Weil das Thema Computerspielsucht immer wieder aufkommt, hier erneut ein paar Thesen zum Thema.
veröffentlicht von Martin Lorber am 11. November 2012

Dr. Murad Erdemir: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ – Kunstvorbehalt und Altersfreigabe durch die USK

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Der vorliegende Gastbeitrag geht zurück auf einen Vortrag, den Dr. Murad Erdemir anlässlich der Tagung der Jugendschutzsachverständigen der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) am 31. Mai 2012 in Berlin gehalten hat. Einen juristischen Fachaufsatz zum Thema, welcher neben Computerspielen zudem die Spezifika für Spielfilme berücksichtigt, hat der Autor unter dem Titel „Die Bedeutung des Kunstvorbehalts für die Prüfentscheidungen von FSK und USK“ in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Jugendmedienschutz-Report (Heft 5/2012) veröffentlicht.

Murad Erdemir ist Jurist und Autor und lebt in Kassel. Er lehrt Jugendmedienschutzrecht an der Göttinger Universität und gehört als Juristischer Sachverständiger dem Beirat der USK an.
Murad Erdemir ist Jurist und Autor und lebt in Kassel. Er lehrt Jugendmedienschutzrecht an der Göttinger Universität und gehört als Juristischer Sachverständiger dem Beirat der USK an.

 

Dr. Murad Erdemir: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ – Kunstvorbehalt und Altersfreigabe durch die USK

I. „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Wenn ein Affe malt, dann ist das heute Kunst; anders, wenn ein Kleinkind malt. Wobei Affen, mehr noch als Kleinkinder, am liebsten abstrakt malen. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass ein Orang-Utan jemals seinen Pfleger portraitiert hätte. Neu ist Affenkunst dabei nicht. Der Krefelder Zoo konnte bereits 2008 über eine Künstleragentur für 21 Bilder der Orang-Utan-Damen Sita, Sandra und Tilda immerhin 3.200 Euro losschlagen. Der aus „Tarzan“ bekannte Schimpanse Cheetah stellte sogar schon in der Londoner National Gallery aus.

Nun wohne ich zurzeit in Kassel. Dort fand im Sommer bereits zum dreizehnten Mal die „documenta“ statt. Aufgrund einschlägiger Erfahrungen hat man in Kassel frühzeitig damit angefangen, die örtlichen Reinigungskräfte auf das Weltkunstereignis einzustimmen. Diese hatten noch kurz vor Eröffnung der zwölften „documenta“ in 2007 ein Werk der chilenischen Aktionskünstlerin Lotty Rosenfeld entfernt. Die Künstlerin wollte, indem sie Markierungsstreifen der Fahrbahn mit Querstrichen zu Kreuzen ergänzte, auf unterschwellige Unterdrückung aufmerksam machen. Mag die Maßnahme der Kasseler Stadtreinigung noch als Beseitigung einer Verkehrsgefährdung durchgehen, so fällt der Befund im Falle der 2011 an das Dortmunder Museum Ostwall ausgeliehenen Installation „Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen“ des Künstlers Martin Kippenberger umso eindeutiger aus: Kaputt geputzt und trocken gewischt durch eine allzu fleißige Reinigungskraft. Der Fall erinnert an den eifrigen Einsatz des Hausmeisters der Kunstakademie Düsseldorf, dem 1986 die legendäre „Fettecke“ des Künstlers Joseph Beuys zum Opfer fiel.

Dass man „echte“ Kunst nur schwer erkennt, ist also nicht neu. Vergleichen Sie die Werke eines Jackson Pollock mit den robusten Pinselstrichen eines Orang-Utans, und Sie wissen, was ich meine.

Leichter hatte es da schon der italienische Konzeptkünstler Piero Manzoni mit seiner „Merda d’artista“ („Künstlerscheiße“). Im Jahre 1961 füllte Manzoni jeweils 30 Gramm seiner eigenen Fäkalien in 90 Dosen und verschloss diese geruchsfest. Wenngleich mehr als Witz denn als Kunst gedacht, rissen sich „Kunstsammler“ in aller Welt um die geringe Auflage. Im Oktober 2008 erzielte Dose Nr. 83 bei Sotheby’s einen Auktionspreis von ca. 132.000 Euro. Manzonis Versuch, die moderne Kunstwelt zu parodieren, war damit grandios gescheitert.

Von der unerhörten Leichtigkeit, mit der Cheetah und Manzoni die Hürde der Kunst nahmen, können die Schöpfer eines Computerspiels auch heute nur träumen. Computerspiele als Kunst? Noch vor einigen Jahren undenkbar. Ihre Anerkennung als Kulturgut durch den Deutschen Kulturrat hat den Bann zwar gebrochen. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem gewalthaltigen Computerspielen die Kunsteignung weiterhin vorschnell abgesprochen wird. Während gewalthaltige Spielfilme auf nationalen und internationalen Filmfestivals regelmäßig Preise abräumen, fällt die Politik im Bereich der Computerspiele auch heute noch allzu gern einer „Killerspiel-Rhetorik“ (Begriff bei Martin Lorber, Beitrag vom 15. Mai 2012 in diesem Blog) anheim, die einen sachlichen Umgang mit dem Thema nahezu unmöglich macht. Man erinnere sich nur an die Kontroverse um „Crysis 2“ im Rahmen der diesjährigen Verleihung des Deutschen Computerspielpreises. Ähnlich deutlich dürfte der Befund übrigens für den nicht spielenden Teil unserer Gesellschaft ausfallen.

Dabei ist die Sache, wenngleich es im Folgenden auch sukzessive deutlich juristischer wird, eigentlich ganz einfach: Bereits aus dem staatlichen Gebot der Neutralität und Toleranz gegenüber der Kunst folgt eine „gewisse Unmöglichkeit“, so bereits das Bundesverfassungsgericht, „Kunst generell zu definieren“. Ein einheitlicher Konsens über objektive Maßstäbe würde dem eigentlichen Wesen der Kunst völlig widersprechen. Denn zu den typischen Eigenheiten des Lebensbereichs Kunst gehört, dass sie über das hinausweist, was sie zeigt (sog. offener Kunstbegriff). In der Konsequenz verbietet sich auch eine pauschale Zuweisung ganzer Werkstypen, sodass Computerspiele – ebenso wie Spielfilme – zwar nicht per se der Kunst zuzurechnen sind. Gleichermaßen unzulässig ist es aber, bestimmte Gattungen bzw. Genres von Computerspielen generell aus dem Kunstbegriff auszuklammern oder die Anerkennung als Kunst gar von einer Stil-, Niveau- oder „Geschmackskontrolle“ abhängig zu machen. Und dass selbst pornografische Medieninhalte Kunst sein können, daran hat die Rechtsprechung seit Josefine Mutzenbacher und Opus Pistorum keinen Zweifel gelassen.

Daraus folgt: In demselben Maße, wie ein gewaltbehafteter Action- oder Horrorfilm in den Rang eines Kunstwerks erhoben werden kann, muss dies auch für gewaltbehaftete Computerspiele zutreffen. Selbst ein klassischer Ego-Shooter kann daher Kunst sein (so immerhin auch der einhellige Konsens unter den Teilnehmern des Eröffnungspanels des diesjährigen gamescom congress am 16. August 2012). Aktuell dürfte dies zum Beispiel für den 3rd-Person-Shooter „Spec Ops: The Line“ zutreffen. Das Spiel beendet die Ära des gesichtslosen Massensterbens auf dem Bildschirm und beeindruckt zugleich durch seine künstlerische Gestaltung. Apocalypse Now lässt grüßen.

Und um hier möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Das Label „Kunst“ bedeutet keineswegs einen Freibrief für Verstöße gegen den Jugendschutz. Die Belange des Jugendschutzes sind allerdings unabhängig von der Einstufung der künstlerischen Bedeutung zu diskutieren. So ist die Freiheit der Kunst zwar schrankenlos gewährleistet. Sie kann aber durch andere verfassungsrechtlich verbriefte Werte wie dem Jugendschutz nach dem Verhältnismäßigkeitsprinzip beschränkt werden. Die Abwägung zwischen den konkurrierenden Verfassungsgütern muss hierbei stets am Einzelfall getroffen werden. Eine allgemeine Rangordnung zwischen Kunstfreiheit und Jugendschutz gibt es nicht, also auch keinen prinzipiellen Vorrang. Sich auf den Kunstvorbehalt zu berufen, heißt hier also, gegen eine Jugendschutzmaßnahme Einspruch wegen Kunst zu erheben. Ob der Einspruch von Erfolg gekrönt ist, ist dagegen eine Frage des Einzelfalles.

Anhaltspunkte für den Grad der künstlerischen Gestaltung eines Computerspiels können vor allem die Story bzw. der narrative Handlungsstrang, die computertechnisch-grafische Ausgestaltung, die musikalische Untermalung, der Einsatz der Soundeffekte und die Atmosphäre liefern. Lassen die Dramaturgie der Ereignisse und die intertextuellen Verweisstrukturen eines Spiels verschiedene Haltungen bzw. Interpretationen des Spielers zu, so ist auch dies ein Indiz für den künstlerischen Gehalt eines Spiels. Die Gefahr, Kunst zu verkennen, ist dabei besonders groß bei solchen Personen, die mit dem einschlägigen Computerspiel-Genre nicht vertraut sind oder dieses von vornherein ablehnen.

Wir halten also fest: Reinigungskräfte brauchen Fetteckenkompetenz, Medienpolitiker und Jugendschützer Genrekompetenz.

II. Kunstvorbehalt und Altersfreigabe durch die USK

Auf Bildträgern (Blu-ray Disc, DVD, CD-ROM) verfügbare Computerspiele werden vor ihrer Veröffentlichung regelmäßig einem Freigabe- und Kennzeichnungsverfahren durch die USK unterzogen und dem festgestellten Grad ihrer Entwicklungsbeeinträchtigung entsprechend gekennzeichnet. Nach ihrer Veröffentlichung können nicht gekennzeichnete Bildträger, welche über eine einfache Entwicklungsbeeinträchtigung hinaus eine Jugendgefährdung aufweisen, von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert werden. Für das scharfe Schwert der Indizierung, welche weitreichende Abgabe-, Vertriebs- und Werbeverbote nach sich zieht, sieht das Jugendschutzgesetz (JuSchG) allerdings einen ausdrücklichen Vorbehalt für Kunst vor. Wird also ein Computerspiel mehr durch seinen Kunstcharakter als durch seinen jugendgefährdenden Charakter geprägt, so ist eine Indizierung durch die BPjM ausgeschlossen. Im umgekehrten Fall tritt die Kunstfreiheit hinter den Belangen des Jugendschutzes zurück. So hat zum Beispiel jüngst das Verwaltungsgericht Köln in seinem Rammstein-Urteil ausgeführt: „Allein der Kunstcharakter eines Mediums steht jedoch seiner Indizierung noch nicht entgegen. Vielmehr sind im Sinne einer praktischen Konkordanz der Belange des Jugendschutzes einerseits und der Kunstfreiheit andererseits beide Belange im Einzelfall gegeneinander abzuwägen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um ein schlicht jugendgefährdendes oder um ein schwer jugendgefährdendes Medium handelt.“

Dagegen findet sich im JuSchG kein Hinweis auf eine entsprechende Berücksichtigung der Kunst bereits bei der Altersfreigabe. Dabei steht außer Frage, dass auch jede auf einer Altersfreigabe basierende Verbreitungsbeschränkung zwangsläufig die Kunstfreiheit tangiert. Je strenger die Freigabeentscheidung ausfällt, umso kleiner wird der Kreis der potenziellen Spieler und damit auch der Kreis des potenziellen Kunstpublikums. Mag die Möglichkeit eines Eingriffs in den Wirkbereich der Kunst für die Altersstufen 6 und 12 Jahre auch vernachlässigbar sein, so wird sie mit jeder höheren Altersfreigabe doch wahrscheinlicher. Einem Sechzehnjährigen jedenfalls dürfte ein hinreichendes Kunstverständnis nicht so ohne weiteres abzusprechen sein.

Gleichwohl ist ein Einspruch gegen eine altersgerechte Kennzeichnung kaum von Erfolg gekrönt. Schließlich gewährt der Kunstvorbehalt den Kunstschaffenden keinen Anspruch darauf, dass ein zur Entwicklungsbeeinträchtigung geeignetes Werk auch Minderjährigen der betroffenen Altersgruppe jederzeit frei zugänglich ist. Im Gegenteil kann das Verfassungsgut Jugendschutz der ebenfalls verfassungsrechtlich verbürgten Kunstfreiheit nach dem Prinzip praktischer Konkordanz Grenzen aufzeigen. Der erforderliche Ausgleich erfolgt hier dadurch, dass gewährleistet bleibt, dass ein entwicklungsbeeinträchtigendes Spiel weiter beworben und verbreitet werden darf, sofern der zu schützende Personenkreis minderjähriger Spieler dieses Angebot nicht ohne weiteres wahrnehmen kann. Der Gesetzgeber hat also gerade keinen allgemeinen Vorrang des Jugendschutzes festgelegt. Es besteht kein sektorales Totalverbot, welches die Verbreitung von Kunst an Minderjährige generell ausschließt.

Für die USK bedeutet dies, dass sie im Anschluss an eine festgestellte Entwicklungsbeeinträchtigung dem Kunstvorbehalt regelmäßig keine explizite Beachtung schenken muss. Das Spiel kann vielmehr der jeweiligen Altersstufe entsprechend mit „Freigegeben ab sechzehn Jahren“ oder mit „Keine Jugendfreigabe“ gekennzeichnet werden. Lediglich in Grenzfällen, in denen die geeignete Altersstufe nicht eindeutig bestimmbar ist, kann hier das Pendel zugunsten der Kunstfreiheit ausschlagen. Entsprechendes gilt für den Fall, dass es sich um relativierende, Distanz gebende künstlerische Elemente handelt, die eine niedrigere Alterseinstufung rechtfertigen. Das ist dann aber genau genommen keine Frage des Kunstvorbehalts.

Bedeutung erlangt der Kunstvorbehalt jedoch in den Fällen, in denen die generelle Verweigerung einer Kennzeichnung im Raum steht. Zwar hält das JuSchG ein – vermeintlich in Stein gemeißeltes – Kennzeichnungsverbot für jugendgefährdende Bildträger bereit. Stellt die Selbstkontrolle eine Jugendgefährdung fest, so darf die Kennzeichnung des Spiels mit „Keine Jugendfreigabe“ aber gleichwohl nicht versagt werden, wenn es sich (1.) bei dem Werk um Kunst handelt und (2.) bei der Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Jugendschutz im konkreten Einzelfall die Belange der Kunst überwiegen. Dies aus folgenden Erwägungen:

Mit dem generellen Kennzeichnungsverbot schießt der Jugendschutz über sein selbst definiertes Ziel hinaus und verstößt gegen das verfassungsrechtliche Verhältnismäßigkeitsprinzip, da bereits mit der Kennzeichnung „Keine Jugendfreigabe“ den Erfordernissen eines wirksamen Jugendschutzes hinreichend Rechnung getragen wird. Denn die im JuSchG normierten Vertriebsbeschränkungen für Computerspiele differenzieren nicht zwischen gekennzeichneten und nicht gekennzeichneten Bildträgern. Bereits solche Bildträger, die mit „Keine Jugendfreigabe“ gekennzeichnet sind, dürfen über den Vertrieb Kindern und Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden.

Hinzu kommt, dass Alterskennzeichnung und Indizierung als zentrale Elemente des Jugendmedienschutzes in wechselseitigem Zusammenhang stehen. So führt die Altersfreigabe zu einem Indizierungsschutz für entsprechend gekennzeichnete Trägermedien. Das USK-Kennzeichen sorgt damit ebenso früh- wie rechtzeitig für die gebotene Rechts- und Vertriebssicherheit, wobei die Erfordernisse eines effizienten Jugendschutzes gleichwohl gewahrt bleiben. Denn die BPjM müsste dem Kunstvorbehalt ja gleichermaßen Rechnung tragen und dürfte am Ende des Tages, soweit im Einzelfall die Belange der Kunst überwiegen, ebenso wenig indizieren wie die USK nach der hier vertretenen Position die Kennzeichnung verweigern darf. Und ein „Kunstmonopol“ der BPjM gibt es nicht.

Den vorgenannten Befund bestätigt ein Blick in die Praxis: Die Publisher legen größten Wert auf das USK-Kennzeichen und sind regelmäßig bereit, dafür auch umfangreiche Änderungen im Spiel vorzunehmen. Eine entsprechend rigide Prüf- und Kennzeichnungspraxis entfaltet damit zwar keine rechtlichen, wohl aber faktische Zensurwirkungen. Und Träger des Grundrechts der Kunstfreiheit sind übrigens auch diejenigen Personen, die das Kunstwerk der Öffentlichkeit zugänglich machen, sei es auch geschäftsmäßig.

Im Ergebnis stellt jede Nichtkennzeichnung eines Mediums für den Fall, dass es der Kunst zuzurechnen ist, einen empfindlichen Eingriff in die Kunstfreiheit dar. Das Kennzeichnungsverfahren ist also verfassungskonform so auszugestalten, dass eine Verweigerung der Kennzeichnung mit „Keine Jugendfreigabe“ unterbleibt, wenn im Einzelfall die Belange der Kunst überwiegen. Wird ein Spiel also mehr durch seinen Kunstcharakter als durch seinen jugendgefährdenden Charakter geprägt, so ist eine Nichtkennzeichnung ausgeschlossen. Hier kann folglich nichts anderes gelten als bei der Indizierung. Lediglich bei strafrechtlich relevanten Inhalten wie der Gewaltverherrlichung oder der Volksverhetzung, bei denen weiterreichende Schutzgüter wie der öffentliche Frieden oder die Menschenwürde betroffen sind, bleibt für eine Kennzeichnung kein Raum.

III. Fazit

„Ist das Kunst oder kann das weg?“, das muss sich auch die USK fragen, wenn für ein künstlerisch gestaltetes Computerspiel eine Kennzeichnung beantragt ist und eine Jugendgefährdung im Raum steht. Wird das Spiel dabei mehr durch seinen Kunstcharakter als durch seinen jugendgefährdenden Charakter geprägt, dann kann es auch nicht weg. Die USK hat es vielmehr mit „Keine Jugendfreigabe“ zu kennzeichnen.

Weitere Links zum Thema:

Blog: Brauchen wir mehr Kulturpflege für die Kulturwirtschaft?

Blog: Computerspiele: Die Kunst der Zukunft

Blog: Familienministerium stellt Novellierung des Jugendschutzgesetzes vor

Blog: Wieder Killerspieldebatte bei Nominierungen zum deutschen Computerspielpreis

Blog: Das Ende der Barbarei – Beitrag zum Tagungsband der Konferenz „Kulturgut Computerspiel?“

Web: Die Bedeutung des Kunstvorbehalts für die Prüfentscheidungen von FSK und USK

Web: Jugendmedienschutz-Report (Heft 5/2012)

Kommentare
  1. Pingback: Stigma
  2. Jürgen sagt:

    Ist die Grundlage sämtlicher Vorgänge gegen Gewaltdarstellungen in Deutschland nicht das strafrechtliche Gewaltdarstellungsverbot: oder anders gefragt, weshalb sollte nur „Gewaltverherrlichung“ gegen das Gebot einer Unantastbarkeit (nach dem GG) von Menschenwürde, oder deren Unveräußerlichkeit, verstoßen, aber etwa keine Tatsache von „gewalthaltigen“ Spielen – oder im Sinne von Jugendgefährdung „Gewaltbeherrschung“?
    Ich sehe jedenfalls keinen Hinweis darauf, dass die USK nicht bereits jetzt einen Kunstvorbehalt berücksichtigen würde. Dabei ist auch ein Film wie „Salò“ von Pier Paolo Pasolini, der international relativ hohes Ansehen geniesst, indiziert.

  3. Vicarocha sagt:

    Folgendem muss ich vehement widersprechen:

    „Bereits aus dem staatlichen Gebot der Neutralität und Toleranz gegenüber der Kunst folgt eine ‚gewisse Unmöglichkeit‘, so bereits das Bundesverfassungsgericht, ‚Kunst generell zu definieren‘. Ein einheitlicher Konsens über objektive Maßstäbe würde dem eigentlichen Wesen der Kunst völlig widersprechen. Denn zu den typischen Eigenheiten des Lebensbereichs Kunst gehört, dass sie über das hinausweist, was sie zeigt (sog. offener Kunstbegriff). In der Konsequenz verbietet sich auch eine pauschale Zuweisung ganzer Werkstypen, sodass Computerspiele – ebenso wie Spielfilme – zwar nicht per se der Kunst zuzurechnen sind. Gleichermaßen unzulässig ist es aber, bestimmte Gattungen bzw. Genres von Computerspielen generell aus dem Kunstbegriff auszuklammern oder die Anerkennung als Kunst gar von einer Stil-, Niveau- oder „Geschmackskontrolle“ abhängig zu machen. Und dass selbst pornografische Medieninhalte Kunst sein können, daran hat die Rechtsprechung seit Josefine Mutzenbacher und Opus Pistorum keinen Zweifel gelassen.“

    – Einerseits ist gem. des auch zulässigen, sog. formalen, typologischen Kunstbegriffs des BVerfG das Wesentliche eines Kunstwerkes, „daß bei formaler, typologischer Betrachtung die Gattungsanforderungen eines bestimmten Werktyps erfüllt sind […].“ Das Gericht exemplifiziert die „Tätigkeit und die Ergebnisse etwa des Malens, Bildhauens, Dichtens“ [E 67, 213 (226f.)]. I.d.S. verbietet sich eine Kunstzuweisung ganzer Werkstypen nicht: Computerspiele sind nicht nur ein Konglomerat diverser klassischer Kunstformen/-gattung, wie der bildenden Kunst (Graphik), der Musik, der darstellenden Kunst etc., sondern müssen m.E. gar, wie auch die Oper (als Verbindung aller Künste) als intrinsische Kunstform/-gattung gelten!

    – Andererseits ist gem. dem sog. offenen Kunstbegriff des BVerfG das Wesentliche eines Kunstwerks, dass es kontinuierlich interpretierbar ist, „so daß sich eine praktisch unerschöpfliche, vielstufige Informationsvermittlung ergibt […].“ [E 67, 213 (227)] Das ist aber (aus medienwissenschaftlicher Perspektive) im Lichte der Polymorphie und -semie der Medieninhalte/-texte, resp. der Multidechiffrierbarkeit derselben i.V.m. mit der Produktivität des Rezipienten* bzgl. Computerspielinhalten generell der Fall

    – Letztlich dürfte auch i.d.S. der sog. materielle Kunstbegriff des BVerfG keine Zweifel evozieren, dass Computerspiele per se Kunstwerke sind: „Das Wesentliche der künstlerischen Betätigung ist die freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten Formensprache zu unmittelbarer Anschauung gebracht werden. Alle künstlerische Tätigkeit ist ein Ineinander von bewussten und unbewussten Vorgängen, die rational nicht aufzulösen sind. Beim künstlerischen Schaffen wirken Intuition, Phantasie und Kunstverstand zusammen; es ist primär nicht Mitteilung, sondern Ausdruck und zwar unmittelbarster Ausdruck der individuellen Persönlichkeit des Künstlers.“ [E 30, 173 (188f.)]

    Summa summarum sind Computerspiele eine (intrinsische) Kunstform/-gattung und die Differenzierung in künstlerisch gestaltete und nicht künstlerisch gestaltete Computerspiele nicht strapazierbar. Computerspiele werden gem. dem Motto in dubio pro arte i.d.R. und nicht nur im Einzelfall Kunst sein; nichtkünstlerische Computerspiele sind die Ausnahme (dgl. gilt natürlich z.B. auch für Spielfilme)… und de facto wüsste ich – trotz einer Spielerkarriere von über 2 ½ Jahrzehnten und einer privaten Spielesammlung von über 1000 Spielen, wie auch dem doppelten bis dreifachen gespielter Spiele – auch nicht, welches Computerspiel bereits aus juristischer Perspektive kein Kunstwerk sein sollte. Dgl. auch das diesbzgl. Resümee meiner Doktorarbeit.

    * Winter, Rainer (1995): Der produktive Zuschauer. Medienaneignung als kultureller und ästhetischer Prozeß. München.

    1. Murad sagt:

      Haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Sie knüpfen mit Ihrem Kunstbegriff allein an die Tätigkeit des Herstellens von Computerspielen ohne Rücksicht auf den Grad der Kreativität und die „Qualität“ des jeweils Geschaffenen an. Dabei kann ich gut nachvollziehen, dass Sie in jedem Ihrer über 1.000 Spiele ein Kunstwerk erblicken. Mir geht es genau so mit meiner privaten Filmsammlung. Müsste ich, vor den Regalen stehend, mit dem Finger auf einen Spielfilm zeigen und ihn laut und deutlich zur „Nichtkunst“ erklären, es würde mir schwerfallen. Schwerfallen schon allein deshalb, weil ich das Werk damit ja – jedenfalls „gefühlt“ – ausgrenzen und diskriminieren würde.

      Ihre pauschale Zuweisung von Computerspielen zur Kunst hat zudem den unbestreitbaren Vorteil, staatliches Kunstrichtertum in diesem sensiblen Feld bereits im Ansatz auszuschließen. Was aber, wenn der Filmschaffende im konkreten Einzelfall ausdrücklich kein Künstler sein will? Was gilt, wenn Hersteller und Publisher eines Computerspiels mit der aus ihrer Sicht „elitären“ Kunst gar nicht erst in Verbindung gebracht werden wollen? Wenn sie gleichermaßen legitim allein am kommerziellen Erfolg interessiert sind und womöglich noch befürchten müssen, der Stempel „Kunst“ könne das Zielpublikum abschrecken und der Vermarktung hinderlich sein?

      Die Verweigerung des Kunstlabels ist kein Unwerturteil. Auch nicht aus juristischer Perspektive. Sie besagt lediglich, dass stattdessen andere Grundrechte wie die Kommunikationsfreiheiten aus Art. 5 Abs. 1 GG einschließlich der Informationsfreiheit des Spielers und des unbestechlichen Zensurverbots einschlägig sind. In diesem Sinne ist Kunst mit den Worten Friedrich Müllers (Freiheit der Kunst als Problem der Grundrechtsdogmatik, 1969) lediglich ein „Anknüpfungs- und Verweisungsbegriff“.
      Jenseits der Juristerei darf die Kunst jedoch auch ein Gütesiegel, eine besondere Auszeichnung für Kreativität sein. Warum auch nicht? Insoweit geht es um Hervorhebung, nicht um Ausgrenzung und Diskriminierung. Ihr weites Kunstverständnis dürfte sich insoweit als Danaergeschenk für alle engagierten Gamedesigner und Kreativen in der Computerspiele-Branche erweisen.

      „Kunst muss mich anrühren, bewegen, verunsichern, über das hinaus weisen, was sie zeigt, und sie muss etwas ausdrücken, was anders nicht ausgedrückt werden kann. Doch ist es nicht ein wenig vermessen, allen Computerspielen einen natürlichen, ‚angeborenen‘ Kunstbegriff zuzuschreiben?“, so bereits Martin Lorber am 7. November 2011 (Kommentar zu seinem Beitrag Computerspiele und Kunst). Ich kann mich seinen Worten nur voll und ganz anschließen.

      1. Jürgen sagt:

        Aber es gibt eben nicht nur die Seite der Kreativen, sondern auch jene einer Re- und Perzeption, wobei die Grenzen zwischen diesen beiden Seiten selbst gar nicht so klar sind. Ich begreife zum Beispiel bereits jeden Spielstand den ich irgendwo anlege als kreativen Ausdruck und damit Kunstwerk – eben über einen offenen Kunstbegriff wo „Kunst“ keine Auszeichnung ist. Nicht einmal etwas Gutes, Positives oder auch nur Wünschenswertes – Begrifflichkeiten wie ich sie so weiterhin nicht hinterfragt sehe. Gerade nicht über einen Hinweis auf eine Abwehr von Elitismen, oder wenn von einer „Erweiterung“ dabei ausgegangen wird. Wird wirklich ein offener Kunstbegriff zur Anwendung gebracht, so ist etwas weder in einem engeren, noch in einem weiteren Sinn (nur) „Kunst“. Anders wird doch genau kein offener Kunstbegriff verfolgt. Und ich sehe da schon auch einen Widerspruch zum Hinweis auf die malenden Orang-Utan-Damen, wie etwa Nonja im Wiener Tiergarten Schönbrunn in den 1990er Jahren: die Äffinnen können epistemisch gar nicht begreifen was Kunst überhaupt wäre, geschweige denn wie relevant diese für irgendwen ist. Denen interessiert vielleicht nur ob sie nach getaner Arbeit als Belohnung eine Banane erhalten. Und wie Recht haben die Äffinnen: dennoch steht es ihren PflegerInnen frei deren – gegebenenfalls auch therapeutisches – Schaffen als „Kunst“ anzusehen. Für sie als Kreative reicht, dass sie etwas bei Bewusstsein geschaffen haben. Und zwar so, dass es über einen offenen Kunstbegriff sogar ein finanziell gefördertes Schaffen wird. Die Affendamen kann da vorher gar niemand gefragt haben.
        Vielleicht auch bei menschlichen KünstlerInnen: ein offener Kunstbegriff ist schließlich kein selbstbestimmter Begriff, sondern eben auch offen für eine Fremdbestimmung. Unabhängig ob einem die eigene Sammlung gefällt, oder die vom Nachbarn nicht: denn wer soll überhaupt sagen können dass irgendjemand wirklich an „Kunst“ interessiert wäre, das womöglich nur vorgibt, und insgeheim nicht doch bloß ökonomische Interessen verfolgt, wobei es so letztlich nicht nur um Deutungshoheit geht, sondern auch um Repräsentation. Von „Kunst“ oder in Deutschland dem „Kunstvorbehalt“ wird doch meistens vor allem deshalb geredet, weil Kunst Anerkennung verspricht. Vicarocha wies daraufhin, dass auch Instinktorientiertes so gelten kann. Kommunikation verspricht das nicht: Kommunikation ist auch die Dokumentation einer Vergewaltigung oder Enthauptung. Und „Freiheit“ dabei hoffentlich schnell vorbei.
        Gäbe es nämlich etwas das neben Kunst noch Anerkennung verspräche, wäre ich auch voll dabei. Nur gibt es das in einer kulturellen Situation halt nicht, wo es noch immer oft genug schwierig erscheint „Kultur“ nach Raymond Williams als etwas Gewöhnliches gelten zu lassen und eben nicht nur für etwas Erhabenes wie Menschenwürde zu halten. Als Geisteswissenschafter erschliesst sich mir schon nicht weshalb da niemand protestiert – wie es etwa sein kann dass zum Beispiel die Menschenwürde eines Arbeitssuchenden durch die subjektive Erniedrigung um einen Job irgendwo betteln zu müssen nicht verletzt werden würde, aber dafür objektiv in internationalen Videospielen. Wie zynisch das eigentlich ist: ein pejorativer Unterhaltungsbegriff ist hierzulande bereits in der Musik (zwischen „E“ und „U“) weit verbreitet, „Bildung“ ist ein sehr weitläufiges Feld und hat nicht zuletzt über die Abgrenzung von Serious Games bei Videospielen schon viel mit „Ernst“ auch zu tun. „Simulation“, wie Lawrence Kutner in Wien einmal vorgeschlagen haben soll, ist mit den „Mordsimulatoren“ eines Dave Grossman bereits besetzt. Und gegen „Sport“ hat der Deutsche Sportbund wohl schon bei so manchen Brettspielen etwas einzuwenden: „The Graveyard“ von Tale of Tales oder „Passage“ von Jason Rohrer sind auch keine Sportarten.
        In meiner Dissertation schreibe ich dazu: „Viele Kreative begreifen sich selbst dem Vernehmen nach (…) weniger als KünstlerInnen, sondern als UnterhalterInnen – was wiederum dem Umstand geschuldet sein mag, dass Videospiele auch Sport oder andere Information sein können, wie etwa (systematischere) Simulationen von technischen Geräten, Politik oder Ökonomie. Inhalte können so auch über ihre bloße Form einem öffentlichen Druck ausgesetzt sein sich rechtfertigen zu sollen, wenn in Videospielen ein Gegenstand vorhanden gesehen wird der nicht so leicht einzuordnen ist wie traditionellere Ausdrucksformen. Hinzu kommen in offeneren Videospielwelten etwa unklare Verhältnisse was die Urheberschaft von Spielen betrifft, das heißt wer oder sogar was Spielinhalte eigentlich hergestellt und zu verantworten hätte: die ursprünglichen AutorInnen können zum Beispiel auch noch nach Veröffentlichungen von Titeln ein Publikum ermutigen das Spiel zu modifizieren und damit soweit zu verändern, dass das ursprüngliche Werk womöglich unkenntlich wird. …
        Mitunter können gerade diese zumindest teilweise vorhandenen Manipulationsmöglichkeiten bei Videospielen jedoch noch zum Eindruck führen, dass Spiele keinen Kunstcharakter aufweisen und dafür zu beliebig wären. Wesentlich für ein Bekenntnis zu Kunst, oder dessen Versuch, dürfte so vor allem eine Situation sein, in welcher der Eindruck besteht, dass etwa alternative Zuordnungen für Videospiele gesellschaftlich nicht gleichwertig oder noch weniger aussichtsreich wären sich damit erfolgreich in einer Gesellschaft emanzipieren zu können – stets vorausgesetzt, dass eine solche Emanzipation überhaupt möglich oder gewünscht ist, als notwendig erachtet, oder nicht bereits für vollzogen gehalten wird.“

      2. Vicarocha sagt:

        Hallo Herr Erdemir,

        meine Perspektive war ja prinzipiell eine nur rechtliche. Die höchstrichterliche Rechtsprechung selbst knüpft expl. auch im Lichte der prinzipiell verbotenen Stil-, Niveau- und Inhaltskontrolle nicht an den (prinzipiell auch gar nicht intersubjektivierbaren) Grad der Kreativität und die (auch nicht objektivierbare) „Qualität“ des jeweils Geschaffenen an; die Anerkennung eines Kunstwerkes darf nicht von einer solchen Kontrolle abhängig gemacht werden. Das BVerfG konstatierte ja auch, dass solche Gesichtspunkte allenfalls bei der Prüfung der Frage eine Rolle spielen können, „ob die Kunstfreiheit konkurrierenden Rechtsgütern von Verfassungsrang zu weichen hat.“ [E 83, 130 (139)] Mein persönlicher Kunstbegriff ist das nicht, der wäre (als noch weiterer Kunstbegriff als der offene des BVerfG) u.U. auch gar nicht justiziabel, m.E. sind die drei diskutierten Kunstbegriffe insg. (nicht aber isoliert) des BVerfG für den Zweck der notwendigen, verfassungsrechtlichen Schutzbereichsbestimmung der Kunstfreiheit aber absolut probat und ich kann nicht anders, als Computerspiele gem. jedem der Begriffe als von der Kunstfreiheit erfasst zu realisieren. Einer Meinung sind wir aber bzgl. dessen, dass die Verweigerung des Kunstlabels kein Unwerturteil ist (oder sein sollte) – ich bin einer der ersten, die dasselbe propagieren –, insb. auch, weil Kunst ja auch nicht nur rechtlich, sondern auch gem. meiner persönlichen Meinung keine Frage des Grads der Kreativität oder des Grads der „Qualität“ des jeweils Geschaffenen ist, so dass i.d.S. Kunst m.E. aber auch kein Gütesiegel oder eine besondere Auszeichnung für Kreativität ist, sondern tendenziell nur ein sachlich-nüchternes Label; ich persönlich kann und will Kunst nicht idealisieren. Insofern ist es auch nicht vermessen, Computerspielen (auch jenseits der Juristerei) generell Kunstcharakter zuzuschreiben.

        Bzgl. Ihrer Frage: Die subjektive Selbstdefinition des Künstlers als Künstler, resp. seines Werks als Kunst ist ja in der Literatur ein insg. akzeptiertes Indiz für das Vorliegen von Kunst (wie Sie selbst ja auch auf 24. Seite Ihrer eigenen Dissertation konstatieren), m.M.n. ist aber der konträre Fall („wenn der Filmschaffende im konkreten Einzelfall ausdrücklich kein Künstler sein will“) kein probates Indiz des Vorliegens von Nichtkunst (und erst recht keine hinreichende Bedingung o.ä. für dgl.), ungeachtet dessen, dass eine ausdrückliche Artikulation eines solchen subjektiven Willens des Künstlers nämlich nicht nur die absolute Ausnahme sein dürfte und Computerspiele heuer i.d.R. Werke multilateralen Schaffens diverser Künstler (z.B. Musiker, Graphiker, Autoren, Schauspieler etc.) sind; wäre es hinreichend, dass einzelne (zentrale) Kreative, der Produzent oder z.B. der Publisher bspw. im Rahmen einer offiziellen Stellungnahme den Kunstcharakter des eigenen Produkts dementiert? Ich glaube nicht: Ungeachtet dessen, dass auch diesbzgl. dank des (auch Ihrerseits a.a.O. kritisierten) subjektiven Definitionsmonopols der Kunstbegriff juristisch unbrauchbar wäre, wäre insb. im Lichte der zentralen Bedeutung des Wirkbereichs der Kunst für den Lebensbereich derselben auch auf die diesbzgl. Perspektive der Rezipienten (und m.E. auch nicht nur auf das Urteil des in Kunstfragen kompetenten Dritten; einer diesbzgl. Qualifikation stehe ich generell skeptisch ggü.) abzustellen (die aber natürlich im rechtlichen Sinne auch nur indizielle Bedeutung haben kann), andernfalls wären nämlich auch unzählige klassische(re), wie auch aktuelle(re) Werke, die (mehr oder weniger) generell als Kunstwerke akzeptiert wären, wohl oder übel keine Kunst (mehr).

        Mit freundlichen Grüßen

        Patrick P., M.A.

        1. Jürgen sagt:

          Als Geisteswissenschafter jenseits von Staatsgedanken kann ich mich dann doch nur mehr schwer wundern, denn wenn ein „offener“ Kunstbegriff noch weniger „weit“ wäre als ein anderer Begriff, gibt es anscheinend schon noch (auch) eine „enge“ Definition davon. Und darf (sic!) dabei ein „sogenannt“ auch nicht überlesen werden, wenn damit am Ende doch keine Offenheit gemeint ist. Sondern von eindeutig geschlossenen Festlegungen ausgegangen wird. Fürchterlicher geht es aus meiner Sicht kaum mehr, wenn sich immer wieder nur so über das Thema unterhalten wird, dem Vernehmen nach bloß unterhalten werden mag oder gar unterhalten werden kann: welche Relevanz das haben soll – für das Geistesleben von Menschen. Oder gibt der Staat dieses Leben vor? Welches Interesse soll da überhaupt bestehen? Demnach wird ja gerade so getan als ob der Staat (auch) ein Wissen darüber vorgäbe. Alles zusammen äußerst befremdlich für mich und jedes Mal von Neuem auf Disziplinierungen hinauslaufend. Andauernd geht es um irgendwelche Bestimmungen oder sogar Abkommen, anstatt dass ein freies Denken zwischen Individuen gefördert werden würde. Wo auch immer diese leben.
          Wie eine ästhetisch-subjektive Ebene dabei rational verlassen werden könnte, so dass etwa Objektivität hergestellt werden könnte: keine Frage.
          Am schlimmsten finde ich ja, dass über Ästhetik so anscheinend keineswegs gesprochen werden will – sondern über Recht belehrt. Zunächst dachte ich das bei den Einwänden zwar, aber da lag ich gründlich daneben. Zwischen rechtlicher und persönlicher Ebene wird weiterhin unterschieden. Schade.
          Ich wüsste nämlich schonmal nicht weshalb ein Kunstbegriff überhaupt „justiziabel“ sein soll oder weshalb sich (auch) hier ständig an Recht oder gleich irgendwelche Gesetze geklammert zu werden scheint. Offenbar kann sich so in keinem Fall über das Thema unterhalten werden ohne derlei Staatswesen im Hinterkopf zu behalten, wobei ich das sehr traurig finde –

          1. Murad sagt:

            Hallo Patrick P. (Vicarocha), Hallo Herr Mayer,

            was den vorstehenden Kommentar von Herrn Mayer anbelangt, so denke ich, dass er in erster Linie an Sie, Herr P., adressiert ist. Insoweit halte ich mich da mal zurück und überlasse Ihnen das Feld. Zudem: Mit meinem Gastbeitrag bin ich zwar angetreten, um eine Lanze für einen vorurteilsfreien Umgang mit Computerspielen und eine möglichst frühzeitige Einbeziehung des Kunstvorbehalts in die förmlichen Verfahren des Jugendschutzes zu brechen. Aber ich bin dann wohl doch zu sehr „Mainstream-Jurist“, um zu einer Diskussion „jenseits von Staatsgedanken“ wertvolle Impulse beizusteuern.

            Gerne möchte ich an dieser Stelle aber noch auf Herrn Mayers Kommentar vom 15. November erwidern:

            Ebenso richtig wie wichtig erscheint mir Ihr Einwand im Hinblick auf eine Verletzung der Menschenwürde. Bei (lediglich) fiktionalen bzw. virtuellen Sachverhalten in Spielfilmen und Computerspielen ist hier in der Tat Zurückhaltung geboten, will man die Menschenwürde nicht zur „kleinen Münze“ abwerten. Das „wirkliche“ Leben hält in der Tat Essenzielleres bereit, für das es sich einzusetzen gilt. Zudem besteht die Gefahr, dass Beiträge zur geistigen Auseinandersetzung durch ein paternalistisch anmutendes Menschenwürdeverständnis vorschnell unterbunden werden. Und schließlich liegt, worauf bereits Christian Starck im Bonner Grundgesetz Kommentar zutreffend hinweist, in der Erklärung, dass die Menschenwürde unantastbar ist, ein Pathos, der nicht jedem Menschen zu jeder Zeit verständlich ist. Die Implantation einer solchen metajuristischen Kategorie in das repressive Medienstrafrecht birgt unbeherrschbare Risiken für den Regelungsadressaten und dürfte verfassungsrechtlich nur schwer haltbar sein.

            Dass ich im Unterschied zu Ihnen, Herr Mayer, allerdings nicht dazu bereit bin, in jedem abgespeicherten Spielstand ein Kunstwerk zu erblicken, wird Sie nicht weiter verwundern. Ich stimme jedoch insoweit mit Ihnen überein, dass der Spieler, befreit von der passiven Rolle des lediglich Rezipierenden, Teil eines Kunstwerks oder aber sogar selbst zum Künstler werden kann. Die Betonung liegt bei mir dann allerdings auf „kann“.

            Mein Beispiel mit den Orang-Utan-Damen diente schließlich nur zur Veranschaulichung eines sich selbst parodierenden Kunstbetriebs. Auch der Affe bewegt den Pinsel bewusst auf der Leinwand. Er koordiniert seine Bewegungen und hat dabei Assoziationen. Welche auch immer. Und da ein Wissen um Kunst als ökonomisches Gut nicht erforderlich ist, ist es letztlich sogar unerheblich, ob ihn, wie Sie anschaulich formulieren, nach getaner Arbeit eine Banane als Belohnung erwartet oder nicht …

  4. Jürgen sagt:

    Ich würde es doch sehr begrüßen wenn hier wenigstens auf die fundierten Einwände meines Vorredners mittlerweile jemand reagieren würde.
    Oder welche Kompetenzen drückt es auch aus wenn Kunst immer wieder nur als Auszeichnung für Wenige idealisiert wird, anstatt als Recht für Viele gelten zu können.
    Ebenfalls könnte so einmal eruiert werden was es überhaupt heißen soll wenn etwas (sonst) „weg“ kann. Worauf das eigentlich hindeutet
    Ich finde das alles sehr deprimierend. Weshalb wird so ein Gastbeitrag wie von Herrn Erdemir überhaupt veröffentlicht, wenn über bestimmte Begriffe anscheinend erst wieder nicht diskutiert werden mag und Vorstellungen offenbar einfach so hingenommen werden sollen?

    1. Martin sagt:

      Hallo,

      vielen herzlichen Dank für Ihre Kommentare. Zur Zeit ist Herr Erdemir noch beruflich eingespannt, ist aber über die Kommentare informiert und wird sich diesen schnellstmöglich widmen. Bei so grundsätzlichen Themen bitte ich um etwas Geduld. Freue mich aber über eine kritische Auseinandersetzung zu dem Thema.

      Herzliche Grüße

      Martin Lorber

  5. Anonymous sagt:

    schöner Beitrag!

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