Weil das Thema Computerspielsucht immer wieder aufkommt, hier erneut ein paar Thesen zum Thema.
veröffentlicht von Martin Lorber am 04. April 2011

Videospiele in der Grundschule – ein Minecraft-Projekt zeigt neue Lernmöglichkeiten auf

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In der letzten Woche wurde gleich zwei Mal die Forderung nach einem verstärkten Einsatz von Computer- und Videospielen zu pädagogischen Zwecken in der Schule geäußert: Die Association for UK Interactive Entertainment forderte die Einführung eines eigenständigen Computer Science Faches an britischen Schulen. Kreativen Umgang mit PCs sehen sie als wichtiger an, als bloßes Erlernen vorhandener Software. Der Stanford University Professor Keith Devlin sprach sich hingegen dafür aus, Videospiele zum Lernen einzusetzen, vor allem im Bereich der Mathematik. Seiner Meinung nach können Schüler in einer Spielumgebung besser lernen, wofür und in welchem Kontext Mathematik tatsächlich gebraucht wird. Es geht ihm dabei weniger um das Auswendiglernen von Tabellen und Formeln, sondern um die Aneignung mathematischen Denkens. Aber auch abseits der Mathematik ist er von der positiven Lernwirkung von Videospielen überzeugt: Jedes Spiel, so seine These, hat einen gewissen Lerneffekt für Kinder. Über das Thema lernen mit Computerspielen habe ich ja auch in diesem Blog schon häufiger berichtet.

Screenshot aus Minecraft
Screenshot aus Minecraft

Wie gut die Integration von Spielen in den Unterricht funktionieren kann, beweist derzeit der US-amerikanische Grundschullehrer Joel Levin. Der New Yorker spielt mit Schülern der ersten und zweiten Klasse im Computer-Unterricht Minecraft, ein Open-World-Spiel, in dem man sich als Spieler in einer zufallsgenerierten Welt aus 3D-Blöcken befindet. Die Blöcke aus verschiedenen Materialien können abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Dieses Prinzip und die blockartige Optik des Spiels haben Minecraft die Bezeichnung „virtuelles Lego“ eingebracht.

In seinem Blog The Minecraft Teacher beschreibt Levin das Vorgehen, die Fortschritte und den pädagogischen Zweck des Projekts. Interessant ist seine Vorgehensweise: Die Schüler spielen über den Multiplayer-Modus des Spiels gemeinsam auf einem Server, Levin ist aber ebenfalls mit im Spiel um kontrollierend einzugreifen. Für die Unterrichtsstunden bereitet er selbstgestaltete Welten vor, in denen die Schüler Aufgaben zu erledigen haben. Dabei modelliert er die virtuellen Umgebungen so, dass sie sich mit dem Erfahrungsschatz der Schüler decken, um ein schnelles Zurechtfinden sicherzustellen. Gleichzeitig unterstützt er das spielerische Erlebnis mit klassischen Lehrmitteln, wie Hand-Outs, in denen er kleine Geschichten zu den Welten schreibt. Levins Erfahrung nach brauchen vor allem die jüngeren Schüler diese Art der Anleitung, da sie die schlichte Größe einer normalen Minecraft-Welt ansonsten überfordern würde.

Ein Projekt zu Pyramiden zeigt sehr gut, wie die Kombination aus bewährtem und neuem funktioniert. Levin stellte seinen Schülern die Aufgabe, eine Pyramide erkunden, die er zuvor für sie gebaut hatte. Um die dort versteckten Schätze zu entdecken, mussten sie zuerst eine Möglichkeit finden, ins Innere zu gelangen. Der Lehrer hatte vorher darauf hingewiesen, keinen von den „Schätzen“ zu zerstören und ließ die Kinder diskutieren, inwiefern es wichtig sei, andere Kulturen und ihre Geschichte zu respektieren. Danach wurde über die weitere Vorgehensweise abgestimmt. Einige der Kinder entschlossen sich, ein Museum zu bauen, in dem die Schätze ausgestellt werden sollte, andere wollten die komplette Pyramide in einem umschließenden Glaskasten konservieren. Später ließ Levin seine Schüler in Gruppen Häuser bauen. Dabei bereitete er einen Teil der nötigen Ressourcen vor, aber nur so viel, um das Projekt beginnen zu können. Zur Vollendung mussten die Kinder selbst Ressourcen abbauen. Sie mussten also entscheiden, wer aus ihrer Gruppe die weiteren Materialien beschaffte und wer sich dem Bau des Hauses widmete. So will Levin einerseits Teamfähigkeit und Kommunikation fördern, andererseits den Umgang mit begrenzten Materialien vermitteln.

Da Minecraft per Maus und Tastatur gesteuert wird, die Schüler mit dieser Art der Steuerung aber noch nicht vertraut waren, hat Levin gemeinsam mit einem befreundeten Grafiker eine komplett eigene Tutorialwelt erstellt. Eine beeindruckende Arbeit!

Das Projekt kommt auch bei den Kindern gut an. Levin berichtet, dass die Kinder am Mittagstisch in der Pause neue Projekte besprechen und sogar im Kunstunterricht Bilder über das Spiel malen. Zudem plant der Lehrer, auf Grund des großen Interesses, eine AG nach der Schule einzurichten.

Joel Levin kommt mit seinem Projekt sowohl der Forderung der Association for UK Interactive Entertainment nach kreativem Umgang mit Computern und der Erstellung eigener Inhalte nach, als auch dem Appell von Keith Devlin, Computerspiele im Unterricht einzusetzen, um Kindern echte Kontexte für Lerninhalte zu bieten. Ein rundum gelungenes Projekt eines außerordentlich engagierten Lehrers. Auch in Deutschland gibt es viele Einzelbeispiele von einer gelungenen Integration von Spielen in den Unterricht, die engagierte Lehrer realisieren.

Weitere Links zum Thema:

Web: The Minecraft Teacher (minecraftteacher.net)

Web: Minecraft in School Wiki (minecraftinschool.pbworks.com)

Web: Association for UK Interactive Entertainment (ukie.info)

Kommentare
  1. Christoph sagt:

    Vielen Dank für den Beitrag,

    besonders die Aussage „Seiner Meinung nach können Schüler in einer Spielumgebung besser lernen, wofür und in welchem Kontext Mathematik tatsächlich gebraucht wird“ ist spannend und hätte mir sicherlich geholfen, Spass an Mathematik zu haben.

    Leider wird hier m.E. ein riesiges Potential erschreckend selten genutzt. Durch die Nutzung von Computerspielen können völlig neue Formen des Lernen entstehen. Menschen können spielerisch lernen, komplexe Systeme zu verstehen und basierend auf den Ergebnissen neue Strategien zu entwickeln. Sie können lernen, nach Lösungen zu recherchieren und in sozialen Gruppen zu agieren. Diese Möglichkeiten erfordern aber ein Umfeld, welches diese Fähigkeiten unterstützt und fördert. Deshalb denke ich auch, wir sollten überlegen, ob die Arbeit mit Computerspielen (und Werkzeugen des Web 2.0) nicht Teil der Aus- und Weiterbildung von Lehrenden sein sollte.

    Dies wird aber nur geschehen, wenn Computerspiele in der Breite als sinnvolle Plattform für die Kultur- und Wissensvermittlung angesehen werden – es liegt also noch viel Arbeit vor uns:-)

    Beste Grüße

    Christoph Deeg

  2. Pingback: Highlight

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