veröffentlicht von Martin Lorber am 07. Juli 2014

Berufe in der Videospielindustrie: Interview mit Gracie Arenas Strittmatter, Technical Artist bei Bioware

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In meinem letzten Beitrag habe ich den Beruf des Technical Artists vorgestellt. Heute folgt wie angekündigt ein Interview mit Gracie Arenas Strittmatter, Technical Artist bei Bioware, die uns aus erster Hand über den Alltag in diesem Berufsfeld erzählen wird.

Vielleicht fangen wir einfach mal mit einem typischen Tag an. Wie sieht der für dich aus?

Ganz ehrlich? DEN typischen Arbeitstag gibt es für Technical Artists eher selten. Über die Jahre hinweg habe ich Concept-Artists bei der technischen Gestaltung der Charaktere und Spiel-Umgebungen auf ganz unterschiedliche Weisen unterstützt. Ich sehe mich gerne als eine professionelle Problemlöserin! Mit meinem Hintergrund als Künstlerin und Programmiererin helfe ich bei der Entwicklung von Werkzeugen für die Künstler und dem Finden und Beseitigen von Problemen. Manchmal heißt es also Werkzeuge entwickeln um das Leben der Künstler einfacher zu machen. Und manchmal heißt es sich in mir unbekannte Arbeitsabläufe von Kollegen einzuarbeiten, um diese auf potentielle Fehlerquellen abzuklopfen.

Was hält dich in der Nacht wach?

Manchmal ist es nicht so leicht wie erhofft, eine elegante Lösung für ein Problem zu finden. Dann gehe ich nach Hause und das Problem will einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden. Um in einem solchen Fall ein wenig abzuschalten surfe ich ohne konkretes Ziel die verschiedensten interessanten Quellen im Netz an. Auf Reddit, Kickstarter Facebook oder sogar LinkedIn sammele ich dabei neue Inspiration. Es ist kaum zu glauben, wie viele spannende Ideen die Menschen da draußen haben. Oft kommt mir die Lösung für ein hartnäckiges Problem genau dann, wenn ich mich nicht wirklich mit ihm befasse – gerne auch mal im Schlaf.

Was war die wichtigste Lektion, die du während deiner bisherigen Karriere gelernt hast?

Manchmal kommt man im Laufe seiner Karriere schon ein wenig ins Grübeln darüber, was das Beste für einen ist. Fühle ich mich in meinem Job ausreichend wertgeschätzt oder werde ich mit meinen Fähigkeiten richtig eingesetzt? Inzwischen weiß ich, dass es DEN perfekten Job nicht gibt. Es gibt aber sicherlich einen Job, der dich ausfüllt und in dem du dich zu der Person entwickeln kannst, die du sein möchtest. Man sollte über die Frage – Wo möchte ich arbeiten? – nicht vergessen, wer man sein möchte.

Was würdest du jemanden raten, der mit dem Gedanken spielt in die Games-Branche einzusteigen?

Erst einmal sollte man sich im Klaren darüber sein, in welcher Rolle man in die Branche einsteigen möchte. Wenn du anderen Leuten stets deine neusten Ideen für Spiele oder Spielmechaniken vorstellst, solltest du vielleicht über eine Karriere als Gamedesigner nachdenken. Du magst Mathematik und Computer? Da liegt der Beruf des Programmierers nahe. Du bist eher künstlerisch begabt? Damit könntest du für Charaktere und Umgebungen verantwortlich sein. Informiere dich im Vorfeld, welche Rollen du mit deinen Interessen und Fähigkeiten ausfüllen könntest und such dir einen Ausbildungsweg, der dich weiter darauf vorbereitet. Ich selbst hatte schon immer eine große Leidenschaft für Mathematik, Computer und Kunst. Glücklicherweise habe ich es geschafft diese drei Dinge unter einen Hut zu bringen, indem ich einen Abschluss in Computer Science mit Nebenfach Mathematik studiert und zusätzlich noch Kunstseminare besucht habe.

Ein weiterer wichtiger Tipp: Kümmere dich so früh wie möglich um ein funktionierendes Netzwerk! Besuche oder organisiere Fachkonferenzen. Die Bedeutung eines eigenen Netzwerks solltest du niemals unterschätzen. Es gehört zu den wichtigsten Dingen, die du für dich ganz persönlich aufbauen kannst.

Lebst du deine Kreativität auch außerhalb der Arbeit aus?

Oh ja! Ich besuche regelmäßig Kunstkurse. Insbesondere in Bereichen, in denen ich mich noch nicht so auskenne, wie Lochkamera-Fotografie, Pastellzeichnungen oder Bildhauerei. So muss ich immer neue Wege finden, meiner Kreativität Ausdruck zu verleihen und sammle neue Einflüsse für meine tägliche Arbeit. Wie ich ja schon gesagt habe, löse ich gerne Probleme. Deshalb findet man mich auch oft vor dem Monitor, wo ich irgendwelche How-To-Videos schaue, um herauszufinden, wie ich etwas reparieren oder irgendetwas basteln kann. Eine meiner größten Leidenschaft allerdings ist das Backen. Wenn man ausprobiert, welche Zutaten gut zueinander passen, oder wie man das Werk am Schluss präsentiert, hat das viel mit Kreativität zu tun. Auf der Arbeit gehen meine Kreationen immer weg wie warme Semmeln. Ich muss also irgendetwas richtig machen.

Gibt es Projekte, auf die du im Nachhinein besonders stolz bist?

Ich glaube da wird es mir gehen, wie vielen anderen Menschen auch. Das erste professionelle Projekt, an dem man gearbeitet hat ist immer etwas Besonderes. Bei mir war es Tiger Woods PGA Tour 2010. Hier habe ich zum ersten Mal ein ganzes Jahr lang mein Bestes gegeben um ein Produkt zu vollenden, welches von hunderttausenden Menschen gespielt und geschätzt wurde. Traumhaft! Ich bin mit unzähligen Spielen aufgewachsen und hatte mit ihnen einen riesen Spaß. Das Gefühl, dass ich nun für den Spaß anderer Leuten mitverantwortlich bin, war einfach nur cool. Da ich recht tief in die Produktion von einzelnen Spielen einsteige, hat irgendwie jedes der Spiele an denen ich gearbeitet habe einen ganz besonderen Platz in meinen Erinnerungen. Ich bin sicher, dass in der Zukunft noch viele weitere tolle Erinnerungen hinzu kommen werden.

Was sind die größten Herausforderungen, denen man sich stellen muss, wenn man Unterhaltung produziert?

In meinen Augen besteht die größte Herausforderung in der Videospielindustrie darin, mit der schnellen Entwicklung der technischen Möglichkeiten Schritt zu halten. Mit jeder neuen Konsole und jeder neuen Grafikkarte entstehen gleichzeitig auch neue Probleme, die von uns gelöst werden müssen. Schlussendlich läuft alles darauf hinaus, dass wir interaktive Erlebnisse schaffen wollen, die den Menschen Spaß machen und zu denen sie stets zurückkehren möchten. Nicht viele können das von sich behaupten. Ich bin in der glücklichen Situation sagen zu können, dass ich einen der besten Jobs der Welt habe.

Weitere Links zum Thema:

Blog: Ein Computerspiel entsteht – Von der Idee bis zum Spielvergnügen

Blog: Berufe in der Videospielindustrie: Lokalisierung und Synchronisation

Blog: Berufe in der Videospielindustrie: Technical Artist

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