veröffentlicht von Martin Lorber am 11. November 2011

Interview mit Stefan Oelze, Geschäftsführer der Film- und Fernseh-Produktionsfirma Filmpool, über die aktuelle Situation sowie die Perspektiven der deutschen Unterhaltungsindustrie.

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Vor ein paar Wochen traf ich Stefan Oelze bei dem Medienclub NRW der Film- und Medienstiftung NRW. Als langjähriger Produzent von Unterhaltungsformaten kennt Stefan Oelze zahlreiche nationale und internationale Produktionen so gut wie kaum ein anderer. Dabei reicht das Spektrum vom Münster-Tatort bis zu Realtainmentserien. Daher freue ich mich sehr, dass Stefan Oelze in einem kurzen Interview mit mir über seine Einschätzungen aus der Perspektive eines erfolgreichen deutschen Medienmachers sprach.

Herr Oelze, Sie haben in Großbritannien Erfahrungen zur Unterhaltungskultur machen können: Inwiefern unterscheidet sich denn die kulturelle „Wertigkeit“ von verschiedenen Unterhaltungsformaten dort mit denen hierzulande?

Grundsätzlich sind unseren Kulturen natürlich unterschiedlich. Humor ganz bestimmt auch (wobei die Briten ja sagen, wir hätten keinen). Vielleicht kann man hier auch von einem historisch gewachsenen Unterschied sprechen. Schon im Theater des 17. Jahrhunderts  gab es mit dem Pickelhering eine sehr zotige und komische Figur, die von fahrenden Schauspielern hierhin gebracht wurde und durchaus ihren Erfolg hatte, aber dann später von hiesigen Bühnen zugunsten gehobener Komödien verbannt wurde. Danach gab es für lange Zeit in Großbritannien deutlich mannigfaltigere Entwicklungen von komischen Stücken als sie aus deutschen Landen kamen, wo alles doch etwas biederer oder eben, etwa mit Lessing, gehobener daherkam.

Und möglicherweise hat die unterschiedliche Unterhaltungskultur auch etwas mit dem Klassensystem in England zu tun. Viele heutige populären Unterhaltungsformen haben ihren Ursprung in den „Worker’s Men Clubs“, die um 1900 entstanden – da gab es schon früh die Verbindung aus klassenbewußter Aufklärung im Marxschen/Engelschen Sinne. Aber es gab in diesen Clubs auch immer einen starken Unterhaltungsanteil,  hier ist z. B. der Ursprung der Stand Up Comedy zu finden.

Und in Deutschland? Ein großer Teil von deutscher Unterhaltungskultur ist zwischen 1933 – 1945 ermordet und vertrieben worden. Aber es sei auch angemerkt, dass selbst die so freigeistige 68er Bewegung eher einen elitären Kulturbegriff geprägt hat als dass sie Zugang zu populärer Unterhaltung gefunden hätte.

Ist uns Großbritannien vielleicht voraus, wenn es darum geht, leichte Unterhaltung zu genießen?

Immer noch ein bißchen. Schauen sie sich doch mal das Fernsehen in beiden Ländern an. Die BBC zeigt neben herausragenden Dokus und Nachrichten eben auch herausragende Unterhaltungssendungen, die von allen Zuschauerschichten und Altersgruppen gesehen werden. In Deutschland hat leichte Unterhaltung immer noch einen schlechten Ruf und man muß sich fast dafür entschuldigen. Das ist sicherlich auch ein Erbe der 68er – aber hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass Politiker es sind, die unser öffentlich-rechtliches Fernsehen kontrollieren. Dabei sieht man ja, wie sehr Zuschauer das lieben, was vermeintliche Bildungseliten ganz furchtbar finden: Wir merken das beispielsweise am Erfolg der filmpool-Formate am Nachmittag, die ich gern mit einem Groschenroman vergleiche. Nehmen Sie „Familien im Brennpunkt“, da erzählen wir für den RTL-Zuschauer Tag für Tag aufs Neue eine kleine, spannende Geschichte, keine ernste Dokumentation oder hochintellektuelle Verfilmung, sondern eine Stunde guter und – wenn Sie so wollen – leichter Unterhaltung. Das goutiert der Zuschauer durchaus, über 37% in der werberelevanten Zielgruppe sprechen eine deutliche Sprache. Die Frage ist eher, ob der Zuschauer sich einerseits auch traut, dazu zu stehen, dass er diese Sendungen schaut, weil er glaubt, dass das in der Gesellschaft vielleicht nicht als gut angesehen wird. Und andererseits, ob auf Senderseite die Überzeugung da ist, dass auch ein gut gemachter Groschenroman oder eben ein entsprechendes TV-Programm ein hochwertiges Programm sein kann. Denn eines ist klar: die Produktion von leichter Unterhaltung ist nicht zwingend leichter, als es die Produktion eines hochernsten Themas wäre. Oder, um nochmal den Bogen zu ziehen: In Deutschland hat das Drama sicherlich einen höheren Stellenwert als die leichte Unterhaltung, die Komödie. Dabei muss man erst mal das Drama beherrschen, um überhaupt die Komödie – oder eben im TV die Comedy – hinzukriegen, weil das Drama die Basis für den komischen Moment ist.

Besteht aus ihrer Sicht in Deutschland die öffentliche Tendenz, Videospiele und Fernsehunterhaltung kulturell gering zu schätzen? Wir wirkt sich diese aus?

Ja, das ist leider so, auch wenn ich glaube, dass wir da einen Wandel erleben. Der TV-Markt ist einfach der größte Werbemarkt in Deutschland und der Games-Markt ist so unglaublich groß und wächst so massiv, dass man schon aus ökonomischen Gründen einfach nicht mehr daran vorbeikommt. Aber nach wie vor gibt es natürlich viele Kritiker, die gern mit hocherhobenem Zeigefinger und oftmals auf eine schrecklich oberlehrerhafte und überhebliche Art Fernsehprogramme oder eben auch Videospiele kritisieren, die sie oftmals selbst gar nicht genau kennen, was das Ganze in meinen Augen noch viel schlimmer macht.

Man sagt uns Deutschen im internationalen Ausland häufig nach, wir besäßen keinen Humor. Bestätigen wir dieses Vorurteil vielleicht durch ein ambivalentes Verhältnis zur Unterhaltung?

Ja, mit Sicherheit, zumindest noch. Ich glaube aber, dass sich das ändern kann und vielleicht schon ändert, wenn man sich mal einfach den Entertainmentmarkt und dessen Entwicklung in den vergangenen Jahren anschaut. Auch haben wir uns viel mehr auf andere Kulturen eingelassen – sicherlich hat die angelsächsische Unterhaltung einen Einfluß auf uns: Hollywood, Musicals, Comedy usw. Neben Sie beispielsweise „Comedy“. Den Begriff gab es vor 25 Jahren noch nicht einmal – da hatten wir Kabarett. Das war intelligent und da durfte man lachen. Heute haben wir Kabarett und Comedy – und Comedians füllen ganze Stadien.

Welche Lektionen können wir aus der Medien- und Videospiellandschaft in Großbritannien lernen?

Mutiger zu sein, mehr Liebe auch zu verschrobenen Ideen zu entwickeln, die vielleicht gerade aufgrund ihrer Verschrobenheit etwas Geniales innehaben. Etwas entspannter und offener in der Bewertung von neuen Ideen zu sein. Diesen Ideen einen Raum geben – Sendeplätze, Pilotversuche uw. Mehr Respekt zu haben vor der Leistung unserer Kreativen, egal in welchem Bereich der Unterhaltungsindustrie. Und gleichzeitig zu verstehen, dass das, was wir machen, eben nicht immer nur Kunst, sondern ganz klar oft auch ein Business, ein Geschäft ist, und entsprechend zu handeln.

Wo führt der Weg der deutschen Unterhaltungsindustrie ihrer Meinung nach hin?

Ich glaube, dass es nicht den einen Weg geben wird, sondern viele ganz unterschiedliche Wege, entsprechend der Entwicklung der Gesellschaft, sprich, mehr Zielgruppen und mehr auf sie abgestimmte Angebote auf der einen Seite und „Lagerfeuer-Unterhaltung“ für eine größere Masse auf der anderen Seite. Im TV-Bereich merken wir schon jetzt, dass auch unsere Programme mal gegen die Einbahnstraße fahren, also ihren Weg ins Ausland finden, weil sie sowohl inhaltlich überzeugen als auch – vielleicht eine deutsche Tugend – sehr effizient zu produzieren sind.
Ganz grundsätzlich bin ich sicher, dass wir als Contentproduzenten ständig dazulernen, uns verbessern und davon die Zuschauer oder User profitieren. Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, dass wir als Produzent von Bewegtbildinhalten mal mit einem Video- und Computerspielehersteller wie EA was zusammen machen und unsere Kompetenzen sich gut ergänzen könnten. Viele werden sich nicht mehr erinnern, aber vor ein paar Jahrzehnten gab es in Deutschland nur drei Fernsehprogramme und keinen Gamesmarkt. Wenn Sie sich dann die Entwicklung der vergangenen Jahre anschauen muss man doch sagen: Wir sind auf einem guten Weg.

Vielen Dank für das Interview.

Stefan Oelze ist seit 2008 Geschäftsführer der Film– und Fernseh-Produktionsfirma Filmpool mit Sitz in Köln. Das Kerngeschäft umfasst heute die Entwicklung und Produktion von Unterhaltungssendungen unterschiedlichster Genres und wurde in der Vergangenheit mehrfach Ausgezeichnet. Darunter der Grimmepreis, der Deutsche Fernsehpreis, die Goldene Henne und eine Nominierung für den International Emmy Award für den TV-Film „Der Novembermann“.

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