veröffentlicht von Martin Lorber am 06. Juni 2012

Fortsetzungen bei Videospielen

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Es ist schon zur Normalität in der Computerspielindustrie geworden: Ist ein Spiel erfolgreich, wird unmittelbar nach dem Erscheinen an einer Fortsetzung gearbeitet. Diese sind oft ebenfalls sehr erfolgreich, werden allerdings von der Presse und Teilen der Community manchmal kritisch betrachtet und sorgen vor allem in der Gaming-Community für zum Teil hitzige Diskussionen. Grund genug sich einmal den Hintergründen zu widmen.

Fortsetzungen sind keineswegs ein neues Phänomen

Entgegen der Annahme, dass Entwicklerstudios gerade heutzutage vermehrt auf Fortsetzungen erfolgreicher Titel setzen statt neue Produktionen anzustreben, sind Nachfolger schon seit Anbeginn der Computerspiele ein wesentlicher Bestandteil der Industrie. Egal ob Sportspiel, Action-Adventure oder Simulation: Die meisten bekannten Titel haben ihren Ursprung in den 80ern und 90ern des letzten Jahrhunderts und wurden seither mehrfach neu aufgelegt. Einige blicken sogar auf eine noch längere Geschichte zurück.

Die erfolgreichsten Videospiel-Fortsetzungen aller Zeiten sind die Abenteuer des Klempners Mario. Seit fast 30 Jahren schafft es der japanische Videospielentwickler Nintendo immer wieder seine Kunden zum Spielen derselben Reihe zu motivieren. Auch bei älteren Spielern scheint die Begeisterung für die verspielten bunten Nintendo Titel, wie die angesprochene Mario oder The Legend of Zelda Reihe, ungebrochen zu sein. Doch woran liegt es, dass Mal für Mal Millionen begeisterter Spieler auf die immer wiederkehrende Spielsystematik zurückgreifen anstatt sich alternativen Spieleideen zu widmen?

Zum einen natürlich daran, dass Nintendo mit seinen Mario und Zelda Versionen in all den Jahren stets den Nerv der meisten Spieler traf und diese größtenteils zufrieden mit den Ergebnissen waren. Mit anderen Worten: Der Kunde wurde nur selten enttäuscht. Andererseits sind Fortsetzungen von Videospielen, ganz im Gegensatz zu Filmen, häufig vollkommen neue Produkte, die mit neuer Art und Technologie auf bewährte Konzepte setzen. Zwar knüpft das neue Spiel an das Setting und den Figuren der Vorgänger an und sorgt so für einen hohen Grad der Identifizierung mit den Figuren und eine stärkere Immersion beim Spiel, nutzt dazu allerdings oftmals ein völlig neues Gameplay. Vergleicht man beispielsweise die Entwicklung des ersten und letzten Indiana Jones (1981-2008) mit der Entwicklung der Mario Reihe (1981/83-2011), kommt man nicht umhin festzustellen, dass der Begriff Fortsetzung vollkommen unterschiedliches aussagt. Zwar folgt das Prinzip der Nachfolger immer demselben Schema, doch die Entwicklung des Videospiels ist wesentlich komplexer. So bot das erste Mario noch ein sehr lineares Gameplay in einer 2D-Umgebung an, bei dem ein einzelner Spieler nicht viel mehr als laufen, springen schwimmen und Feuerbälle werfen konnte. Einer seiner Nachfolger, Mario Galaxy, ist als solcher schon fast gar nicht mehr zu erkennen. In einer 3D-Umgebung kann der Spieler über das Internet mit vielen anderen Spielern weltweit eine offene Sandbox Umgebung erkunden. Gesteuert wird Mario nicht mehr durch einfache Gamepads, sondern anhand der Wii-Bewegungssteuerung. Das Spiel steht also noch in einer geistigen Tradition zu seinem Urvater, strotzt jedoch bei Grafik und Gameplay nur so vor Weiterentwicklungen, Veränderungen und Innovationen.

Jedes Spiel – auch eine Fortsetzung – muss in gewisser Weise Neues bieten, sonst würde sich niemand damit beschäftigen wollen und bei der ersten Folge bleiben. Es ist immer schwierig die Balance zwischen Innovation und Tradition zu treffen, aber letztlich entscheiden natürlich die Spieler mit ihren Kaufentscheidungen darüber, welche Spiele Erfolg haben und in welcher Weise sie weitergeführt werden. Generell spricht nichts dagegen, ein erfolgreiches Konzept weiterzuführen – ökonomisch nicht, aber auch nicht aus Sicht der Spieler. Insgesamt herrscht in der Spieleindustrie ohnehin ein starkes Streben nach und großer Druck zu Innovationen bei neuen Spielen, da sich gerade dadurch von Konkurrenten mit ihren Titeln abgehoben werden kann. Die Entwickler haben also durchaus ein großes Eigeninteresse, Innovationen für ihre neuen Spiele zu erarbeiten

Jährliche Fortsetzungen

Rund alle zwölf Monate bringt EA einen neuen Ableger der Sportspiel-Reihen FIFA, NHL, MADDEN oder TIGER WOODS PGA-Tour auf den Markt. Neben den aktuellen Lizenzen, die für einen Großteil der Spieler wichtig sind, wird das Gameplay verfeinert, die Steuerung komfortabler gemacht und einige Erweiterungen eingebaut. Das FIFA-Team beispielsweise weiß sehr genau, worauf es sich konzentrieren muss. Sie bauen Jahr für Jahr auf bereits Etabliertem auf und verbessern kontinuierlich Kernbereiche des Spiels. Dasselbe gilt unter anderem auch für die Call of Duty Reihe, deren Communities auf regelmäßige Verbesserung statt Neuerfindung des Rads pochen. Fans können hier ohne Risiko und mit gutem Gewissen die Neuerscheinungen kaufen ohne Gefahr zu laufen enttäuscht zu werden. Die neuen Ableger bieten also Innovationen in vielen Bereichen des Spiels, ohne die grundlegende Spielmechanik zu stark zu verändern. Der hohe Innovationsgrad macht die Spiele auch so erfolgreich, denn einen jährlich erscheinenden Titel würden die Spieler sonst ignorieren. Um die notwendigen Weiterentwicklungen und Innovationen zu gewährleisten, sind einige Studios mittlerweile dazu übergegangen zwei Teams parallel an einer Serie arbeiten zu lassen, so dass trotz kurzer Vermarktungsintervalle pro Spiel zwei Jahre Entwicklungszeit bleiben. Denn auf den Lorbeeren der Vorgänger kann sich im harten Konkurrenzkampf auf dem Videospielmarkt heute keiner mehr ausruhen.

Des einen Freud ist des anderen Leid

Meiner Meinung nach gibt ebenso viele gute wie auch schlechte Fortsetzungen etablierter Games. Doch obwohl der Ruf nach neuen Spieleideen immer lauter wird, freuen sich die meisten Spieler über Nachfolger ihrer Lieblings-Games. Sei es aufgrund des gewohnten Spielprinzips, der bekannten Charaktere, der Fortsetzung einer Geschichte oder dem Abtauchen in eine nicht ganz fremde Welt. Die Unternehmen und Studios reagieren auf die Wünsche ihrer Spieler. Immerhin ist es das Kaufverhalten der Spieler, das Fortsetzungen so omnipräsent und beliebt macht. Die Industrie hat dafür zu sorgen, dass Innovationen nicht ausbleiben und die Angebotsfülle weiter zunimmt. Blickt man auf die Geschichte der Computerspiele zurück habe ich dort allerdings keine Bedenken. Mit und ohne Fortsetzungen.

Weiterführende Links:

Ein Computerspiel entsteht – Von der Idee bis zum Spielvergnügen

Geschichte der Videospiele: Teil 1 – Von Pong bis zum Atari 2600

Geschichte der Videospiele: Teil 2 – Der erste Crash und die Weiterentwicklung der Industrie

Geschichte der Videospiele: Teil 3 – Die Goldenen Neunziger

Geschichte der Videospiele: Teil 4 – Die Jahre nach 2000

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