Weil das Thema Computerspielsucht immer wieder aufkommt, hier erneut ein paar Thesen zum Thema.
veröffentlicht von Martin Lorber am 06. Juni 2011

Entscheidung des Supreme Court der USA: Niederlage für Befürworter strikter Jugendschutzgesetze?

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Die amerikanischen Verbände der Spielindustrie feiern es als einen großen Sieg: Der oberste Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten hat das vom ehemaligen Gouverneur Arnold Schwarzenegger unterzeichnete kalifornische Gesetz, das den Verkauf gewaltdarstellender Spiele an Minderjährige beschränkt und Zuwiderhandlung unter Strafe stellt, wegen Verstoßes gegen die Meinungsfreiheit für verfassungswidrig erklärt. Das Urteil vom Supreme Court bedeutet: Spiele rücken in ihrer Bedeutung deutlich zu Filmen oder Büchern auf und werden durch die in der amerikanischen Verfassung garantierten grundlegenden Freiheitsrechte geschützt. Darunter zählen in den USA die Religionsfreiheit, die Rede- und Pressefreiheit sowie die Versammlungsfreiheit.

Wie das Branchenmagazin GamesMarkt berichtet, haben bereits viele namhafte US-Verbände zu dem Urteil Stellung bezogen. Hier ein Auszug der vom GamesMarkt veröffentlichten Statements:

Entertainment Merchants Association

„Wir sind zufrieden, dass unsere Position, das Gesetz verletze die im ersten Verfassungszusatz garantierte Meinungsfreiheit, bestätigt wurde“, erklärte Bo Andersen, President & CEO der EMA, welche die ursprüngliche Klage gegen das Gesetz einreichte. Gleichzeitig bekannte sich Anderson im Namen seiner Mitglieder zum Jugendmedienschutz. „Die Videospiel-Händler wissen, dass sie die Verantwortung haben, Eltern dabei zu unterstützen, informierte und überlegte Entscheidungen zu treffen, welche Spiele sie für ihre Kinder kaufen sollen, und dass Kinder keine M-gelabelten Spiele ohne Einverständnis ihrer Eltern kaufen“.

Entertainment Software Association

„Dies ist ein historischer und vollständiger Sieg für den ersten Verfassungszusatz und die kreative Freiheit von Künstlern und Autoren überall“, so Michael Gallagher, President und CEO der ESA. „Das Gericht hat eindringlich erklärt, dass Inhalts-basierte Restriktionen für Spiele verfassungswidrig sind und dass Eltern und nicht Bürokraten der Regierung, das Recht haben zu entscheiden, was für ihre Kinder angemessen ist.“

 

Jacob und Wilhelm Grimm: Sind nicht nur weltweit für ihre Märchen bekannt, sondern gelten auch als Gründungsväter der Germanistik.
Jacob und Wilhelm Grimm: Sind nicht nur weltweit für ihre Märchen bekannt, sondern gelten auch als Gründungsväter der Germanistik.

International Game Developers Association

„Es ist bedeutsames Urteil für unsere Industrie, da es bestätigt, dass kreatives Storytelling eine Wesensart unseres Mediums ist. Dieser Fall wird weitreichende Auswirkungen auf die gesamte US-Spiele-Industrie haben und die IGDA wird das Urteil in den kommenden Tagen noch tiefergehend analysieren“, so das IDGA Board in einer gemeinsamen Erklärung.

Entertainment Software Rating Board

„Die heutige Entscheidung erkennt den Nutzen und die Effektivität des ESRB Rating-Systems an, genauso wie die positive Beurteilung unseres Selbstregulierungssystems durch die Federal Trade Commission und die jüngsten Untersuchungen, die gezeigt haben, dass die US-Händler sich in einer überwältigenden Art und Weise an ihre freiwilligen Selbstbeschränkungen beim Verkauf von ,M‘-gekennzeichneten Spielen halten“, so Patricia Vance, President der Spielekennzeichung-Organisation ESRB.

In den USA gehören Spiele eher zum schützenswerten Gut als hier bei uns, der Supreme Court betont deutlich die Freiheitsrechte des ersten Verfassungszusatzes. Der oberste Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten geht noch weiter und hebt die Spiele gar auf eine Stufe mit den Märchen der Gebrüder Grimm, die in der 92 Seiten starken Urteilsbegründung des Falles „Brown v. Entertainment Merchants Assn.“ ausführlich zitiert werden. Auf Seite 8 der Urteilsbegründung heißt es, Kinderbücher, die seit vielen Jahrzehnten jeden Tag von amerikanischen Kindern gelesen werden, würden auch Gewaltdarstellungen enthalten: „Grimm’s Fairy Tales, for example, are grim indeed“. Egal, ob Hänsel und Gretel (als Kinder!) die böse Hexe im Ofen backen, Schneewittchen vergiftet wird oder Aschenputtels böse Stiefschwestern von Tauben die Augen ausgepickt bekommen, niemand komme auf die Idee, Kindern die Märchen der Gebrüder Grimm zu verbieten.

In der Urteilsbegründung werden weitere Klassiker der Literatur aufgeführt, die ebenfalls nicht gewaltfrei sind aber trotzdem zum festen Bestandteil des Schulunterrichtsstoffs gehören, wie etwa Homers Odyssee, in der der Held Odysseus den ihm nicht freundlich gesonnenen Zyklopen blendet.

Hänsel und Gretel, eines der Märchen der Gebrüder Grimm (Quelle: wikipedia.org / Ludwig Richter)
Hänsel und Gretel, eines der Märchen der Gebrüder Grimm (Quelle: wikipedia.org / Ludwig Richter)

Was bedeutet dies für Deutschland? Man darf gespannt sein, wie das Urteil des obersten Bundesgerichtshofs der Vereinigten Staaten auch die Diskussion in Deutschland weiter beeinflussen wird. Über die unterschiedliche Betrachtungsweise und Handhabung von Filmen, Büchern und Videospielen habe ich ja bereits mehrfach im Blog berichtet. Beispielsweise Anfang des Jahres über den Vergleich der Wirkung von Gewalt in Videospielen mit der Wirkung von Fernsehen.

Das Fazit damals wie heute: Für die ungleiche Behandlung von Videospielen und Filmen im deutschen Jugendschutz gibt es schlicht keine wissenschaftliche, empirisch belegte Begründung.

Im April habe ich die sehr erfreuliche Entwicklung bei den Grammy Awards aufgegriffen, die Spiele als gleichwertiges Medium neben Film und TV anerkennen.

Ist das aktuelle Urteil in den USA also der richtige Weg? Gehören Computer- und Videospiele zum schützenswerten Gut und sollten oder müssen sie gar auf eine Ebene mit Filmen und Büchern gestellt werden? Und was bedeutet dies für die aktuelle Diskussion rund um den Jugendmedienschutz? Bei Spiegel Online wird die Entscheidung  als „eine Niederlage für Fans strikter Jugendschutzgesetze“ angesehen.

Erst vor einer Woche hatte ich aus Anlass des 23. Medienforum NRW in Köln fünf Thesen zum Thema Jugendmedienschutz zur Diskussion gestellt. Und darin gefordert, dass es unter anderem ein einheitliches System für die „alte Welt“ der Datenträger und das Internet geben muss sowie auf die Gefahr des deutschen Sonderwegs im Jugendmedienschutz für den Kreativstandort Deutschland hingewiesen.

Was denken Sie?

Weitere Links zum Thema:

Web: GamesMarkt (gamesmarkt.de)

Web: Urteilsbegründung des Supreme Courts (supremecourt.gov)

Web: Entertainment Software Association (theesa.com)

Web: International Game Developers Association (igda.org)

Web: Entertainment Software Rating Board (esrb.org)

Web: Spiegel Online (spiegelonline.de)

Kommentare
  1. Serienfan sagt:

    Das kalifornische Gesetz, dass den Verkauf gewaltdarstellender Spiele an Minderjährige verbietet sollte hier auch umgesetzt werden.

  2. Pingback: Highlight
  3. Jürgen sagt:

    Das größte Problem des kalifornischen Gesetzes liegt in der offenbar darin fest intendierten Ungleichbehandlung von Videospielen zu anderen Medien.
    Obwohl es auch in Deutschland da Unterschiede gibt, etwa bei Filmen das Kino-Privileg, dass in Lichtspielhäusern auch für „einfach jugendgefährdend“ erklärte Werke mit FSK-Kennzeichnung laufen dürfen, sind diese doch eher nur auf so besondere Eigenschaften eines Mediums bezogen und werden Videospiele nicht in Kinos aufgeführt: auch die Novelle von 2003 in Deutschland hat Filme und Videospiele beim Jugendschutz demnach mehr oder weniger gleich behandelt. Gerade das erscheint mir dabei das Wichtigste zu sein.

    Ken Levine hat bei Kotaku etwa auch angemerkt, dass das Gesetz durchaus zu weniger Videospielen unterhalb des heutigen M-Ratings in den USA geführt hätte, und entgegen der Absicht des Gesetzes zu (noch) mehr Gewaltdarstellungen in Videospielen und zu (noch) weniger Spielen für Kinder, da die Industrie
    so auf Nummer Sicher gegangen wäre und Vorteile niedrigerer Einstufungen durch das Gesetz womöglich abhanden gekommen wären.
    Ich denke es gibt dabei viele Dynamiken die zunächst vielleicht absurd erscheinen, jenseits des Offensichtlichen aber zu berücksichtigen wären. Es ist nämlich nicht davon auszugehen, dass sich durch ein solches Gesetz plötzlich der Publikumsgeschmack ändert und um diesen zu bedienen hätte es auch weiterhin wohl Vertriebswege geben müssen.

    Sehr schön in diesem Beitrag hier finde ich übrigens den Hinweis auf die Geschichte der Germanistik.

  4. Martin sagt:

    Hallo und vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Die Äußerung von Ken Levine (http://kotaku.com/5815921/kotick-riccitiello-levine-and-more-praise-supreme-court-victory) klingen durchaus plausibel. Ähnlich wie Musik, Bücher oder Filme haben auch Spiele eine Berechtigung für jede Altersklasse – und wie bei allen Medien gibt es passende Produkte für jede Zielgruppe. Gerade bei der Ausbildung von Medienkompetenz ist es aus meiner Sicht enorm wichtig, dass Kinder schon früh in einem kontrollierten Umfeld den Umgang mit Spielen lernen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Martin Lorber

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