Weil das Thema Computerspielsucht immer wieder aufkommt, hier erneut ein paar Thesen zum Thema.
veröffentlicht von Martin Lorber am 06. Juni 2011

Jugendmedienschutz: Fünf Thesen für einen modernen JMStV

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Beim 23. Medienforum NRW in Köln diskutieren morgen Teilnehmer aus der Netz- und Medienszene, Wissenschaft und Ländern über Fragen und Probleme des Jugendmedienschutzes. Ich begrüße dabei besonders die Entscheidung, Vertreter aus der Netzwelt von Anfang an einzubinden. Das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik stellt zur Veranstaltung außerdem einen Live-Stream zur Verfügung. Die Diskussion kann daher auch hier in meinem Blog verfolgt werden.

Ab dem 27. Juni sollen außerdem auch alle anderen Interessenten die bei der Diskussionsrunde entwickelnden Thesen diskutieren und Vorschläge sowie Ideen einbringen können. Ich möchte in diesem Beitrag fünf Thesen zum Thema Jugendmedienschutz zur Diskussion stellen:

  1. Um eine substanzielle Jugendmedienschutz-Lösung entwickeln zu können, bedarf es aufgrund der Internationalität und Komplexität des Internets einer europäischen Diskussion.
  2. Da viele Inhalte im Internet grenzübergreifend angeboten und konsumiert werden, erachten wir ein internationales Prüfverfahren für den Jugendmedienschutz als sinnvoll.
  3. Die Einführung einer Selbstklassifizierung im Internet führt zu einem nachhaltig verbesserten Jugendmedienschutz für Verbraucher, Unternehmen und Politik.
  4. Angesichts der Medienkonvergenz von Inhalten brauchen wir ein einheitliches System für die „alte Welt“ der Datenträger und das Internet.
  5. Der deutsche Sonderweg im Jugendmedienschutz ist für den Kreativstandort Deutschland eine Gefahr in puncto Überregulierung. Auf der anderen Seite wird die Schutzwirkung nicht besser, sondern eher schlechter, wenn wir den deutschen Sonderweg weiter verfolgen.

Nicht zuletzt wegen der Geschehnisse zum Ende des vergangenen Jahres interessiert mich Ihre Meinung: Auf was kommt es aus Ihrer Sicht bei einem modernen Jugendmedienschutz an?

Weitere Links zum Thema:

Web: Jugendmedienschutz gestalten (jugendmedienschutz-gestalten.de)

Web: Medienforum NRW (medienforum.nrw.de)

Web: Medienrecht (medienforum.nrw.de)

Kommentare
  1. Sascha sagt:

    4 und 5, Geschenkt, allerdings sehe ich es nicht, dass wir in Europa einen Konsens beim JuMeSchu (1.+2.) finden werden, welcher dann eine Selbstklassifizierung (3.) vorsieht, da es ja gerade das war, was bei der Novelle des JMStV auf große Ablehnung stieß. Mir ist bewusst, dass Sie hauptsächlich auf PEGI anspielen bzw. ein neues diesem sehr ähnliches System für eine größere Auswahl an Inhalten. Nur denke ich nicht, dass man sich in Europa, aufgrund der verschiedenen Wertevorstellungen uns auf gemeinsame Werte (JuMeSchu, sind nämlich hauptsächlich das) einigen können. Auch eine Selbstregulierung sehe ich nicht, vor allem nicht im Internet, da hier ja nicht nur die kommerziellen Anbieter, sondern irgendwie ein jeder betroffen wäre.

    Auch wenn man sicherlich europäische Richtlinen finden könnte, ist mir ein „nationales letztes Wort“ in der Sache lieber, da man so die Eigenheiten besser berücksichtigen kann.

  2. Martin sagt:

    Vielen Dank für Ihre Meinung zu den Thesen. Darauf möchte ich im Folgenden kurz eingehen:

    Das Internet funktioniert global, Ländergrenzen gibt es nur sehr eingeschränkt. Daher muss aus meiner Sicht auch eine Jugendschutzlösung möglichst global sein. Auch hat sich bereits der große Teil Europas auf die gemeinsamen Werte im PEGI-System geeinigt, es funktioniert also trotz verschiedener Kulturen sehr gut. Zumal ja im System auch auf lokale Begebenheiten – auch aus Deutschland – eingegangen werden kann.

    Zu Ihrer Anmerkung mit der Selbstregulierung: Eine Selbstklassifizierung muss natürlich freiwillig sein und es gibt sicherlich sehr, sehr viele Inhalte, bei denen es nicht erforderlich sein wird, diese mit einem Klassifizierungssystem hinsichtlich des Jugendschutzes zu bewerten. Aber eine Art Beurteilung in Bezug auf eine mögliche Jugendbeeinträchtigung von Inhalten wird ja schon jetzt verlangt, nur dass es eben keinen richtigen Maßstab dafür gibt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Martin Lorber

  3. JoeBlack sagt:

    Wieso macht man es nicht einfach so wie bei der PEGI? Transparent, keine Zensur. Selbstverantwortung statt Bevormundung.

  4. Pingback: randomrocket
  5. Martin sagt:

    Das PEGI-System kommt einer Idealvorstellung aus meiner Sicht tatsächlich sehr nahe. Darüber habe ich auch bereits mehrfach in meinem Blog geschrieben. Zum Beispiel: http://spielkultur.ea.de/kategorien/jugendschutz/pegi-bietet-schon-heute-was-das-neue-eckpunktepapier-der-dihk-%e2%80%9edigitale-welt%e2%80%9c-fordert-eine-tragfahige-europaische-losung

    Mit freundlichen Grüßen
    Martin Lorber

  6. Rey sagt:

    Ich habe eher grundsätzliche Bedenken, inwieweit eine Klassifizierung von Internetinhalten als zeitgemäß betrachtet werden kann. Soweit Angebote mit klassischen „statischen“ Medien wie Film, Audio oder Büchern vergleichbar sind, kann zwar eine Vergleichbarkeit nicht von der Hand gewiesen werden, aber hinsichtlich dynamischer Inhalte sowie von User generated Content sieht das anders aus. Blogs, Foren, Chats etc. haben „dynamische“ Inhalte. Sie wechseln stetig und können nicht einfach wie die Funktionsfähigkeit eines Autos zu einem x-beliebigen Zeitpunkt geprüft werden. Hier im Vorfeld per se eine allgemeine Kennzeichnung vorzunehmen ist einfach nicht sachgerecht. Weiß ich, ob ich vielleicht demnächst über ein indiziertes Spiel ein kleines Review schreiben werde? Auch dürfte es schwer fallen bei Blogs, Foren oder Chats die Qualität der Kommentare, Einträge, Äußerungen einschätzen zu können, bevor diese gefallen sind. Man wäre also demnach gezwungen die Kennzeichnung andauernd anzupassen oder müsste dafür sorgen, dass auf seinem Angebot keine Themen oder Sätze fallen, die mit der aktuellen Einstufung nicht zu vereinbaren wären. Das hier soll übrigens nicht als Plädoyer für einen „rechtsfreien Raum“ verstanden werden. Wenn ich auf der Straße einen Politiker borniertes Arschloch nenne, dann werde ich dafür wahrscheinlich angezeigt und verurteilt. Warum darf das im Netz nicht auch so sein? Warum soll es im Netz notwendig sein noch zusätzlich zur normalen Strafverfolgung eine vorgelagerte eine zentrale Prüfungsstelle einzurichten, bei der ich quasi geplante Forenpostings oder Blogeinträge prüfen lassen muss, bevor ich diese veröffentliche? Politiker, die eine solche Kennzeichnung fordern, haben mindestens zwei Dinge nicht verstanden: Zum einen, dass das Internet kein statisches Medium wie ein Buch, sondern ein Raum ist, in denen wie in einer Kneipe oder in einem anderen öffentlichen Raum Gespräche stattfinden können. Zum anderen, dass eine solche Prüfungsinstanz an sich nutzlos ist, wenn sie denn nicht mit einer Abschottung des restlichen Internets einhergeht bzw. irgendwie eine Effektivität dieser Prozedur sicher gestellt ist. Damit möchte ich jetzt aber gerade nicht eine Zensurinfrastruktur fordern, sondern zu bedenken geben, dass ich nicht eine Entwicklung in Gang setzen wollen würde, die zu der Errichtung einer solchen führen wird. Als das Thema der Netzsperren bei Kinderpornographie aufgekommen ist, ist die halbe CDU aufgesprungen und hat Sperren für verfassungsfeindliche Inhalte, Glücksspiel, Killerspiele, Urheberrechtsverletzende Angebote und was weiß ich nicht noch gefordert. Wer eine kontrolliertes Internet zu etablieren versucht sollte sich darüber klar sein, dass er dann auch eine solche Kontrolle erhalten wird. Das problematische dabei ist ,wie gesagt, nicht, dass Rechtsverstöße im Nachhinein – nach der Veröffentlichung – geahndet werden können, sondern dass ein System entsteht, dass die Zulässigkeit und vielleicht auch Zugänglichkeit von Inhalten von einer Vorabkontrolle abhängig macht. Das ist um Übrigen eine verfassungswidrige Vorzensur, wie sie vom Grundgesetz verboten wird. FSK und USK sind insoweit zwar auch vorhanden, rein rechtlich fehlt aber auch nicht viel dazu um deren Verfassungswidrigkeit anzunehmen, wie diese Arbeit zeigt: http://www.jurpc.de/aufsatz/20110040.htm. Nur weil man sich in anderen Bereichen bereits an eine verfassungswidrige Zensur gewöhnt hat heißt das nicht, dass man diese nun auch in anderen Sachverhalten anwenden muss. Darüber hinaus besteht allgemein das Problem, dass angesichts wie auch immer gearteter Prüf- und Kontrollsysteme dies sicherlich nicht auf einem dem Einzelnen verständlichen Weg gewährleistet werden können wird. Das heißt das KnowHow für die Überprüfung und Überwachung von Angeboten wird in nicht kommerziellen/gewerblichen Rahmen kaum jemanden möglich sein.
    Während der Vorschlag aus Unternehmensperspektive sinnvoll sein kann, sehe ich als Bürger – egal ob mit oder ohne Internetsperren – eine durch Sanktionen erzwungene Kennzeichnung von Inhalten als Ende der durch das Internet ermöglichten Demokratisierung der Massenmedien. Selbst der andere Ansatz, dass nicht das Internet als ganzes, sondern nur Angebote für Kinder und Jugendliche erfasst und bewertet werden, halte ich für gefährlich. Denn dies wäre der erste Schritt um ein „sauberes“ kontrolliertes Internet aufzubauen, dass das freie möglicherweise verdrängen könnte. Beispielsweise wenn Firmen und Behörden sich entscheiden nur noch über das moderierte Internet erreichbar zu sein. Hier kann ja auf Niedersachsen verwiesen werden, dass seine Onlineinhalte für anonym surfende User sperrt. Ich denke, dass nicht zuletzt Wikileaks und die Revolution in Nordafrika das demokratische Potential eines freien Internets bewiesen haben – dass Unternehmen und Regierungen da Angst vor haben kann ich verstehen, aber so soll es auch sein: Der Staat soll das Volk fürchten und nicht das Volk den Staat.
    Dass die Regelungen des aktuellen JMStV nicht besser sind ist mir klar. Die vorzunehmenden Zugangsbeschränkungen sowie die (Selbst-) Einschätzung des eigenen Angebots sind sicherlich keine Umstände, die ein Unternehmen unter Rechtssicherheit versteht. Auch eine Gängelung mit nutzlosen Vorschriften, die sich letztendlich nur als Standortnachteil auswirken, dürfte Unternehmen sicherlich nicht erfreuen. Allgemein erscheint es mir so, dass Jugendschutz oft nur um seiner selbst willen erfüllt wird. Also nicht etwa um Jugendliche zu schützen, sondern um im Falle eines verstoßest nicht Sanktionen ausgesetzt zu sein. Was allein hilft ist, dass die bestehenden Vorschriften nicht konsequent umgesetzt werden.
    Auch ist mir klar, dass es im Internet Inhalte gibt, die für Kinder nicht wirklich geeignet sind. Ob nun Erotik, Gewalt, verfassungsfeindliche Propaganda oder sonst was. Als ein Gamer, der mit anderen unter anderem auch über indizierte Spiele spricht, diese schlecht aber auch gut finden kann, der sich gerne auch von indizierten Spielen unkompliziert eine Demo herunterladen möchte ohne sich bei den jeweiligen Personen ausweisen zu müssen und gerne bei Schnittberichte.com in Erfahrung bringt, ob Film xy geschnitten ist, habe ich an diesem Zustand aber nicht nur Dinge auszusetzen. Mein Leben ist nicht „jugendfrei“ – weder real noch virtuell – und das ist gut so. Mit 25 meine ich das auch nicht nötig zu haben – es wäre traurig, wenn es nicht so wäre. Kinder vor für sie nicht geeigneten Inhalten zu schützen, einen hoffnungsvoll veralteten Jugendschutz zu reformieren mag ein berechtigtes Anliegen sein. Ich will aber auch Erwachsenenschutz. Nämlich einen Schutz vor Anfängen eines staatlich kontrollierten Internets, das von mir geschätzte Interessen wie Meinungsfreiheit, Verbot der Zensur und Staatsfreiheit des Willensbildungsprozesses gefährden würde. Vor diesem Hintergrund wäre es vielleicht eher angebracht, wenn man Minderjährige nicht unbeaufsichtigt im Internet surfen lässt, wie man auch kein Kleinkind allein in einer Wohnung lassen sollte und Kindern auch beibringt wo sie sich in der Stadt rumzutreiben haben und wo eher nicht.

    1. Micha sagt:

      Vielen Dank für die ausführliche Darstellung Ihres Gedankengangs, Ray. In vielen Punkten finde ich mich selbst auch wieder und es wird sehr gut deutlich, dass dieses empfindliche Thema längst nicht so trivial ist, wie es in der Politik der breiten Öffentlichkeit gegenüber gerne dargestellt wird. Abgesehen von der zweifelhaften technischen Realisierbarkeit derartiger Schutzmechanismen für das Internet stehen die – zugegebenermaßen auch oft „aus dem Bauch heraus“ formulierten – Äußerungen in der Debatte im Kontrast zu der Funktionsweise und Philosophie des Internets. Es gibt nicht zwei Seiten der Medallie, weil das Internet keine Medallie ist. Es ist derart komplex und eigenwillig, dass sich keine equivalente Form als Vergleich finden lässt.

      Bezüglich des deutschen Sonderweges beim Jugendschutz was Spiele betrifft sehe ich in dem PEGI-System trotz kultureller Unterschiede ebenfalls die bessere Alternative. Sie ist auch für die Hersteller aus wirtschaftlicher Sicht nicht nur attraktiver, auch für den Konsumenten bietet sie durch das Symbolsystem, in der die kritischen Einzelemente – wie etwa Sprache, Sex, Gewalt – aufgelistet werden, deutlich mehr Transparenz. Ein einfaches USK-Logo ist nach wie vor eindeutig, gibt Eltern aber ad hoc keine Information darüber, womit sie ihre Kinder konfrontieren werden.

      Die Diskussion über die elterliche Verantwortung ist müßig, aber sie muss geführt werden. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass die staatliche Regulierung an der Türschwelle aufhören muss und Eltern Medienkompetenz und Verantwortung tragen müssen. Das nicht in allen Elternhäusern diese Selbstverständlichkeit herrscht und Kinder selbstverständlich für sich Schlupflöcher finden, um Spiele, die nicht für ihr Alter geeignet sind, zu spielen, liegt mehr oder weniger auf der Hand und ist der eigentliche Knackpunkt, der sich selbst mit schärferen Jugendschutzgesetzen nicht eliminieren lässt. Die Frage ist da eher, wie man den Eltern entgegenkommt und gleichzeitig den Kindern und Jugendlichen den „Reiz des Verbotenen“ zumindest weitesgehend entzieht. In diesem Punkt hat die Industrie, die sich immer stärker und bewusster zum Massenmedium etabliert hat, sicher noch das meiste Lehrgeld zu bezahlen.

      Die angesprochenen Thesen von Herrn Lorber können durchaus neue Sichtweisen auf dieses schwierige Thema werfen und sind daher für einen Disput sicher gut. Sie können aber nur den Stein ins Rollen bringen, um weitaus schwierigere Fragen aufzuwerfen. In jedem Fall ist das aktuelle deutsche System sowohl für Hersteller, als auch für Staat und Konsumenten ein zusätzlicher Auf- und Umstand, ohne per se einen sinnvolleren Jugendschutz zu bieten.

  7. Martin sagt:

    Vielen Dank für die guten Kommentare und die Fortführung der Diskussion. Auch ich sehe die formulierten Thesen, ähnlich wie Micha das in seinem Kommentar bereits formuliert, als Anstoß für eine sachliche Diskussion über das Thema.

    Zunächst denke ich, dass wir als gegeben hinnehmen sollten, dass Politik und weite Teile der Gesellschaft nicht alle denkbaren und vorhandenen Inhalte im Internet völlig frei zur Verfügung gestellt wissen wollen, sondern dass es vielmehr Angebote im Internet gibt, die für Kinder und Jugendliche nicht geeignet sind und vor denen diese auch geschützt werden sollen. Das gilt auch für User Generated Content im Internet, auch wenn die Klassifizierung hier nicht immer so leicht fällt. Anders formuliert: Wenn es im Bereich Film und Spiele zum Beispiel ein solch striktes Jugendschutzrecht gibt, dann wird Politik auf gar keinen Fall sagen: „Filme und Spiele, da brauchen wir Jugendschutz, aber im Internet ist uns das egal, da darf alles frei und ohne Beschränkung angeboten werden.“

    Es geht mir hier vor allem um die Frage, mit welchem System wir zu der Information gelangen, für welche Altersgruppe ein bestimmter Medieninhalt geeignet oder ungeeignet ist. Das kann wie im Bereich Datenträgern durch ein Expertengremium geschehen (USK oder FSK), durch Selbsteinschätzung (derzeitiger JMStV) oder durch ein transparentes, einfaches und nachvollziehbares Selbstklassifizierungssystem à la PEGI (http://spielkultur.ea.de/kategorien/jugendschutz/paradigmenwechsel-im-jugendschutz-%e2%80%93-jugendmedienschutz-staatsvertrag-ermoglicht-selbstklassifizierung). Die Kriterien und Ergebnisse von USK und PEGI liegen ja schon jetzt sehr nah beieinander. Und was das jeweilige Land mit den Bewertungen macht, kann ja der nationalen Gesetzgebung überlassen bleiben. Davon ganz unberührt sind ja darüber hinaus die Inhalte, die in Deutschland laut StGB verboten sind. Daran wird man nichts ändern wollen.
    Mir ist aber auch klar, dass von PEGI natürlich in erster Linie Unternehmen profitieren, die grenzübergreifend anbieten – aber auch die Kunden dieser Unternehmen (siehe Dead Space 2, auch wenn das ein „Datenträger-Fall“ war: http://spielkultur.ea.de/kategorien/gesellschaft/appellationsverfahren-zu-dead-space-2). Die nationalen Anbieter haben aber keinen Nachteil dadurch – im Gegenteil.

    Ich finde, wir sollten nicht länger der Illusion nachhängen, ein deutscher, komplizierter Sonderweg hätte irgendwelche Vorteile für den Jugendschutz. Wir brauchen praktikable und einfache Lösungen für die Frage des Jugendmedienschutzes im Internet und ich bin ganz sicher, dass eine Selbstklassifizierung à la PEGI in die richtige Richtung weist.

    Ein Punkt der in der Diskussion oft vergessen wird: Eine Bewertung der Inhalte im Internet hinsichtlich einer möglichen Jugendbeeinträchtigung gibt es ja auch im bereits bestehenden Jugendmedienschutz-Staatsvertrag – einschließlich der Beschränkungen für das Angebot, die sich daraus ergeben (§ 5). Was bisher fehlt und das Leben als Inhalte-Anbieter nicht leichter macht, sind klare Kriterien und die Möglichkeit einer rechtssicheren Beurteilung. Man lebt bisher ja immer unter dem Damoklesschwert der nachträglichen Kassierung und Sanktionierung durch die KJM. Das Risiko auch für den Laien ist doch derzeit viel größer. Und niemand – schon gar nicht wir – fordert eine zwingende Klassifizierung aller Inhalte. Das wäre vollkommener Unfug und bar jeder Vernunft.

  8. Sascha sagt:

    Nur um nochmal klar zustellen: ich bin mit dem jetzigen System auch nicht zufrieden, da es viel zu repressiv ist und Erwachsene Bürger zu sehr einschränkt. Auch bin ich insofern für PEGI, als dass es wieder (zusammen mit dem verkleinerten USK-Logo) auf Spielepackungen auftauchen sollte. Was darüber hinaus mit der USK passieren sollte, bin ich mir nicht ganz sicher. E sollte aber klar gemacht werden, dass beide Angaben (was den Konsum angeht) weiterhin nur als Hinweis/Richtlinie zu verstehen ist.

    Was jedoch Selbstklassifikation im Netz angeht, kann ich Verstehen, dass dies etwas ist, was kommerzielle Anbieter sich gerne wünschen, für Privatpersonen macht es jedoch keinen Sinn. Denn (und es wird wohl so aussehen wie beim letzten mal), man muss zwar keine Kennzeichnung machen, da diese ja freiwillig ist, um allerdings zu verhindern, dass man strafrechtlich belangt wird, macht man sie trotzdem. Und für Seiten wie etwa die Jedipedia (http://www.jedipedia.net) ist die Klassifizierung von ~ 30.000 Einzelseiten nicht möglich. Und es werden sich wohl viele in dieser Zwickmühle befinden, und es dennoch versuchen zu tun (im Zweifelsfall höhere Angaben als nötig), wo wir dann an dem Punkt sind, den Rey ansprach: Jugendschutz um seiner selbst willen.

    Ich sehe hier eher die Lösung indem man Kinder- und Jugendschutz voneinander trennt. Kinder wiederum garnicht, oder nur unter Aufsicht ins Netz dürfen, um so mit eventuell auftretenden unangebrachten Inhalten (denn auch wenn man immer sagt, dass im Netz alles immer nur einen klick entfernt ist, findet man viele Inhalte auch einfach nicht, wenn man nicht aktiv danach sucht) fertig zu werden. Bei Jugendlichen sollte man eher mit positiven Jugendschutz arbeiten und selbstklassifizierte Seiten im Sinne von Positivbeispielen arbeiten (die nicht immer den erhobenen (Moral-)Zeigefinger beinhalten müssen und sich auch nicht immer nur Regenbögen und Einhörner drehen sollten).

  9. Ich glaube, es herrscht unter internetaffinen Menschen allgemein die Erkentnis, dass die Architektur des Internets kaum für die klassischen Jungendschutzmaßnahmen geeignet ist. Diese Nutzlosigkeit führt dazu, dass die Teilnehmer in dieser Diskussion – berechtigterweise- versuchen, aus dieser Totgeburt zumindest die maximalen Vorteile für sich selbst herauszuholen. Publisher wollen durch ein einheitlichs europäisches Prüfsystem die Kosten senken und durch Rechtssicherheit Risiken minimieren, volljährige Internetnutzer möchten möglichst keine Auswirkungen durch diese Maßnahmen spüren, Politiker wollen wiederum, dass diese eingängig und leicht vermittelbar sind, um sich als Problemlöser präsentieren zu können.

    Dies hat jedoch zur Folge, dass die Diskussion um den JMStV falsch geführt wird. Für eine echte Lösung eines etwaig vorhanden Problems muss mit wissenschaftlicher Vorgehensweise und Sorgfalt durchgeführt werden: Es fehlt eine Problemeingrenzung, eine Problemanalyse, eine Definition einer Lösung und einem durchführbaren Lösungsweg und dies aus verschiedenen Sichtweisen.

    Dadurch wird z.B. auch missachtet, dass Jugendschutz eigentlich keine Aufgabe des Staates sein kann, sondern Teil der Erziehung ist. Der Staat sollte den Eltern lediglich Möglichkeiten und Werkzeuge schaffen, eine verantwortungsvolle Erziehung zu ermöglichen und nicht die Verantwortung für diese Erziehung selbst übernehmen. In Deutschland ist es außerdem Mode, Jugendschutz gedankenlos über andere gesellschaftliche Werte zu Stellen, zumal der typische deutsche Politiker gerne reguliert.

    Unter diesen Aspekten wäre es ein Weg, statt Regularien klare nachvollziehbare Standards für eine vollkommen freiwillige Selbstklassifizierung zu schaffen, die wiederum von verschiedenen Beteiligten (Publishern, Filter-Programm-Hersteller, Eltern) bei Bedarf aufgegriffen werden kann.

    Aber welcher Politiker hat den Mut, die Kontrolle aufzugeben?

    gordon-creAtive

    Teammitglied im
    Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler

    Dies ist als Privatmeinung anzusehen.

  10. Markus sagt:

    Hallo Martin,

    ich kann Deinen Thesen nur beipflichten!

    Markus

  11. Pingback: 0197
  12. Jürgen sagt:

    @JoeBlack
    Das ist in Hinblick auf das deutsche Strafrecht aus meiner Sicht illusorisch: solange das Strafrecht in Deutschland als eine Art Verlängerung des Jugendschutzgesetzes fungiert, worauf etwa auch bei der USK letzten Endes hingewiesen wird – dass der Gesetzgeber da auch (mit) einschränkt -, sind mit der PEGI vergleichbare Systeme in Deutschland nicht umsetzbar.
    Hinzu kommt die Arbeit der BPjM: nach der Jugendschutz-Novelle von 2003 ist die BPjM zumindest bei Trägermedien quasi nur mehr für jene zuständig welche keine Kennzeichnung über die Freiwilligen Selbstkontrollen in Deutschland gefunden haben. Allein diese können nunmehr indiziert werden.
    Ansonsten wäre die BPjM da auch gleich arbeitslos – ich sehe das so: man kann nicht die Rechnung ohne den Wirt machen. Der Wirt ist in dem Fall halt der Gesetzgeber, und da eben auch nicht nur der Jugendschutzgesetzgeber, sondern auch der Strafrechtsgesetzgeber welcher sich beim Gewaltdarstellungsverbot zumindest teilweise auch wieder ausdrücklich auf Artikel 1 GG bezieht.
    Nun kann man sagen, dass dann halt die paar wenigen Spiele welche davon betroffen sind auch mit Kennzeichnung verboten werden, doch dann hat man wieder nicht auf den Index Rücksicht genommen, und was der alles mitunter bereits vorschreibt.

    Das wäre dann in jedem Fall ein Rückschritt – konkret in die Zeit vor 2003, wo alles Mögliche im Videospiel-Bereich sozusagen frei gewesen ist indiziert zu werden.

    Ich habe schon den Eindruck, dass man bei den Telemedien, und darum geht es in diesem Staatsvertrag ja in erster Linie, eine europäische Lösung auch in Deutschland finden kann, in Zusammenarbeit mit zum Beispiel der PEGI, und wie mir scheint ist man da auch bereits längst auf den Weg dorthin, aber das kann so aus meiner Sicht auch nur deshalb passieren, weil im Videospielbereich die telemedialen Games inhaltlich tendenziell doch unproblematischer respektive vielfach immer noch abstrakter ausfallen als viele beanstandete Trägermedien.

    Das wäre aber auch eine Sonderlösung: ich möchte da schließlich noch an den Herrn Frattini zum Beispiel erinnern. Bei der Idee von Deutschland aus eine europäische Lösung beim Jugendmedienschutz allgemein zu gewinnen trage ich für gewöhnlich jedenfalls die große Sorge, dass deutsche Maßstäbe dabei Resteuropa mit Zuhilfenahme von populistischen Strömungen in anderen Ländern, welche (auch) dort nur allzugern eine Law & Order-Medienpolitik umsetzen möchten, aufgedrängt werden (sollen). Selbstverständlich nicht hier so wie es oben angedacht wurde, Electronic-Arts-RepräsentantInnen aus Deutschland haben sich ja in Vergangenheit dabei bereits Verdienste um eine weniger restriktive Politik gemacht, aber dafür von anderer (politischer) Seite.

    Solche Sachen sind, wenn ich mich nicht sehr irre, letztlich doch auf ministerialer (EU-)Ebene zu beraten und zu beschliessen.

  13. Martin sagt:

    Vielen Dank, Herr Jürgen Mayer, für den Hinweis auf die verschiedenen Rechtsbereiche, die hier tangiert werden. Gestatten Sie mir eine Klarstellung zu diesem Punkt:

    Nach der Jugendschutz-Novelle von 2003 ist die BPjM zumindest bei Trägermedien quasi nur mehr für jene zuständig welche keine Kennzeichnung über die Freiwilligen Selbstkontrollen in Deutschland gefunden haben. Allein diese können nunmehr indiziert werden … Nun kann man sagen, dass dann halt die paar wenigen Spiele welche davon betroffen sind auch mit Kennzeichnung verboten werden, doch dann hat man wieder nicht auf den Index Rücksicht genommen, und was der alles mitunter bereits vorschreibt. Das wäre dann in jedem Fall ein Rückschritt – konkret in die Zeit vor 2003, wo alles Mögliche im Videospiel-Bereich sozusagen frei gewesen ist indiziert zu werden.“

    Ich denke auch, dass die Arbeit der BPjM sich auf Medien beschränken muss, die keine Alterskennzeichnung haben. Alles andere wäre in der Tat ein Rückschritt vor 2003. Ich bin der Meinung, dass wir nur schrittweise vorankommen und der erste Schritt wäre eben, innerhalb des bestehenden Systems bei der Frage „Für welche Altersgruppe ist ein Spiel möglicherweise beeinträchtigend?“ sich eines Selbstklassifizierungs-Systems à la PEGI-System zu bedienen. Eine der Modifikationen für Deutschland wäre eben, dass Spiele, die den Indizierungskriterien entsprechen, nach wie vor keine Alterskennzeichnung bekommen.

  14. DemoNews sagt:

    Sehr gute Seite, das Informationsspektrum ist außerordentlich!

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