veröffentlicht von Martin Lorber am 09. September 2013

Eric Zimmerman – Das 21. Jahrhundert wird durch Games bestimmt

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In gewisser Hinsicht wurden die letzten Jahrhunderte bestimmt, ja sogar definiert durch Literatur, Theater und Film – jedenfalls die Geistes- und Kulturgeschichte. In diesem Jahrhundert nimmt ein anderes Medium diese zentrale Stelle in unserer Gesellschaft ein bzw. hat dies bereits getan: das (Computer-) Spiel. Zumindest wenn man der Meinung des international renommierten Spieleentwicklers Eric Zimmerman Glauben schenkt.

In seinem “Manifesto for a Ludic Century”, zu Deutsch Manifest für ein spielerisches Jahrhundert, stellt der Game Designer, der unter anderem am MIT lehrte und im vergangenen Jahr als Keynote Speaker der Clash of Realities in Köln war, in 13 prägnanten Aussagen dar, warum wir von Games geprägt sind warum dies ein anzustrebender Zustand sei.

So stellt Zimmerman 13 philosophische Thesen auf, die weniger Absichtserklärungen oder Zielvorgaben im klassischen Sinne, sondern vielmehr Erläuterungen unserer Welt vor dem Hintergrund von Spielen sind.

So hätten Spiele eine historische Relevanz und seien eventuell das erste interaktive System, das die Menschheit je entwickelt hat. Die Digitalisierung der letzten Jahrzehnte sei dann für die rasante Entwicklung und für den Sprung zum Leitmedium verantwortlich. Zimmerman zieht den Vergleich zum jahrhundertalten Schachspiel, das ähnlich wie ein Computer eine Plattform für die Schaffung und Speicherung numerischer Beschaffenheit sei. Vor diesem Hintergrund seinen Spiele eigentlich für die Entwicklung von Computern verantwortlich und nicht andersherum. Das 20. Jahrhundert stünde kulturell gesehen vor allem für einen grenzüberschreitenden Informationsfluss und das Aufkommen des bewegten Bildes. Mit dieser Veränderung sei auch die Art und Weise wie wir Kunst und Kultur konsumieren grundlegend verändert worden. Denn im Gegensatz zur Literatur, die lediglich rezipiert wurde, sorgen Spiele für Interaktivität und bieten Partizipation und individuelle Veränderung. Der spielerische Ansatz sorge genau durch diese Interaktivität für Innovation und Kreativität. Denn während wir spielen, sind wir stets dazu angehalten Entscheidungen zu treffen und quer zu denken. Das spielerische System von Games sei im Grunde genommen ein menschlich-soziales System mit all seinen Widersprüchen, Möglichkeiten und Hindernissen. Daher sollten wir Menschen mehr wie Spieleentwickler denken, die das bestehende System und dessen Mechanismen verstehen und stets bestrebt sind, dieses zu verbessern oder auf neue Gegebenheiten zu adaptieren. Das wichtigste hierbei sei der Aufbau von Medienkompetenz in Bezug auf Spiele. Denn nur wer dieses System versteht, ist in der Lage die Mechanismen zu verstehen und neue Ideen einzubringen bzw. das System zu verbessern. Also die Möglichkeit an der Schaffung neuer Systeme bzw. Systemverbesserungen teilzuhaben. Hier unterscheidet sich das neue Leitmedium Spiel von den etablierten Medien wie Film, Literatur und Musik. Denn Musik wird beispielsweise von den weitaus meisten Menschen lediglich rezipiert. Wie hören etwas, was ein anderer geschaffen hat. Passiv und ohne jegliche Einflussmöglichkeiten. Beim (Computer-)Spiel ist dies schlichtweg unmöglich, denn das „Werk“ entsteht erst durch die Aktivität der Spieler.

Abschließend merkt Zimmerman an, dass Spiele vor allem eines sind: schön.

„This above all: games are not valuable because they can teach someone a skill or make the world a better place. Like other forms of cultural expression, games and play are important because they are beautiful. Appreciating the aesthetics of games (…) is one of the delightful and daunting challenges we face in this dawning Ludic Century.“

Ein Manifest im klassischen Sinne? Da bin ich mir nicht sicher. Rund, perfekt und auf den Punkt? Auch da bin ich mir nicht sicher, aber was Zimmerman in seinem Manifesto niederschreibt, ist auf jeden Fall eines: eine ernsthaft philosophische Auseinandersetzung mit der Frage nach der Relevanz, Bedeutung, Herkunft, Faszination und den Chancen des alten Mediums Spiel und des Prozess des Spielens an sich, welcher durch die Digitalisierung einen neuen Höhepunkt erreicht. The Ludic Century regt schlichtweg zum Denken an.

Das Portal Kotaku Australia veröffentlichte heute das vollständige Manifesto als Startpunkt einer digitalen Diskussion rund um seine Themen. Gameentwickler, Professoren und Spieler sind eingeladen seine „Vision“ zu diskutieren.

Wem das noch nicht reicht, der kann direkt unter dem Beitrag weiterlesen: In „The Ludic Century: Exploring The Manifesto“, schreibt Heather Chaplin, Professorin für Journalismus an The New School (New York) und Videospieljournalistin, über die gemeinsamen Anfänge und die Diskussion mit Eric Zimmerman rund um sein Manifest. Hier werden weitere spannende Fragen nach der Sinnhaftigkeit dieser neuen Gameswelt thematisiert. Tragen Videospiele und das dafür notwenige Abstraktionsvermögen sowie die Systemanalytik langfristig dazu bei, dass wir als Menschen ein Stück unserer Empathie verlieren? Drei spannende Absätze über den Hintergrund und die Kehrseite der Medaille.

Weitere Links zum Thema:

Web: Manifesto for a Ludic Century auf Kotaku Australia

Web: Heather Chaplin (Blog)

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