Weil das Thema Computerspielsucht immer wieder aufkommt, hier erneut ein paar Thesen zum Thema.
veröffentlicht von Martin Lorber am 08. August 2011

1378(km) – neun Monate danach: Erfinder Jens Stober im Interview

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Der Schöpfer von 1378(km): Jens M. Stober (Quelle: Jens M. Stober)
Der Schöpfer von 1378(km): Jens M. Stober (Quelle: Jens M. Stober)

Das Serious Game 1378(km) löste im vergangenen November viele Diskussionen aus. Neun Monate später spricht der Erfinder Jens M. Stober mit mir über seine Wahrnehmung der Diskussion und was er heute anders machen würde.

Martin Lorber: Sie stellen 1378(km) beim Spielsalon Festival in Kassel aus. Ihr Spiel hat damals bei der Vorstellung eine breite Diskussion ausgelöst. Wie haben Sie die Diskussion damals wahrgenommen?

Jens Stober: Sich selbst in der BILD zu sehen ist bei weitem nicht so angenehm, wie viele denken. Vor allem wenn man dort etwas liest, was nicht der Wahrheit entspricht, aber die Gesellschaft und sogar die Politik diese Meinung ohne weiter nachzudenken übernehmen. Der deutsche Presserat hat die Berichterstattung der BILD zu 1378(km) übrigens missbilligt. Während der Diskussion fühlte ich mich eigentlich die ganze Zeit wie im falschen Film beziehungsweise Spiel. Die internationale Medienresonanz und auch juristischen Erlebnisse ließen mein Leben in dieser Zeit sehr irreal erscheinen. Ein Beispiel dafür ist eine Anzeige wegen Volksverhetzung auf Grund des Computerspieles, eine Vordiplomsarbeit im Rahmen meines Studiums der Medienkunst an der staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Aber keine Angst, dieses und weitere Ermittlungsverfahren wurden eingestellt.

Wir sehen in Deutschland in den vergangen Jahren den Trend zur Versachlichung bei der Diskussion über gewalthaltige Spiele. Allerdings gibt es immer wieder Ausnahmen und unsachliche Artikel, wie auch bei der Veröffentlichung Ihres Spiels. Wie kann man aus Ihrer Sicht eine noch sachlichere Diskussion unterstützen?

Ich denke es hat sich mittlerweile in Bezug auf die Versachlichung der Diskussion vieles positiv verändert. Vor einiger Zeit schrie die Gesellschaft noch unbedacht schnell auf, wenn es um gewalttätige Spiele ging. Mit 1378(km) habe ich selbst erlebt, wie sich eine unsachgemäße Diskussion entwickeln kann und wie sehr diese auf Klischees und Schlagwörtern beruht. Es ist noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten. Aber viele haben nach der Diskussion um mein Spiel gemerkt, dass nicht alles so ist, wie in den Medien beschrieben und man sich am besten selbst seine Meinung bilden sollte. Vor allem ein Computerspiel ist schlichtweg nicht zu beurteilen, ohne es gespielt zu haben. Es ist ein schwieriger Kampf gegen solche fest verankerte Meinungen, aber einer der nicht als Niederlage enden wird.

Welche Grundidee haben Sie mit der Programmierung des Spiels verfolgt?

Ich habe bereits an einem anderen Computerspiel namens „Frontiers“ mitgearbeitet, welches übrigens auf dem letzen Games for Change Festival in New York gezeigt wurde. Das Spiel thematisiert die aktuelle Lage an den europäischen Grenzen. Bei dem Umgang mit dem Thema Grenze stolpert man unweigerlich auch über die innerdeutsche Grenze, eigentlich dem massivsten und brutalsten Bollwerk der Geschichte. Mich hat diese Situation von Deutschen, die Deutsche daran hindern sollen von Deutschland nach Deutschland zu gelangen, sehr gereizt und ich wollte einen neuen Zugang zu diesem Abschnitt der jüngsten deutschen Geschichte anbieten.

Screenshot von 1378(km) (Quelle: Jens M. Stober)
Screenshot von 1378(km) (Quelle: Jens M. Stober)

Aus ihrer persönlichen Sicht – waren Sie mit dem Spiel erfolgreich?

Im Nachhinein betrachtet muss ich sagen: ja. Es ging mir darum den inneren Konflikt des Grenzsoldaten spürbar zu machen. Dies ließ sich mit Hilfe eines Computerspieles am besten umsetzen, da man anders als zum Beispiel in einem Dokumentarfilm, selbst die Kontrolle über sein Verhalten und seine Reaktionen auf in Echtzeit stattfindende und sich verändernde Situationen habe.

Gibt es historische Themen im In- und Ausland, denen Sie sich gerne auf ähnlicher Weise nähern würden?

Momentan orientiere ich mich eher an aktuellen Themen. Es gibt viele, die gelegentlich in den Medien auftauchen, aber auch schnell wieder vergessen sind. Computerspiele bieten die Möglichkeit Interesse für zum Beispiel politische Themen bei einer jungen Schicht der Gesellschaft zu wecken.

Wollen Sie den Videospielbereich in Zukunft aktiv weiter verfolgen?

Im Rahmen meines Studiums und als Mitgründer des Gamelab an der HfG Karlsruhe werde ich mich auch weiterhin mit Computerspielen beschäftigen. Mein Augenmerk liegt dabei auf der Forschung und Verbindung zwischen Computerspielen und Kunst. Aber auch Auswirkungen verschiedener Echtzeitdateneinflüsse auf das Gameplay und Leveldesign.

Würden Sie – aus der heutigen Perspektive betrachtet – beim Launch des Spiels etwas anders machen?

Ja. Im Nachhinein betrachtet würde ich das Spiel sofort veröffentlichen. Nur die Unwissenheit und die Fantasie der Medienlandschaft bot Möglichkeiten die Diskussion immer weiter anzufachen. Zum Zeitpunkt der Ankündigung bzw. bis zur eigentlichen Veröffentlichung im Dezember 2010 hat niemand von der Presse das Spiel selbst gespielt. Nach der Veröffentlichung fühlten sich viele von der Berichterstattung betrogen und hatten etwas vollkommen anderes erwartet. Genau wie die Opferverbände, welche erst Sturm gegen das Spiel gelaufen sind. Bei der öffentlichen Diskussion zur Veröffentlichung mussten sie dann aber auch einsehen, dass sie sich von der Medienlandschaft irreleiten ließen. Daher kann ich wirklich nur noch einmal betonen: Computerspiele müssen selbst gespielt werden, um diese zu beurteilen oder zu verurteilen.

Vielen Dank für das Interview!

 

Weitere Links zum Thema:

Web: Grenzflucht ist kein Spiel (zeit.de)

Web: Ballerspiel mit Mauerschützen (stern.de)

Web: Homepage von 1378(km) (1378km.de)

Web: Serious Games Conference in Hannover (nordmedia.de)

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