veröffentlicht von Martin Lorber am 07. Juli 2012

WASD – Texte über Games

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Ende 2011 stieß der ehemalige stellvertretende Chefredakteur des Fachmagazins GameStar, Christian Schmidt, eine Debatte über die aktuelle Computerspielkritik in Deutschland an. In einem Gastbeitrag auf Spiegel Online übt er sehr harsche Kritik am Testverhalten der Fachmagazine und wirft ihnen vor, sich in detailverliebter Gründlichkeit zu erschöpfen und darüber den Blick auf Zusammenhänge, Aussagen und Entwicklungen aus den Augen zu verlieren. Fachmagazine gleichen laut Schmidt technikorientierten Testzeitschriften, die mit aufwändigen Messungen valide Aussagen zur Funktionstüchtigkeit technischer Geräte liefern. Gesellschaftliche, kulturelle oder ästhetische Debatten, die der tatsächlichen kulturellen Bedeutung einzelner Spiele gerecht werden, vermisst er in ihren Texten. Sein Fazit lautet: „Videospiele sind auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft. Gleichzeitig befindet sich der Fachjournalismus, die professionelle Kritik dieser Spiele, auf dem umgekehrten Pfad. Er bewegt sich aus der Mitte der Gesellschaft an ihren Rand.“ Eine wirklich „feuilletonistische“ Spielkritik gäbe es nicht. Es folgten Antworten der kritisierten Fachpresse, die ihr Modell erklärten und verteidigten, danach wurde es etwas ruhiger in der Debatte.

Die erste Ausgabe des WASD Magazins Quelle: http://wasd-magazin.de/
Die erste Ausgabe des WASD Magazins Quelle: http://wasd-magazin.de/

Nun ist der Radiojournalist Christian Schiffer dazu angetreten, den von Christian Schmidt kritisierten Missstand zu beheben und hat zu diesem Zweck ein eigenes Magazin zum Thema Computer- und Videospiele ins Leben gerufen. Das WASD Magazin. Das WASD soll alle sechs Monate in einer kleinen Auflage erscheinen und das Thema Computer- und Videospiele aus anderen Blickwinkeln betrachten, als man es von den „etablierten“ Fachmedien kennt. Um sich von anderen Heften abzugrenzen, hat er seinem Magazin ein völlig anderes Konzept verpasst. Schon die Optik und das Layout des Bookzines, vom Herausgeber so genannt, da es eine Mischung aus Buch und Magazin sein soll, hebt das Magazin aus der Masse hervor. Das rund 200 Seiten starke Erstlingswerk ist auf hochwertigem dickem Papier gedruckt und vermittelt durch sein Format und die Haptik eher den Eindruck eines Buches als eines Magazins. Aber nun gut: Es ist ja schließlich auch ein Bookzine.

Auch inhaltlich geht es andere Wege. Das WASD Magazin enthält Texte. Texte über Computer- und Videospiele. Aufbau und Art der Texte variiert von Autor zu Autor. Deren Kreativität bezüglich des Inhalts wird lediglich durch das Titelthema des jeweiligen Hefts weite Grenzen gesetzt. Im Falle der ersten Ausgabe „TASTY TRASH – Schlechte Spiele…und warum wir sie lieben“. Hier waren die Autoren dazu aufgefordert, ihre Gedanken zu schlechten Spielen niederzuschreiben, um sie hauptsächlich in Form kleiner Essays in der WASD zu veröffentlichen. Die einzelnen Herangehensweisen sind so abwechslungsreich, wie das Autorenfeld illuster. Für die erste Ausgabe der WASD hat der Herausgeber eine ganze Reihe hochkarätiger Autoren gewinnen können, die ihre ganz eigene Sichtweise zu dem Thema schlechte Spiele darlegen.

So befasst sich Christian Schmidt, der Auslöser der Debatte um modernen Spieljournalismus, mit der Frage, warum schlechte Filme oftmals Kultstatus erlangen können, dies schlechten Spielen jedoch verwehrt bleibt. Gleichzeitig versucht er zu erklären, was denn nun ein schlechtes Spiel ausmacht, wenn man verschiedene Interessen und Geschmäcker nicht berücksichtigt. Der Indie-Entwickler Andreas Zacherl wirbt um Rücksichtnahme auf diejenigen, die ihr Herzblut in ein Spiel gesteckt und durch externe Umstände (natürlich nicht immer) ein schlechtes Spiel abgeliefert haben. Denn auch ein schlechtes Spiel braucht viel Zeit und Ressourcen, um es fertig zu stellen. Das sieht auch der Journalist Richard Cobbett so, der in einem Interview über seine Kolumne „Crap Shoot“ auf PC Gamer Online redet, in der er sich explizit mit schlechten Spielen befasst. Bemerkenswert ist auch der Artikel vom Kulturjournalist Thomas Lindemann, der in seinem Text erörtert, warum schlechte Spiele gute Spiele sind und die besten Spiele in manchen Punkten durchaus schlecht.

Natürlich ist dies nur ein kleiner Ausschnitt aus den rund 20 Essays zu dem Thema „Schlechte Spiele“. Sie alle zu besprechen würde hier den Rahmen sprengen. Im zweiten Teil des Magazins lassen sich Rezensionen zu verschiedenen Spielen finden, die Spiele unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten betrachten. So spielt zum Beispiel ein Ego-Shooter-Neuling „Battlefield 3“ an und der Landwirtschaftssimulator2011 wird unter einer kapitalismuskritischen Sichtweise betrachtet. Die Kane & Lynch Reihe wird in seiner extremen Darstellung von Gewalt in eine Reihe mit ebenso verstörenden Klassikern der Film- und Literaturgeschichte wie American Psycho und Filmen von Lars von Trier gestellt. Werke für ein erwachsenes Publikum, in denen Gewalt als durchaus akzeptiertes Stilmittel genutzt wird. Abgeschlossen wird das Magazin durch die Rubrik „Spielwiese“. Hier können sich die Autoren austoben und ohne thematische Vorgaben über Themen rund um Spiele sinnieren. Sei es über die Zersplitterung der Gamergemeinschaft in Anhänger der verschiedenen Plattformen oder über die geopolitischen Aspekte der Civilization-Reihe.

Insgesamt ist das neue Bookzine durchaus lesenswert. Hier geben sich viele spannende Artikel die Hand, die oftmals die Leidenschaft ihrer Autoren für das Thema Gaming sehr schön widerspiegeln. Nimmt man Bezug auf die geführte Debatte um den Spielejournalismus, so kann gesagt werden, dass mit dem WASD-Magazin eine interessante Erweiterung des Angebots auf den Markt gekommen ist, die sich dem Thema Gaming aus erfrischenden Perspektiven nähert. Allerdings ist es zu kurz gefasst, damit den etablierten Fachmedien mit ihrer Orientierung auf Kaufberatung, die Daseinsberechtigung abzusprechen. Beide Modelle haben ihre Berechtigung und Publikum. Ich persönlich begrüße die Ausweitung des Angebots, da es für das Medium Spiel sicherlich förderlich ist, wenn es aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird.

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