Weil das Thema Computerspielsucht immer wieder aufkommt, hier erneut ein paar Thesen zum Thema.
veröffentlicht von Martin Lorber am 05. Mai 2011

Geschichten in Videospielen: Vom Einzeiler zum Epos

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Geschichten sind ein fester Bestandteil nahezu jeder Kultur. Seit jeher werden sie erzählt, um zu unterhalten, Wissen weiterzugeben oder Traditionen zu überliefern. Heute begegnen uns Geschichten täglich in unterschiedlichster Form, ob in Text, Bild oder Ton, in Filmen, Büchern – und natürlich Videospielen. Dabei hat sich das so genannte „Storytelling“ durch Geschichten in Videospielen mit dem Medium selbst weiterentwickelt.

Die Baldur’s Gate-Reihe zählt zu den bekanntesten – und erzählt eine epische Handlung. (Quelle: bioware.com)
Die Baldur’s Gate-Reihe zählt zu den bekanntesten – und erzählt eine epische Handlung. (Quelle: bioware.com)

Bevor ich über Geschichten in Videospielen spreche, möchte ich zunächst darauf eingehen, was eine Geschichte überhaupt ausmacht. Prof. Dr. Matías Martínez und Prof. Dr. Michael Scheffel beschreiben in ihrem Buch Einführung in die Erzähltheorie eine Geschichte als Verknüpfung von menschlichen Handlungen. Darüber hinaus folgen sie einem Handlungsschema, das Konflikte, Wendungen und Lösungen beinhaltet.

Geht man von dieser Definition einer Geschichte aus, lassen sich Videospiele aufgrund ihrer Handlung in drei Kategorien einteilen:

1. Spiele ohne Handlung

Zu dieser Kategorie zählen vor allem Videospiel-Klassiker wie Pong oder Tetris, aber auch moderne Titel wie Bejeweled. Es gibt weder handelnde Personen, noch eine Geschichte, die erzählt wird. Der Spieler erfüllt eine konkrete Aufgabe, wie etwa einen Ball im Spiel zu halten. Während die frühen Videospiele vor allem wegen der technischen Restriktionen (auch im Eingabebereich) wenig komplex waren, beschränken sich moderne Casual Games wie Bejeweled dahingehend bewusst. Sie sind gedacht als schneller, unkomplizierter Zeitvertreib, als die klassische „schnelle Partie zwischendurch“ und liefern Spielern nicht durch Handlungsfortschritte motivierte Unterhaltung.

2. Spiele mit rudimentärer Handlung

Mit dem Voranschreiten der technischen Möglichkeiten im Bereich der Spielentwicklung wurden auch die Inhalte komplexer. Die Aktionsmöglichkeiten des Spielers konnten immer mehr in eine Rahmenhandlung eingebettet werden, die dem Geschehen auf dem Bildschirm einen übergeordneten Sinn verlieh. Als Beispiel hierfür sei das bekannte Super Mario Bros. genannt, in dem der Held, Mario, ein Königreich und die dazugehörige, entführte Prinzessin vor einem Bösewicht retten muss. Von der handelnden Person bis hin zum Konflikt mit einer Lösung sind also alle Bestandteile des oben erwähnten Handlungsschemas vorhanden. Dennoch ist die Geschichte nur schmückendes Beiwerk, denn im spielerischen Vordergrund stehen Gameplay-Aufgaben, die keine direkte Auswirkung auf die Handlung haben.

3. Spiele, deren Handlung zum zentralen Element wird

Seit diesen frühen Videospielen stehen Gamedesignern immer umfangreichere Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen Geschichten in Videospielen zum Leben erweckt werden können. Das „Storytelling“ wurde – auch durch die wachsende Popularität von Spielen in der Gesellschaft – kontinuierlich weiterentwickelt. Besonders bemerken kann man diesen Fortschritt im Genre der Videospiel-Rollenspiele: Dort steht die Handlung im Vordergrund, die Beweggründe und Taten des Hauptcharakters und seiner Begleiter werden detailliert dargelegt. Mehrere Erzählstränge fügen sich dabei zu einer komplexen Geschichte zusammen, die dem eines Buchs ähneln können. Einige große Videospielreihen, wie beispielsweise die Final Fantasy-Reihe, lassen ihre Spieler dabei auf relativ linearen Bahnen wandeln. Die Geschichte des Spiels wird in aufwendig produzierten Filmsequenzen und Dialogen erzählt, die so sehr ins Detail gehen, dass der Spieler die Charaktere der Protagonisten kennenlernen kann.

Auch in Mass Effect 2 können Spieler ihren Helden aus dem ersten Teil laden und werden dann mit den Konsequenzen einst getroffener Rollenspiel-Entscheidungen konfrontiert. (Quelle: www.masseffect2-magazin.de)
Auch in Mass Effect 2 können Spieler ihren Helden aus dem ersten Teil laden und werden dann mit den Konsequenzen einst getroffener Rollenspiel-Entscheidungen konfrontiert. (Quelle: www.masseffect2-magazin.de)

Einen Schritt weiter gehen Rollenspiele für PC und Konsolen, bei denen Spieler durch die virtuellen Handlungen und Taten des Protagonisten die Handlung beeinflussen – und damit auch das Ende der Geschichte selbst. Als Beispiel seien zum Beispiel Klassiker wie Baldur’s Gate, das auf dem Regelwerk Advanced Dungeons & Dragons zurück griff, Planescape Torment von Guido Henkel und viele weitere erwähnt. Dass Pen&Paper-Rollenspielmechaniken auch in Videospielen zum Einsatz kommen, um den hohen Interaktionsgrad des Spielers mit seiner virtuellen Umgebung darzustellen, ist eine Mechanik, die sich bewährt hat – auch hierzulande, zum Beispiel mit dem in Deutschland populären Rollenspielsystem Das Schwarze Auge, das im Videospiel Drakensang zum Einsatz kam.

Mehr noch: Mittlerweile werden früher nur in Textform dargestellte Dialoge immer häufiger mit filmhaften Kameraperspektiven in Szene gesetzt, die Sprache lippensynchron wiedergegeben – und Gestik und Mimik geben beispielsweise Hinweise auf die Ehrlichkeit hinter einer getroffenen Charakter-Aussage. Diese Dialogtechnik kam bereits in den Rollenspielen der Mass Effect- und Dragon Age-Reihe zum Einsatz. Als Konsequenz können Spieler immer tiefer in fremde Welten eintauchen, um fantastische Geschichten zu erleben.

In meinen Augen sind Video- und Computerspiele inzwischen mehr als geeignet, um Geschichten zu transportieren, die Spieler fesseln und berühren können. Geschichten in Videospielen vermitteln auch Gefühle, rufen Mitleid, Trauer und Freude hervor und zählen deshalb für mich zum Kulturgut.

Weitere Links zum Thema:

Buch: „Einführung in die Erzähltheorie“ (chbeck.de)

Web: Casual Games – Was ist das eigentlich? (gamebizz.de)

Kommentare
  1. Lissy sagt:

    Ich finde das toll, dass man in vielen Video bzw Computerspiele die Geschichten von den verschiedenen Kulturen findet. Es ist einfach toll allgemein, wenn Videospiele noch was Wissenswertes in ihren Spielen verstecken.

    Ein Beispiel möchte ich gerne hier ansprechen ist die Heldin aus Darkspore Andromeda. Andromeda ist eine mittelgroße Galaxie in unserem Universum, diese liegt in der Nähe der Milchstraße. Wenige wissen das und so gibt es viele Details in Spielen die sich mit unserem Leben verbindet. Schade nur, dass wenige es sehen und entdecken.

    Ein toller Bericht daher. :)

  2. Martin sagt:

    Vielen Dank für Ihr Lob und Ihr Beispiel. Ich halte es auch für sehr wichtig, die Wirkung von Handlung zu beleuchten, denn sie ist einer der wichtigsten Motivatoren in Videospielen.

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