veröffentlicht von Martin Lorber am 02. Februar 2011

Rechtsexperten einig: Suchtkriterium nicht bei jugendschutzrechtlicher Betrachtung gültig

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Im heute erschienenen amtlichen Mitteilungsblatt der Bundesprüfstelle für jungendgefährdende  Medien (BPjM) bin ich auf einen interessanten Artikel zum Thema Computerspielsucht gestoßen, dessen Erkenntnisse ich hier kurz darstellen möchte.

Anders als die bisherige, oft eher aus einer psychologischen oder kommunikationswissenschaftlichen Perspektive geführte Diskussion um die Einbettung des Suchtrisikos in die Bewertung von Computerspielen, beleuchten Prof. Dr. Karsten Altenhain und RA Dr. Marc Liesching die Thematik in ihrem Beitrag  „»Computerspielsucht« im Jugendmedienschutzrecht“ aus der juristischen Perspektive. In ihrem Artikel beschäftigen sich die Autoren, die beide als ausgewiesene Experten im Bereich des deutschen Jugendmedienschutzes gelten, mit der Frage, ob die Bewertung von Computerspielen nach etwaigen Suchtrisiken durch das Jugendmedienschutzrecht in Deutschland rechtlich überhaupt möglich ist.

In einer ausführlichen juristischen Analyse des Wortlauts, der Systematik, der Historie und des Zwecks des Jugendmedienschutzrechts zeigen sie auf, dass die Bewertungsgrundlage der bestehenden Gesetze schon immer „ausschließlich der „gedankliche Inhalt“ des Träger- oder Telemediums“ war. Auf der Grundlage des verfassungsrechtlich verankerten Schutzes der Persönlichkeit  durch den Staat sollen Kinder- und Jugendliche vor solchen „gedanklichen Inhalten“ bzw. Aussagen geschützt werden, deren Wahrnehmung sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigen könnten.  Die „Art [der] Verkörperung oder Verbreitung“ der Aussagen sowie die u.U. daraus entstehenden Folgen (hier: suchtartiger Konsum von Computerspielen und seine Konsequenzen) seien von den Bestimmungen des Jugendmedienschutzes hingegen nicht betroffen. So liege beispielsweise auch die Kontrolle des Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen, aus Sicht des Gesetzgebers, klar in der Erziehungsverantwortung der Eltern. „[…][B]ei der jugendschutzrechtlichen Bewertung, ob ein Träger- oder Telemedium geeignet ist, die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern oder Jugendlichen zu beeinträchtigen oder zu gefährden,[sei es also unzulässig], außerhalb des „gedanklichen Inhalts“ liegende Eigenschaften des jeweiligen Mediums zu berücksichtigen.“ , so das abschließende Ergebnis der Experten.

Altenhain und Liesching liefern damit einen wichtigen Beitrag zu der aktuellen Debatte über den gesellschaftlichen Umgang mit dem Phänomen der Computerspielsucht und untermauern mit ihren Ergebnissen erneut auch die Einschätzungen, die von der Notarin Dr. Uta Rüping in ähnlicher Weise formuliert wurden. Der aktuelle Artikel macht deutlich, dass uns eine Vorverurteilung von Spielen aufgrund bestimmter Aspekte ihrer Machart (nicht ihres Inhalts) nicht nur nicht weiterbringt, sondern, dass eine Implementierung solcher Kriterien in das Ratingverfahren von Spielen auch rechtlich gar nicht möglich ist. Damit soll nicht gesagt sein, dass wir das Phänomen der Computerspielsucht in Deutschland nicht weiter beobachten müssen. Auch wenn es ein gesamtgesellschaftliches Randphänomen zu sein scheint (wie die kürzlich vorgestellte LfM-Studie zum Thema zeigte, ist die Frage nach dem Umgang mit Betroffenen ein gesellschaftlich relevantes und ganz zentrales Thema. Der Versuch der Vorbeugung und Bekämpfung des Phänomens unter dem Deckmantel des Kinder- und Jugendschutzes scheint aber immer weniger ein probates Mittel zu sein.

Weitere Links zum Thema:

Web: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (bundespruefstelle.de)

Beitrag: »Computerspielsucht« im Jugendmedienschutzrecht (uni-duesseldorf.de)

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