veröffentlicht von Martin Lorber am 03. März 2011

Medienkompetenz: Kinderärzte fordern Warnhinweise auf Spielkonsolen

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Anlässlich des Auftakts des 17. Kongress für Jugendmedizin in Weimar, forderte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Warnhinweise auf Videospielkonsolen. Diese sollen suchtgefährdete Jugendliche auf die potentiell schädlichen Auswirkungen des Konsums von Spielen hinweisen. Der Mediziner Rainer Riedel machte den „virtuellen Dauerkonsum“ für motorische, sprachliche und soziale Defizite bei Kindern und Jugendlichen verantwortlich. Er sei –  gepaart mit ungesunder Ernährung – verantwortlich für die steigende „Zahl fettleibiger und diabeteskranker Kinder“.

Die Argumentation des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, vertreten durch Rainer Riedel, offenbart einen monokausalen Erklärungsansatz für einen hochkomplexen Sachverhalt. Computerspiele werden von den Medizinern derzeit offenbar als Ausgangspunkt für viele negative Erscheinungen wahrgenommen. Dabei scheint es, dass eine Reihe von neueren Studien und Erkenntnissen über digitale Spiele nicht zur Kenntnis genommen wurden. Beispielsweise wurde die Befürchtung, spielen würde vereinsamen erst kürzlich wieder entkräftet. Eher ist das Gegenteil richtig, Spieler sind – auch wenn sie digitale Spiele bevorzugen – an soziale Interaktion interessiert (siehe auch hier). Ebenso scheint die kürzlich veröffentlichte Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) zu Chancen und Risiken von Computerspielen nicht Eingang in den Meinungsbildungsprozess des BVKJ gefunden zu haben.

Das ist bedauerlich und da verwundert es dann auch eigentlich kaum, dass der Präsident des BVKJ, Wolfram Hartmann, laut focus.de sagte, dass „die meisten der rund 11.000 deutschen Kinderärzte selbst nicht fit genug im Umgang mit modernen Medien, um sachgerecht Hilfe leisten zu können.“ Eine Aussage, die Anlass zum Umdenken geben sollte. Informationsangebote gibt es ja inzwischen reichlich (beispielsweise hier, hier oder hier – um nur einige zu nennen). Vielleicht wäre ja auch die Medienpädagogische Netzwerktagung des Instituts Spielraum der Fachhochschule Köln im Mai ein guter Ort für einen ersten Austausch.

Weitere Links zum Thema:

Web: Kinderärzte für Warnhinweise auf Spielekonsolen (focus.de)

Web: Medienpädagogische Netzwerktagung des Instituts Spielraum (fh-koeln.de)

Kommentare
  1. maSu sagt:

    Man wird dick, weil man mehr Energie zuführt als man verbraucht.
    Man vereinsamt, weil man weniger soziale Kontakte pflegt, als man braucht.

    Ich sehe da auch irgendwie gar kein Videospiel, sondern nur Menschen, die in ihrem Leben ggf. ihre Prioritäten falsch bzw nicht optimal setzen. Dies ist mit und ohne Videospielen möglich. Und wenn man viel sitzt, dann muss man nur etwas weniger essen und wird auch bei Bewegungsmangel nicht dick.

    Monokulturen sind im Übrigen nicht nur in der Landwirtschaft ein Problem. Auch ein Mensch, der sich zu sehr auf eine Sache konzentriert und die restlichen Dinge ignoriert, wird auf Probleme stoßen. Egal ob jemand 6 Stunden am Tag Fussball spielt oder Videospiele spielt.

    Hier ist es die Aufgebe der Eltern, frühzeitig ein Gefühl für das richtige Maß zu vermitteln – in allen Belangen, denn sonst wird der Nachwuchs über kurz oder lang masive Probleme bekommen.

    Und dann mal zur Sucht:
    Niemand wird nach einem Videospiel süchtig, sondern nach den sozialen Kontakten, bzw der Anerkennung, die man innerhalb der Spielwelt erhält. Also hält man sich dort häufiger auf, weil dort Menschen sind, die einen loben, unterstützen und weitere Gefühle geben, die real scheinbar nicht ausreichend vorhanden sind.
    Daraufhin wird mehr gespielt, wodurch sich reale Möglichkeiten positive Rückmeldung vom Umfeld zu erhalten weiter reduziert werden, während virtuell die Rückmeldungen der Menschen zunehmen.
    Das ganze geschieht völlig Videospielunabhängig und funktioniert auch real, wenn Menschen sich aus ihrem Umfeld verabschieden und Gruppierungen beitreten. Wenn der Sohn einer gutbürgerlichen Familie plötzlich zum Umweltaktivisten wird, dann wird das in dem Umfeld, wenn man das Klischee mal nutzen möchte, nicht gut aufgenommen, wodurch der Sohn noch mehr in die Arme der Umweltaktivisten getrieben wird. So funktioniert das mit allen möglichen „nach außen mehr oder weniger abgeschlossenen sozialen Systemen“, egal ob man für diese Beispiele nun religiöse Gruppen und Sekten, Naturschützer oder viele andere Beispiele verwendet.

    Daraus folgt einfach nur: Man kann vor einer möglichen Suchtgefahr nicht warnen, da dies sehr stark vom Umfeld der jeweiligen Person abhängt und keine Sucht nach einem Spiel, sondern der Wunsch nach sozialer Anerkennung bzw ein Ungleichgewicht dieser sozialen Komponente bezogen auf verschiedene Gruppierungen existiert.

    Niemand, der in einem sozial gefestigten Umfeld aufgewachsen ist und jederzeit auf Freunde und Familie bauen kann, wird dieses Umfeld verlassen und sich so in eine isolierte Gruppe begeben – wozu auch, wenn in dem vorherigen Umfeld alles wichtige ausreichend vorhanden war.

    Ich finde es einfach nur schade, dass viele Menschen einfach nicht verstehen, dass Videospiele selbst nicht süchtig machen. Meine Theorie kann man auch sehr einfach beweisen, indem man Online- und Offlinespiele miteinander vergleicht. Sogar bei fast identischen Videospielen, wird nur das Onlinespiel nach dem Sprachgebrauch mancher „süchtig machen“, weil bei Offlinespielen diese soziale Komponente nicht ausgeprägt ist – da spielt man mit realen Freunden, aber begibt sich nicht in eine „neue gesellschaftliche Gruppierung“.

    Und dadurch, dass diverse Menschen meinen, maximal die Symptome bekämpfen zu müssen, wird sich an gewissen Problemen nie etwas ändern. Wie sollen denn auch Eltern und Freunde eines Menschen einer Schuld bewusst werden, wenn sie einfach mit dem Finger auf ein Videospiel zeigen können und „fein raus sind“?!

  2. Sandra sagt:

    Hi,

    vielleicht sollten wir nicht nur unsere Politiker sondern auch unsere Ärzte tauschen :-)
    Also die von „Games for health“ sind mir da lieber. Die sind sachlich korrekt.

  3. Pingback: Stigma

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