veröffentlicht von Martin Lorber am 10. Oktober 2013

O.R.pheus – Computerspiel trifft auf Musiktheater

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Das Medium Computer- und Videospiel ist mit seiner speziellen Ästhetik und seinen Konventionen schon längst in das kollektive Gedächtnis unserer modernen Gesellschaft eingegangen. Einzelne Spiele oder deren Figuren sind zu popkulturellen Ikonen erhoben worden, die so gut wie jeder kennt. Aber auch spielerische Elemente oder die Technik hinter den Spielen sind inzwischen in fast allen Bereichen des Lebens integriert. Auch und gerade die Kunstszene bedient sich bei der Entwicklung neuer Werke zunehmend beim ursprünglichen Unterhaltungsmedium digitales Spiel.

Nicht verwunderlich, bietet das Medium doch eine große Menge an Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung. Als Gesamtkunstwerk kann es nicht nur passiv konsumiert, sondern durch das Interface auch körperlich gespürt werden. Durch die Spielen innewohnende Interaktivität wird der Rezipient aktiv in das Kunstwerk integriert, so dass er das Kunstwerk selber beeinflussen kann. Durch das daraus entstehende Spannungsfeld zwischen Narrativität und Spontanität entstehen vielfältige künstlerische Möglichkeiten.

Trotzdem dauerte es einige Zeit, bis die Kunst das Medium für sich entdeckt hat. Die Gründe hierfür sind nicht zuletzt auf der technischen Seite zu finden. Lange Zeit war die Produktion eines Spiels sehr komplex und für den Uneingeweihten nur schwierig mit den vorhandenen Ressourcen zu schaffen. Eine verrückte Idee war nicht einfach mal so umzusetzen. Die dazu benötigte spezielle Software musste oft langwierig programmiert werden. Künstlern mit begrenzten Ressourcen und Kenntnissen zur Programmierung war der Zugang quasi verwehrt. Der technische, personelle und finanzielle Aufwand war einfach zu groß. Inzwischen ist die technische Ausrüstung und das Know-How erschwinglich geworden, so dass eine Demokratisierung der Produktionsmittel stattgefunden hat. Nicht nur Gamedesigner können Kunst in Form von Spielen schaffen, auch „branchenfremde“ Künstler können nun ganz einfach Elemente und Techniken des Gaming in ihre Kunstwerke integrieren.

Ein sehr schönes Beispiel hierzu ist das Projekt „O.R.pheus – Eine musikalisch-theatrale Rauminstallation“ in München. Die Künstlerin Evelyn Hribersek verschmilzt Elemente des Musiktheaters, Film und Computerspiel zu einem hybriden Gesamtkunstwerk. In einem Tiefbunker aus dem zweiten Weltkrieg wurde eine eher düstere und verstörende Erlebniswelt geschaffen, die einer fiktiven Schönheitsklinik unter der Erde nachempfunden ist. Unter dem Eindruck einer Ästhetik der Fünfzigerjahre bewegen sich die Besucher alleine, nur „bewaffnet“ mit einem Smartphone, durch die labyrinthartig angelegten Räume des Bunkers. Dabei ist jeder Raum an sich ein eigenständiges Kunstwerk und steht für sich. Als umfassendes Oberthema behandelt O.R.pheus das menschliche Streben nach der Überwindung des Todes und den Gebrauch der Medizin um dieses Ziel zu erreichen.

Das Erlebnis bei O.R.pheus basiert auf dem mitgeführten Smartphone, über das eine „Augmented Reality“ (Erweiterung der Realitätswahrnehmung mittels digitaler Medien) wahrgenommen wird. Über die Vermischung virtueller und realer Räume wird ein interaktives Raumgefüge geschaffen. Dank der Smartphones verschmelzen die Räume mit einem virtuellen Computerspiel-Setting. Die Besucher bewegen sich somit in den auf Videomaterial gebannten Welten, die gemeinsam mit den realen Kulissen dreidimensionale Szenarien entstehen lassen. Eine virtuelle Schnitzeljagd, bei der sich die Besucher die Inhalte selber „erspielen“ können.

Persönliche und zufällige Entscheidungen bedingen in welcher Reihenfolge die Besucher die einzelnen  Räume betreten, Erzählstränge wahrnehmen und Dinge auslösen. Somit ist jeder Besuch eine ganz individuelle ästhetische Erfahrung mit eigenem inhaltlichem Zusammenhang.

Das Projekt erhält aktuell viel Aufmerksamkeit und ist vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie als eine Initiative der Kreativwirtschaft ausgezeichnet, die das Potential hat, ein erfolgreiches Unternehmen zu werden. Hier zeigt sich deutlich, wie die Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wissenschaft – Professoren des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe entwickelten die Software – den Horizont des jeweiligen Partners erweitern kann. Die ursprünglich für Anwendungen in der Unterhaltungsindustrie entwickelten Techniken bereichern zunehmend auch andere Bereiche unserer Gesellschaft. .

Weitere Links zum Thema:

Blog: Computer- und Videospiele inspirieren Kunst

Blog: Computerspiele und Kunst

Blog: Computerspiele: Die Kunst der Zukunft

Web: O.R.pheus