Weil das Thema Computerspielsucht immer wieder aufkommt, hier erneut ein paar Thesen zum Thema.
veröffentlicht von Martin Lorber am 10. Oktober 2012

Die Heldenreise in digitalen Spielen

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Das Erzählen von Geschichten ist eine der ältesten kulturellen Gaben der Menscheit. Über alle Epochen und Kulturkreise begeister sich Menschen für Geschichten fasziniert, die sie aus ihrem Alltag oder der Realität reißen und  ihre Sehnsüchte erfüllen.Wurden zu Beginn vor allem mündliche Erzählungen von Generation zu Generation überliefert , verbreiteten sich Geschichten im Laufe der Zeit zunehmend auf schriftlichem Wege. Homers „Ilias“ gilt als eines der ersten schriftlich fixierten Werke Europas und war schon damals über viele Kulturkreise hinweg bekannt und erfolgreich. Und die Entwicklung setzte sich fort. Mit dem technischen Fortschritt bildeten sich immer mehr Medien heraus, die zum Transport von fesselnden Geschichten geeignet sind. Hörspiele oder Filme sind hierbei als die erfolgreichsten Formate des letzten Jahrhunderts zu nennen. Natürlich lassen sich auch durch Computer- und Videospiele spannende und schöne Geschichten erzählen.

Wie in fast allen Geschichten besitzen die meisten Spiele einen Protagonisten oder Helden, in dessen Rolle die Spieler schlüpfen, der über den gesamten Zeitraum der Handlung ein gewisses Ziel zu erreichen versucht. Die Motivation der Helden variiert. Die Bandbreite reicht von Liebe über Rache bis hin zur Rettung der Welt. Bei solch ambitionierten Zielen ist es nicht verwunderlich, dass sie dabei viele Hindernisse und Widerstände überwinden müssen. Die Protagonisten bekommen dazu eine ganze Reihe ungewöhnlicher Fähigkeiten an die Hand gegeben. Ohne seinen dicken Schädel oder seine außergewöhnliche Sprungkraft hätte Mario es sicherlich nicht geschafft seine geliebte Prinzessin aus den Händen von Bowser zu retten. Der Spieler begleitet und steuert den Helden auf den verschiedenen Stationen seiner Reise und macht die innere Entwicklung des Charakters, die ja Hand in Hand mit der äußeren Entwicklung der Handlung geht, von Anfang bis Ende mit.

Heldenreise (Monomythos) in drei Erzählphasen

Es gibt zahlreiche filmwissenschaftliche Theorien zur Analyse von Erzählstrukturen in Geschichten. Diese teilen die Handlung in mehr oder weniger große Blöcke auf, deren Inhalte sich in groben Zügen durch fast alle Geschichten ziehen. Orientiert man sich an der von Syd Field eingeführten und im deutschsprachigen Raum u.a. von Michaela Krützen verfeinertem Modell kann man die Heldenreise, oft auch Monomythosgenannt, in drei Erzählphasen einteilen.

1. Trennung

Der Beginn der Heldenreise zeigt den Protagonist in seiner vertrauten Umgebung, deren Status Quo kurze Zeit später durch die Manifestation eines zentralen Konflikts aus den Fugen gerät. Dieser Konflikt kann durch innere oder äußere Problem ausgelöst werden und schafft eine Diskrepanz zwischen den Bedürfnissen der Hauptperson und der aktuellen Situation, die aufgelöst werden muss. Um dies zu bewerkstelligen, verlässt der Protagonist seine vertraute Umgebung. Die nächste Phase der Erzählung beginnt.

2. Prüfungen (Konfrontation)

Mit Antritt seiner Heldenreise beginnt die längste Phase seiner Geschichte. Der Protagonist muss hier allerlei Konflikte lösen, Hindernisse überwinden und Prüfungen bestehen. Dabei trifft er auf neue Antagonisten und findet neue Freunde und Verbündete. Gleichzeitig macht der Protagonist eine tiefgreifende Entwicklung mit. Seine Fähigkeiten erweitern sich und sein Weltbild passt sich den neuen Gegebenheiten an. Wie der Schmetterling aus der Raupe entwickelt sich der Held weiter.

3. Rückkehr: Das Ende der Heldenreise

Nachdem er seine Entwicklung zu Ende gebracht und sich die notwendigen Fähigkeiten und Einblicke in sein Innerstes angeeignet hat, ist der Protagonist bereit für die finale Auseinandersetzung und der Lösung des zentralen Konflikts. Je nach Geschichte stellt er sich den eigenen Ängsten, dem großen Antagonisten oder dem belastenden Umstand. Nachdem diese überwunden sind, kehrt der Held in seine bekannte Welt zurück oder beginnt, da er sich tiefgreifend verändert hat, ein neues Leben.

Die Heldenreise in digitalen Spielen

Genau wie in Büchern oder Filmen, lässt sich die narrative Struktur der Heldenreise auch in vielen Computer- und Videospielen erkennen. So führen die aktuelleren Spiele der Legend of Zelda-Serie den Spieler ganz behutsam an die Spielmechaniken und die Steuerung heran, indem der Protagonist Link kleinere alltägliche Aufgaben in seinem Heimatdorf erledigt. Nach kurzer Zeit zeigen sich erste Zeichen drohenden Unheils und der Held muss sein Dorf verlassen, um sich der Bedrohung zu stellen. Im Verlauf der Heldenreise eignet er sich neue Fähigkeiten und Ausrüstungsgegenstände an, ohne die er die finale Konfrontation nicht bewältigen könnte. Ähnlich aber doch anders stellt es sich bei Spielen wie Heavy Rain dar. Hier reißen zwei Schicksalsschläge den Protagonist aus seinem Alltag. Von Schuldgefühlen geplagt, macht er sich auf seine Reise. Seine Entwicklung ist allerdings nicht wie bei Zelda von der Aneignung neuer Fähigkeiten geprägt, sondern schlägt sich stärker in seiner Psyche und seinem Verhalten nieder. Die zunehmende Verbitterung und Angst des Protagonisten spiegelt sich nicht nur in seinem Verhalten, sondern auch optisch wider, da er immer mehr verwahrlost. Am Ende muss auch er sich dem Konflikt stellen und der Spieler hat bis dahin hoffentlich alles für ein Happy End in die Wege geleitet.

Die klassische Heldenreise findet sich auch in digitalen Spielen wie Mass Effect 2 wieder. (Quelle: EA)
Die klassische Heldenreise findet sich auch in digitalen Spielen wie Mass Effect 2 wieder. (Quelle: EA)

 

Die genannten Beispiele stellen die mögliche Bandbreite sehr schön dar. Auf der einen Seite die vornehmlich äußere Entwicklung der Fähigkeiten der Helden und auf der anderen Seite liegt der Fokus auf der inneren Entwicklung des Protagonisten und seinen Emotionen. Natürlich gibt es gerade im Bereich der Rollenspiele Beispiele, die beide Entwicklungen fesselnd darstellen. In der Baldurs Gate Serie beginnt der Spieler als einfache Haushaltshilfe und beendet es als göttliches Wesen, das seinen Platz in der Götterwelt sucht und entscheiden muss, wie er seine neugewonnenen Kräfte einsetzt. Auch Spielereihen wie Mass Effect oder Dragon Age gelten als Meilensteine bei der Inszenierung von Geschichte und begeistern Spieler auf der ganzen Welt mit ihren ausgearbeiteten Szenarien und einer großen Entscheidungsfreiheit. Insgesamt lässt sich sehr schön erkennen, dass über das Medium Spiel inzwischen die gleichen Geschichten erzählt werden können wie in Büchern oder Filmen. Ein maßgeblicher Unterschied besteht vor allem in der hohen Interaktivität des Mediums Spiel, die dem Rezipienten oftmals ein hohes Maß an Handlungs- und Entscheidungsfreiheit zugesteht. Der Spieler bestimmt selbst, wie schnell er in der Handlung voranschreitet oder welche Wendungen die Heldenreise nimmt. Das Medium ändert sich aber Art, Inhalte und Aufbau der Geschichten bleiben gleich.

Weitere Links zum Thema:

Blog: Geschichten in Videospielen: Vom Einzeiler zum Epos

Web: Sebastian Felzmann: Der Held mit den 1000 Gesichtern – Campbells Monomythos im Computerrollenspiel

Web: Der Monomythos und sein Einsatz am Spieltisch