veröffentlicht von Martin Lorber am 09. September 2012

Jobs in der Videospielindustrie: Lokalisierung und Synchronisation

Teilen auf:

Computer- und Videospiele sind in den vergangenen Jahren zu einem wesentlichen Bestandteil der Kreativindustrie geworden und gehören längst zu den modernen Leitmedien. Daneben besitzt die Gamesbranche ein immenses wirtschaftliches Potenzial. Im vergangenen Jahr habe ich auf vielfachen Wunsch einmal aufgezeigt, wie ein Computerspiel entsteht. Oft sind es große Entwicklerteams, die das Zusammenspiel von Bild, Ton und Handlung perfektionieren und dem Spiel eine innere Logik verleihen. Eine Kreativleistung, die der großer Hollywood-Produktionen sehr nahekommt – manche würden sogar sagen, diese übertrifft. Doch wer ist eigentlich an der Produktion beteiligt, welche Berufe und Fähigkeiten sind es, die eine Spielidee in einen fertigen Titel verwandeln?

Vor diesem Hintergrund werde ich Ihnen sukzessive Jobs in der Computer- und Videospielindustrie vorstellen. Ich möchte hiermit einerseits die Vielfältigkeit einer Branche dokumentieren, der es im öffentlichen Diskurs immer noch an Wertschätzung für geleistete Arbeit mangelt, und andererseits jungen Menschen einen Einblick in mögliche Berufsfelder bieten.

Lokalisierung und Synchronisation

Seit den Anfängen des vertonten Films Mitte des 20. Jahrhunderts existiert in Deutschland der Beruf des Synchronsprechers. Hintergrund waren die vorwiegend aus dem englischsprachigen Raum stammenden Produktionen, die auch dem heimischen Publikum präsentiert werden sollten. Fortan entwickelte sich eine immer größer werdende Industrie der Übersetzung und Synchronisation. Mittlerweile sind einige Computerspielproduktionen teurer und aufwendiger als so mancher Hollywood-Blockbuster. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass auch die Computerspielindustrie im Bereich der Synchronisation und Lokalisierung aufwendiger und professioneller arbeitet als noch vor einigen Jahren.

Im Vergleich zum Film ist die Synchronisation eines Computerspiels nur ein kleiner Teil der so genannten Lokalisierung, der Anpassung eines Spiels für unterschiedliche Sprach- und Kulturkreise. Denn neben dem gesprochen Wort, muss bei Computer- und Videospielen auch die Menüführung, einzelne Befehle und geschriebener Text angepasst und übersetzt werden.

Je nach Budget und Umfang der Produktion wird ein Tonstudio mit der Übersetzung sämtlicher Inhalte oder nur der Aufnahme beauftragt. So arbeitet EA beispielsweise schon seit einigen Jahren mit dem Kölner Studio Rain Productions zusammen, das bereits für Medal of Honor, Battlefield oder Mirror’s Edge tätig war. In der Regel verfügen diese Tonstudios über diverse Sprecher-Karteien, die von Kunden für spezielle Aufträge gebucht werden. Ziel ist es, den Charme des Originals möglichst zu entsprechen und dem Spieler das Gefühl zu vermitteln, es handele sich um eine deutsche Produktion. Dialoge müssen natürlich authentisch  klingen, also die Eigenheiten, Idiome und Redewendungen der Sprache wiedergeben. Dabei kann das Alter, die Tonalität, die Klangfarbe oder der Dialekt des Sprechers ausschlaggebend sein. Die Aufträge sehen dann häufig wie folgt aus:

71.000 Wörter, 12 Haupt- und 86 Nebencharaktere, 20% LipSync, 50% HTR und der Rest ist VoiceOver. Bitte mit Transkription und Übersetzung. Voraussichtlich 9 Batches, 5 Sprachen, 1 bis 2 PU-Sessions für den DLC. Delivery date ist in 4 Wochen. Oh, noch kurz zum Spiel selbst: Es geht um Murmeln.“ (Rain Productions)

Je näher die Tonproduktion dann rückt, desto konkreter werden auch die Anforderungen. So werden zum Casting der Sprecher detaillierte „Character Bibles“ erstellt, in denen Alter, Geschlecht, Eigenschaften, Vorgeschichte etc. festgelegt sind. Nach diesen Anweisungen zusammen mit den Original-Aufnahmen aus dem englischen Spiel werden dann sorgfältig die richtigen Sprecher aus der Kartei ausgewählt und gebucht.

Meist sind diese nicht ausschließlich für Games zuständig, sondern synchronisieren Filme, TV-Werbungen oder Dokumentationen. Ein Beispiel ist Engelbert von Nordhausen, ausgebildeter Theaterschauspieler, der sowohl Bill Cosby als auch Fred Feuerstein oder Samuel L. Jackson spricht. Doch ab und zu leiht er seine Stimme auch Spielen wie Medal of Honor.

Der Aufnahmetag

Dauerte die Synchronisation eines Spielfilmes früher mehrere Wochen, so reichen heute wenige Tage. Für die eigentliche Aufnahme brauchen die Studios neben dem technischen Equipment drei Personen: einen Toningenieur, der die Synchronisation technisch aufnimmt; einen Synchronregisseur, der den Sprecher bei der Lokalisierung thematisch begleitet, auf Nuancen achtet und die Dramaturgie leitet; und den Sprecher selbst. Gemeinsam geht dieses Team ins Aufnahmestudio, das meist aus einem Aufnahme- und einem Sprecherbereich besteht. In der schalldichten Sprecherkabine befindet sich in der Regel ein Mikrofon sowie einen Monitor, auf dem der zu sprechende Text angezeigt wird.

Zunächst wird den Sprechern der Original-Ton auf einen Kopfhörer gespielt, so dass Tonalität und Tempo der Synchronisation besser abgestimmt werden können. Eine große Aufgabe – denn häufig gibt es zum gesprochenen Wort kein Bild, was ein hohes Maß an Fantasie und Vorstellungskraft abverlangt. Sollte es einmal nicht passen, greift der Regisseur ein. Bei professionellen Sprechern passiert dies allerdings nur sehr selten. Jedoch kann es vorkommen, dass einzelne Sätze in unterschiedlichen Betonungen eingesprochen werden. Denn die Spieler von heute sind verwöhnt und merken schnell, wenn in einem Spiel immer wieder dieselben Sätze fallen. Daher wird gerade bei großen Produktionen Vielfalt gewünscht. Sind alle Texte eingesprochen und finalisiert, werden diese meist an die Studios zurückgespielt, die dann wiederum für das Mischen und die Einarbeitung ins fertige Spiel verantwortlich sind.

Neben den zahlreichen Tonstudios, die immer wieder nach neuen Talenten suchen, gibt es auch Online-Foren wie das Synchron-Forum, auf dem sich Sprecher austauschen, Jobangebote posten oder die Synchronisation von lokalisierten Projekten bewerten. Wer sich einmal über den Beruf informieren will, ist dort sicherlich gut aufgehoben.

Kommentare
  1. Pingback: Superlicious

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *