Weil das Thema Computerspielsucht immer wieder aufkommt, hier erneut ein paar Thesen zum Thema.
veröffentlicht von Martin Lorber am 12. Dezember 2010

Computerspiele: Die Kunst der Zukunft

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So lautet das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Passagen, die von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia herausgegeben wird. Schon an dem Titel sind zwei Dinge bemerkenswert: Es geht hier nicht um die Frage „Sind Computerspiele ein Kulturgut?“, die ja einigermaßen trivial ist und von Monika Griefahn (der damaligen Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien) bereits 2005 in einem Interview des EA Magazins (1/2005) mit einem klaren Ja beantwortet wurde. Nein, es geht um die Frage nach der Kunst. Beziehungsweise – und das ist die zweite Anmerkung zum Titel – es wird gar nicht die Frage gestellt, sondern klar postuliert, dass Computerspiele die Kunst der Zukunft sind.

Bereits in den Anfangszeiten des Mediums Computerspiel stand die Vision, die Fantasie und die Emotionen des Spielers zu erreichen. „Can a computer make you cry?” lautete die Headline einer Anzeige von EA aus den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. (Quelle: Electronic Arts)
Bereits in den Anfangszeiten des Mediums Computerspiel stand die Vision, die Fantasie und die Emotionen des Spielers zu erreichen. „Can a computer make you cry?” lautete die Headline einer Anzeige von EA aus den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. (Quelle: Electronic Arts)

Alle Aufsätze in den Passagen sind meiner Ansicht nach äußerst lesenswert, dennoch möchte ich auf einen besonders eingehen: „Die Kunst der Versenkung“ von Martin Burckhardt. Martin Burckhardt ist Kulturtheoretiker und Medienautor und lebt in Berlin. Er verfasste unter anderem eine mehrbändige Kulturgeschichte zur Genealogie der Maschine. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich intensiv mit dem Phänomen Computerspiel und hat dazu auch einen viel beachteten Aufsatz für die Frankfurter Allgemeine Zeitung verfasst („Die Ästhetik der Ganzkörperzeichen“).

Burkchardt fragt in seinem Passagen-Aufsatz danach, „was denn Computerspiele Neues zur Kunst beizutragen haben.“ Und kommt zum Schluss, dass wir es nicht etwa nur mit der Bereicherung um eine Facette medialer Gestaltungsmöglichkeiten zu tun haben, sondern vielmehr mit einem „Fenster zur Zukunft“. Er sieht das „Computerspiel als die technische Einlösung der Gesamtkunstwerkfantasie … das Pfingstwunder eines transmedialen, synästhetischen Sinnesapparates“.

Haben Kulturpessimisten die einzigartige Fähigkeit der Computerspiele im Blick, den Spieler zu gänzlich zu umhüllen, dann sprechen sie bekanntlich oft reflexartig von einer medialen Verwahrlosung und haben eher medizinisch-psychologische Problemstellungen im Auge (Isolation, exzessives Spielverhalten …). Ganz im Gegensatz dazu sieht Burckhardt einen hier  „Triumph der Kunst“, dem es in kaum dagewesener Weise gelingt, den „Spieler aus seiner Alltagswelt in eine fantastische Wunderwelt zu entführen, in der die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben scheinen.“

Die zentrale Kunstfrage bei einem Computerspiel sieht Burckhardt darin: „Wie kann man eine Geschichte erzählen, die nicht bereits von vornherein festgelegt ist, sondern in welcher der Entscheidung des Spielers eine gewichtige Rolle zukommt?“ So gesehen knüpfte das Computerspiel an Ideen der Modernen Musik des 20. Jahrhunderts an, bei der es ja viele Experimente von Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel, John Cage und anderen gab, dem Interpreten ein großes Maß in improvisatorischen Möglichkeiten zu geben. Die Musik sollte sich im Augenblick realisieren und dem Zufall und der Improvisation wurde breiten Raum gegeben.

Auch das Computerspiel existierte demnach gar nicht in seiner fixierten From auf einem Datenträger, sondern realisierte sich erst beim konkreten Spielen – und zwar jedes Mal in einer anderen Weise.

All diese Überlegungen von Martin Burckhardt taugen meiner Ansicht nach dazu, eine neue Ästhetik des Computerspiels zu begründen.

Weitere Links zum Thema:

Web: Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia (prohelvetia.ch)

Web: Martin Burckhardt (martin-burckhardt.de )

Web: Beitrag „Die Ästhetik der Ganzkörperzeichen“ (faz.net)

Download: Passagen, Ausgabe 54 (prohelvetia.ch)

Download: Anzeige „Can a computer make you cry?“

Kommentare
  1. Pingback: Stigma

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