veröffentlicht von Martin Lorber am 12. Dezember 2011

Computer- und Videospiele inspirieren Kunst

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Während Sie hier vor kurzem lesen konnten, welche Möglichkeiten die Kunst durch das Medium der Computer- und Videospiele erhalten kann, möchte ich heute darauf eingehen, wo und wie Kunst auf Elemente aus Spielen zurückgreift. Zu den besonderen Merkmalen von Computer- und Videospielen zählen Inszenierung und Atmosphäre, Musik und Grafik. Es ist also nicht verwunderlich, dass Künstler vor allem diese Bereiche in etablierten und neuen Kunstformen zitieren und weiterentwickeln. Im Folgenden habe ich dazu einige Beispiele zusammengetragen, die allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben:

Computer- und Videospiele in der Musik

Zunächst möchte ich auf die Musik eingehen: In Spielen wird sie häufig mit Protagonisten und dramaturgischen Entwicklungen verknüpft. Künstler, die dieses komplexe Zusammenspiel selbst in musikalischer Form aufgreifen wollen, bieten sich mehrere Möglichkeiten: So setzen sich einige Musiker schon seit langem mit jenen 8-Bit-Klangwelten auseinander, die durch die wachsende Popularität von Computer- und Videospielen in den 1980er- und 1990er-Jahren erwuchsen. Diese qualitativ reduzierte Musikform war die Grundlage für eine musikalische Subkultur, die auch heute noch existiert.

Etwas näher an den Originalen liegen meistens moderne Orchesterinterpretationen von Spiel-Soundtracks, die auch als Live-Konzerte gespielt, aufgezeichnet und schließlich als separate Alben verkauft werden. Und mit einem Blick auf die modernen „Charts“ erwähnen Künstler selten beispielsweise Namen von Videospielkonsolen oder einzelnen Spieltiteln, um persönliche Vorlieben darzustellen.

Computer- und Videospiele in der Performance-Kunst

Für besonders spannend halte ich auch den Bereich der Performance, in dem Künstler Elemente aus Videospielen aufgreifen. So bauten amerikanische Künstler mit einem Hersteller von automatischen Bodenstaubsaugern herumfahrende Varianten der Monster aus Super Mario Bros. (Goomba), Super Mario Kart (Koopas Panzer) und The Legend of Zelda (Octorok). Ebenso der Faszination des Super-Mario-Universums verfiel auch der französische Schauspieler Rémi Gallard, der in diesem Video als Super Mario verkleidet mit einem Kart über die Pariser Straßen rast – und dabei Bananenschalen hinter sich wirft. In einem anderen Video rennt Gallard als PAC-MAN verkleidet durch Supermärkte, während er – wie im Videospiel – von als Geister verkleideten Helfern verfolgt wird.

Computer- und Videospiele in der grafischen Kunst

Gezeichnete oder in 3D-Programmen gestaltete Charaktere samt ihrer Animationsstufen stellen auf den ersten Blick die künstlerische Leistung von Spieleentwicklern dar, ebenso Hintergrundgrafiken und sogar die Gestaltung des Interfaces selbst.

Um dieser Arbeit Tribut zu zollen, bereitet das US-amerikanische Smithsonian American Art Museum für März bis September 2012 eine Ausstellung mit dem Titel „The Art of Video Games“ vor. Sie soll als Start einer Reihe die Evolution von Computer- und Videospielen als Kunstform darstellen und erlebbar machen. Als Grundlage für die Videospiel-Auswahl erstellte Kurator Chris Melissinos mit einer Gruppe namhafter Berater eine Liste von 240 Spielen, über die über 3,7 Millionen Online-Besucher abstimmten. Die 80 Siegertitel wurden seitdem in Kategorien sortiert und werden im Frühjahr in Washington unter anderem in Form von großen Artwork- und Screenshot-Prints präsentiert.

Bei der Ausstellung des Smithsonian handelt es sich um Kunst, die in Computer- und Videospielen verwandt wird, doch darüber hinaus gibt es zahlreiche Künstler, die die Kunst in Videospielen als Grundlage für ihre eigene Arbeit nehmen, sie karikieren oder in andere optische und inhaltliche Zusammenhänge bringen. Als Beispiel fallen mir die als „Fan-Art“ beschriebenen Bilder von Mikaël Aguirre ein, der zum Beispiel die Videospielreihe Pokémon in einen etwas realistischeren Kontext setzte – in Form von zwei ländlichen Jugendlichen mit Tieren auf einer Wiese. Visuelle Darstellungen in Spielen in einem anderen Kontext zu zeigen – vergleichbar einem Stills aus einem Film – ist auch das Konzept von The Art of Games.

Es ist nicht überraschend, dass einfache Spielprinzipien bei Spielern Assoziationen zu anderen Situationen, Orten oder Personen auslösen. Was passiert, wenn der Spieler selbst auch noch künstlerisch begabt ist, zeigt zum Beispiel die Arbeit des Londoner Grafikdesigners Aled Lewis. Unter dem Titel „New Reality: Video Games vs. Real Art“ schuf er eine Collage-Reihe, in der er weltbekannte Videospiel-Charaktere wie Link aus der Zelda-Reihe, Donkey Kong oder die Lemmings vor realen Hintergründen platzierte. In meinen Augen zeigt das beeindruckende Ergebnis auf einfache Weise, wie unterschiedlich die Realitäten in und außerhalb digitaler Spielwelten sein können.

Eine ganz andere, ebenso kreative Gedankenbrücke baute der US-amerikanische Designer Brandon Ortwein, der in dieser Collage zeigt, wie man eine thematisch passende Mischung aus den folgenden drei Elementen erschafft: dem Spiel Angry Birds, einem Werk des britischen Graffity-Künstlers Banksy und den Marylin-Monroe-Motiven von Andy Warhol.

Einen im Vergleich sehr interaktiven Ansatz verfolgte hingegen eine Kunstinstallation im Rahmen der 25. Game Developer’s Conference im Februar 2011, wo Besucher einzelne, rechteckige Farbsteine auf eine große Wand setzen konnten. Nach der fünftägigen Veranstaltung für Videospiel-Entwickler entstand auf diese Weise ein ganz eigenes Kunstwerk – die Entstehung können Sie im Zeitraffer in diesem Video mitverfolgen.

Weitere Links zum Thema:

Web: http://www.the-art-of-games.com/

Web: Smithsonian American Art Museum (americanart.si.edu)

Web: Catch the squirrel von Mikaël Aguirre (redbubble.com)

Web: Angry Birdksy ala Warhol (flickr.com)

Web: „8-Bit Art: ‘Video Games vs Real Life’ Series by Aled Lewis“ (flickr.com)

Video: „Custom Character Roombas“ (vimeo.com)

Video: London Philharmonic Orchestra – Video Game Heroes (youtube.com)

Video: „Press Play On Tape : Breakpoint 07 : Monkey Island“ (youtube.com)

Video: „Painting with pixels“ – Zeitraffer (vimeo.com)

Kommentare
  1. Max sagt:

    Erwähnenswert finde ich in diesem Zusammenhang Education of the Noobz von Dragan Espenschied der mit diesem konzeptionellen Album die Post-8-Bit Generation anspricht, um ihnen die Herkunft des jetzt als Retro-Welle zurückschwappenden Sounds näherzubringen. (Download vom Netlabel UpitUp) Video: YouTube.

    Die Studentin Fan Yu an der Bauhaus-Universität Weimar hat 2010 eine Performance mit Livemusik aus Computerspielen und Filmen veranstaltet.

  2. Pingback: Super.licio.us

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