Wieder Killerspieldebatte bei Nominierungen zum deutschen Computerspielpreis (Update)

25. April 2012, Martin Lorber

Am morgigen Donnerstag wird in Berlin der Deutsche Computerspielpreis verliehen. Im Vorfeld gibt es einige Diskussionen über die Nominierungen. Der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen sagt dazu: „Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion distanziert sich von der Entscheidung der unabhängigen Jury, in der Kategorie ‘Bestes Deutsches Spiel’ ein sogenanntes Killerspiel zu nominieren. Wir halten diese Nominierung für unvertretbar.“ Er fordert, dass für die Bewertungskriterien der Preisverleihung eine Rückbesinnung auf den kulturell-pädagogischen Wert eines Computerspiels stattfindet. „Sogenannte Killerspiele dürfen nicht honoriert werden, auch wenn sie technisch noch so ausgereift sind.“ Selbst eine Neubesetzung der Jury wird implizit angesprochen.

Die Aussagen von Wolfgang Börnsen sind sehr überraschend und aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar. Es ist ja keineswegs das erste Mal, dass ein Spiel mit einer Altersfreigabe ab 18 nominiert wurde. Mit dem Deutschen Computerspielpreis sollen Spiele gefördert werden, die innovativ, kulturell und pädagogisch wertvoll und darüber hinaus unterhaltsam sind. Es sind also unterschiedliche Aspekte in den Blick zu nehmen. Genau wie bei Buch, Film oder anderen Medien auch, setzen Spiele-Entwickler unterschiedliche Stilmittel ein, um bei den Spielern eine Emotion zu erzeugen. Wie alle anderen Medien greifen Computer- und Videospiele das auf, was sich in der Welt ereignet. Sie sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Liebe, Freundschaft, Natur, aber genauso auch Gewalt, Krieg und Aggression finden den Weg ins Computerspiel. Im Medium Computerspiel werden die Geschichten, die uns bewegen, auf moderne Art erzählt. Und genau wie beim Film sollte die Altersfreigabe keine Rolle bei der Frage nach der Preiswürdigkeit eines Mediums spielen, wenn es um den besten Film oder das beste Spiel geht, sonst wäre es der Kinder- und Jugendspielpreis. Übrigens hat die familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dorothee Bär, in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass bei dem Deutschen Computerspielpreis auch Spiele mit einer Altersfreigabe ab 18 berücksichtigt werden sollten. Wir freuen uns also sehr über die Nominierung.

Die Diskussion geht weiter. Andere Parteien reagieren mit Unverständnis auf die Stellungnahme der CDU/CSU.

Tabea Rößner, Sprecherin für Medienpolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die GRÜNEN, und Malte Spitz, Mitglied im Bundesvorstand, kommentieren den Vorstoß der CDU/CSU wie folgt:

„Die Entscheidung, das Spiel “Crysis 2″ als bestes deutsches Spiel beim Computerspielpreis zu nominieren, hat eine Fachjury getroffen, die laut Beschluss des Bundestages unabhängig arbeiten soll. Computerspiele sind Kulturgut unserer Gesellschaft, damit genießen sie sowohl Kunstfreiheit  wie auch die Freiheit, nicht gefallen zu müssen. Jugendschutz spielt bei der Einordnung und Bewertung natürlich eine Rolle, darf aber nicht das alleinige Kriterium sein, so sehen auch die Kriterien des Preises aus. Wenn jetzt die CDU Fraktion bereits vor Preisvergabe allein die Nominierung dieses Spiels angreift und gleich mit der Auflösung der gesamten Jury droht, ist das eine Unverschämtheit. Es ruiniert das Ansinnen des Preises, welcher eh schon durch massive politische Einflussnahme in der Vergangenheit gelitten hat.

Das die CDU mit Herrn Börnsen in alte Schützengräben zurückfällt und reißerisch von ‘Killerspielen’ spricht, hilft der Debatte um Computerspiele in Deutschland genauso wenig. Man soll und muss Kritik an Entscheidungen einer Jury üben dürfen, ihr aber zu drohen und politisch unliebsame Entscheidungen bei einem solchen Preis in den Vordergrund zu stellen, lehnen wir entschieden ab.“

Ähnlich äußert sich auch der Sprecher der Arbeitsgruppe Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion, Siegmund Ehrmann. Wichtig sei, „dass es sich um die Entscheidung einer unabhängigen Jury handelt, die auch kontroverse Entscheidungen treffen kann“. Die SPD-Fraktion stehe „einer Diskussion für eine Konkretisierung der Zielsetzung des Computerspielepreises offen gegenüber“. Voraussetzung dafür sei aber eine „sachliche und differenzierte Debatte. Allein die Verwendung des Begriffs ‘Killerspiel’ lässt Zweifel zu, ob die Union überhaupt ein Interesse an einer sachlichen und differenzierten Debatte hat.“

Der Vorsitzende des Unterausschusses Neue Medien im Deutschen Bundestag, Sebastian Blumenthal (FDP), kommentiert die Kritik an der Jury wie folgt:

„Wenn es Zweifel an den Kriterien der Bewertung für die Preisverleihung des vom Bundestag anteilig finanzierten Preises geben sollte, müssen diese von den Fachpolitikern im Kultur- und Medienausschuss diskutiert werden. Wir halten es allerdings für nicht zielführend, wenn nun die Jury in den Fokus der Kritik gerückt wird. Eine Jury, die nur den Zweck hat, politische Vorfestlegungen bei der Preisverleihung umzusetzen, ergibt keinen Sinn. Es ist nicht hilfreich, wenn die Politik in diesem Zusammenhang in eine undifferenzierte Killerspiel-Rhetorik verfällt – da waren wir schon mal weiter.“

Die Diskussion um den Deutschen Computerspielepreis geht weiter. Inzwischen haben auch einige der kritisierten Jurymitglieder eine Stellungnahme zu den Aussagen von Wolfgang Börnsen abgegeben. Lars Klingbeil (SPD), Thomas Jarzombek (CDU), Jimmy Schulz (FDP) und Peter Tauber (CDU) gaben gemeinsam folgende Erklärung ab:

„Als Mitglieder der Jury unterstützen wir gemeinsam die Nominierung bzw. Auszeichnung der Preisträger. Auch die Entscheidung bezüglich des Spiels Crysis2 haben wir gemeinsam mitgetragen. Gerne stellen wir uns einer kritischen Debatte über die getroffenen Entscheidungen. Wir verweisen darauf, dass wir als Jury-Mitglieder unabhängig entschieden haben und für uns der festgelegte Kriterienkatalog bei der Entscheidungsfindung handlungsleitend waren. Einer Diskussion über neue Kategorien stehen wir offen gegenüber. Die Forderung nach einer Neubesetzung der Jury weisen wir aufs schärfste zurück.“

Am gestrigen Abend wurde Crysis 2 von der Jury als bestes deutsches Computerspiel ausgezeichnet. Diese Entscheidung ist ein Zeichen, dass sich die Jury von den politisch motivierten Attacken einiger weniger nicht hat beindrucken lassen und ihre Unabhängigkeit gewahrt wurde. Dies freut mich, da es eine Stärkung der Computer- und Videospiele als anerkanntes Medium und Kulturgut in Deutschland bedeutet.

Weitere Links zum Thema:

Blog: Politiker-LAN im Bundestag: Ein Jahr danach!

Blog: Gastbeitrag Dorothee Bär (Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Familie, Senioren, Frauen und Jugend): Deutscher Computerspielpreis 2011

Web: Handelsblatt.de – Union uneins über Ego-Shooter-Auszeichnung

Web: Golem.de – CDU/CSU kritisieren Nominierung des „Killerspiels“ Crisys 2

Web: Unionsfraktion kritisiert “Killerspiel”-Nominierung

Web: Gemeinsame Stellungnahme zur Diskussion um den Deutschen Computerspielpreis

Web: Trotz politischem Druck: “Crysis 2″ bekommt Deutschen Computerspiel-Preis

Video: Golem.de – 1. Politiker-LAN im Reichstag – Reportage (mit einem Interview mit Frau Bär zur Frage der Altersfreigabe beim Deutschen Computerspielpreis bei 2’10)




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Kommentare

  1. Ibo schreibt am 25. April 2012 um 16:47

    Hallo,

    gelungener Kommentar der erneuten Debatte. Ich denke ein Verweis auf die Filmbranche mit dem preisträchtigen Blockbuster Inglourious Basterds wäre hilfreich, der Fraktion bei der geforderten “Neubewertung” ihre eigene Widersprüchlichkeit vor Augen zu führen: http://www.film-zeit.de/Film/20713/INGLOURIOUS-BASTERDS/Preis/

    • Martin schreibt am 25. April 2012 um 18:04

      Vielen Dank. Es freut mich aber, dass sich die Stimmen aus den anderen Lagern auch häufen. Selbst CDU-Bundestagsabgeordneter Thomas Jarzombek, sagte am Mittwoch: „Wenn ein Film wie Quentin Tarantinos ‘Inglorious Basterds’ mit Millionen von öffentlichen Geldern gefördert wurde und sogar mit dem Prädikat ‘wertvoll’ ausgezeichnet wird, kann man nicht Spiele verschmähen, die nicht viel anders sind.“ Man sieht, dass sich in den vergangen Jahren doch etwas in der öffentlichen Wahrnehmung getan hat, was ich persönlich sehr begrüßen würde.

  2. Harald schreibt am 25. April 2012 um 23:20

    Ich finde es bemerkenswert, dass nach wie vor derartige Stereotype über Computerspiele grassieren, zumal in aktuellen Studien keine negativen Effekte gewalthaltiger Computerspiele für Jugendliche festgestellt werden konnten (vgl. Ferguson 2012, 615).

    http://www.tamiu.edu/~cferguson/Just%20a%20Game.pdf

    Vielleicht laden Sie die Damen und Herren Politiker zur Clash of Realities 2012 ein?

  3. kalehill schreibt am 26. April 2012 um 07:36

    Vielen Dank für den Beitrag. Spannend ist bei dieser Angelegenheit auch, dass die Linien eben nicht zwischen den Parteien, sondern vielmehr zwischen den Generationen verlaufen, siehe zum Beispiel:
    http://c-netz.info/blog/statement-crysis2/
    http://petertauber.wordpress.com/2012/04/25/gemeinsame-stellungnahme-zur-diskussion-um-den-deutschen-computerspielpreis/

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