zwar, dass mittlerweile alle Staaten ein Bewusstsein für die Problematik entwickelt haben, aber jedes Mitgliedsland geht damit anders um und hat eigene Maßnahmen entwickelt, um seine Jugend im Web zu schützen. Die Folge: Ein europaweiter „Flickenteppich“ aus Maßnahmen, der, laut EU-Kommission, „nur zur Fragmentierung des Binnenmarktes und zur Verwirrung von Eltern und Lehrern führen kann, die herauszufinden versuchen, wie sie die Kinder am besten auf die Onlinewelt vorbereiten und sie darin schützen können.“

Europäische Harmonisierung

Der Bericht zeigt in erste Linie den Status quo, eine Bewertung der Sachlage bzw. konkrete politische Forderungen werden lediglich am Rande formuliert. Dennoch scheint eines für die Kommission ganz klar: Für einen zukunftsfähigen und effektiven Jugendmedienschutz im Internet ist ein umfassender Harmonisierungsprozess unumgänglich. Und zwar auf zwei Ebenen:

1.)   Unterschiedliche Klassifizierungssysteme für einzelne Medien vereinheitlichen

Die Umfrage der EU-Kommission zeigt: 16 Mitgliedstaaten (und Norwegen) haben unterschiedliche Klassifizierungssysteme für verschiedene Medien. Zehn dieser Mitgliedsstaaten (und Norwegen) sehen darin inzwischen ein Problem, das sich durch eine Harmonisierung lösen ließe. Die EU-Kommission schließt sich in ihrem Bericht dieser Meinung an: Gerade vor dem Hintergrund der voranschreitenden Medienkonvergenz sei es nötig, die Maßnahmen des Jugendmedienschutzes nicht länger an einzelne Medien zu koppeln. Nur so ließen sich die Maßnahmen an die technischen Weiterentwicklungen anpassen. Am besten geeignet ist dazu aus Sicht der Kommission ein einheitliches System, das auf die Selbstklassifizierung von Inhalten durch die Anbieter setzt. Dann müsse allerdings regelmäßig kontrolliert werden, ob die Anbieter ihre Klassifizierungspflicht auch erfüllen.

2.)   Jugendschutzmaßnahmen der europäischen Mitgliedsstaaten vereinheitlichen

Der Bericht der Kommission macht außerdem deutlich: Die einzelnen Mitgliedsländer schätzen den Anteil schädlicher Inhalte aus anderen Mitgliedsländern und Nicht-EU-Ländern jeweils für erheblich höher ein als den Anteil entsprechender Inhalte aus dem eigenen Land. Als Konsequenz sprachen sich alle Länder für eine stärkere Harmonisierung des Jugendmedienschutzes zumindest auf europäischer, wenn nicht sogar auf internationaler Ebene aus. Zwar befürchten einige Länder, hier auf unüberwindbare, kulturelle Hindernisse zu stoßen, 16 Mitgliedsstaaten (und Norwegen) schätzen ein (zumindest) europaweites Klassifizierungssystem jedoch als praktikabel ein. Wenn es dagegen darum geht, technische Maßnahmen zur Durchsetzung festgelegter Altersstufen (Filter, Altersüberprüfungssysteme, etc.) zu bewerten, sind die Mitgliedsstaaten uneinig. Gerade was die Themen Nützlichkeit, Angemessenheit, technische Durchführbarkeit und Zuverlässigkeit angeht, weichen die Meinungen stark voneinander ab. Einig ist man sich nur darin, eine größere Transparenz bei der Indizierung bestimmter Inhalte zu fordern. Außerdem sollten die Möglichkeiten diese Indizierungen wieder aufzuheben, nachvollziehbarer gestaltet werden.

Während die Mitgliedsstaaten die Harmonisierungsfrage noch recht unterschiedlich beantworten, formuliert die EU-Kommission in ihrem Bericht eine klare Richtung: Um den IKT-Sektor in Europa zu stärken und vor allem um die Vorteile der digitalen Welt auch für Kinder zugänglich zu machen, bedarf es eines Jugendschutzsystems auf europäischer Ebene. Alle Mitgliedsstaaten sollen dabei eigene kulturelle Aspekte in die Gestaltung und Implementierung des Systems einbringen können, so die Vorstellungen der Kommission.

Die Umfrage unter den EU-Mitgliedsstaaten und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen der EU-Kommission spiegeln meines Erachtens genau das wider, was wir in der Diskussion um einen modernen Jugendmedienschutz dringend brauchen: Eine Verlagerung der national geführten Diskussionen auf eine europäische Ebene und ein Abrücken von alten Regulierungsmustern. In Zeiten zunehmender Medienkonvergenz und der Internationalisierung von Medienangeboten muss auch in Sachen Jugendmedienschutz medien- und grenzübergreifend gedacht werden. Ermutigend finde ich, dass die Mitgliedsstaaten, laut Umfrage, das PEGI-Online-System, das schon heute zur europaweiten Klassifizierung von Online-Spielen genutzt wird, als eine grundsätzlich gute Lösung betrachten. Der vorliegende Bericht der EU-Kommission lässt hoffen, dass das Thema Harmonisierung des Jugendmedienschutzes im Rahmen der Digitalen Agenda nun verstärkt Eingang in die europapolitische Debatte hält und sich daraus letzten Endes konkrete politische Handlungsempfehlungen für die Mitgliedsländer ergeben.

Weitere Links zum Thema:

Web: Digitale Agenda für Europa
Web: EU in Deutschland
Web: Europäische Kommission




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Kommentare

  1. Pingback: Wird

  2. Hermann schreibt am 7. November 2013 um 16:54

    Das Problem beginnt doch schon damit, dass die Mitgliedstaaten (und Norwegen) unterschiedliche Klassifizierungssysteme für verschiedene Medien haben. Bevor es zu einer Harmonisierung des Jugendmedienschutzes kommt, sollte erst einmal die Basis geklärt werden. Davon abgesehen, erscheint die Diskussion und das Vorhaben bigott und verlogen. Da kümmern sich die Staaten darum, die Jugend in den Medien vor Gewalt und Sex zu schützen, und im Internet wird Wild West geboten. Auch als Model sind die Staaten nicht gerade zu gebrauchen. Da wird auf der einen Seite gegen den Schmutz in den Medien gekämpft, auf der anderen Seite der Verkauf von Zigaretten an Jugendliche gebilligt. Jetzt muss geklärt werden, wer ist denn heutzutage noch ein Jugendlicher? 10 Jährige wissen bedingt durch das WWW heute mehr als jeder ihrer Altersgenossen vor 30 Jahren. Verbessert hat das die Welt nicht. Im Gegenteil. Es sind nicht unbedingt die Medien, die dafür verantwortlich sind, sondern die ganze Gesellschaft mit ihrem raffgierigen rücksichtslosen Verhalten.

    • Martin Lorber schreibt am 11. November 2013 um 10:36

      Sie sprechen eine Reihe von Problem jenseits der uneinheitlichen Klassifizierungssysteme für Games in Europa an. Dass das Internet auch schon für Kinder eine Art Tor zur Welt ist, in der sie nicht nur auf schöne, lehrreiche oder unterhaltsame Seiten treffen, ist sicherlich eine zutreffende Situationsbeschreibung. Ich denke, dieses Rad lässt sich aber nicht zurückdrehen, und wir sollten lieber daran arbeiten, die Kindern, wenn sie noch sehr klein sind, zu schützen, und sie dann nach und nach befähigen, mit den Chancen und Risiken des Internets umzugehen.

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