veröffentlicht von Martin Lorber am 12. Dezember 2010

Keine Grundlage: „Suchtpotenzial“ als Kriterium der Alterskennzeichnung

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Immer wieder diskutiere ich mit Interessierten über die Frage, ob das mögliche Suchtpotenzial eines Computerspiels in die Kriterien der Alterskennzeichnung von Spielen durch die Obersten Landesjugendbehörden aufgenommen werden sollte. Bereits im Januar 2010 haben die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen in Abstimmung mit allen Ländern – also auch Bayern, das sich bei dieser Debatte in der Vergangenheit immer stark hervorgetan hat – ein Gutachten in Auftrag gegeben, dass diese Frage juristisch prüfen soll.

Expertenanhörung ‚Abhängigkeits- und Suchtpotenzial von Computerspielen‘ am 8.Juni 2009
Expertenanhörung ‚Abhängigkeits- und Suchtpotenzial von Computerspielen‘ am 8.Juni 2009

Die Rechtsanwältin und Notarin Dr. Uta Rüping hat dieses Gutachten angefertigt. Es ist etwas versteckt auf den Internetseiten der Arbeitsgemeinschaft Kinder und Jugendschutz Landesstelle Nordrhein-Westfalen e.V. öffentlich zugänglich.

Das Ergebnis ist eindeutig: Nach bestehender Rechtslage ist es gar nicht möglich, Suchtpotenzial in die USK-Kriterien aufzunehmen. Die Beeinträchtigung müsse „nach der Formulierung des Gesetzes eben vom Medium selbst, d. h. nach allgemeiner Auffassung und bisheriger Praxis von seinen Inhalten ausgehen. Im Mittelpunkt der Prüfung steht die Fehlleitung des jugendlichen Bewusstseins durch die Inhalte des Spiels, wobei bestimmte (abstrakt im Vorhinein zu identifizierende und beschreibbare) Unwertmerkmale des Mediums auf korrelierende (ebenfalls missbilligte) Wirkungen beim Konsumenten schließen lassen.“

Einfach gesagt: Das Gesetz sagt, dass man klar definieren muss, welche Inhalte konkret eine unerwünschte Wirkung haben. Derzeit gibt es aber keine empirisch gesicherten Erkenntnisse über die Wirkzusammenhänge von Spiel und Suchterzeugung.

Es ist bei Computerspielen nach derzeitiger Forschungslage schlechterdings nicht möglich, die Eigenschaft bzw. Eigenschaften eines Spiels zu identifizieren, die eine Sucht hervorrufen. Das war auch das Ergebnis der Expertenanhörung, ausgerichtet vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit, im vergangenen Jahr.

Daher kann man das „Suchtpotenzial“ auch nicht als Kriterium für die Altersfreigabe einführen.

Weitere Links zum Thema:

Web: Homepage von Notarin Dr. Uta Rüping (dr-rueping.de)

Web: Gutachten zu „Suchtpotenzial“ als Kriterium (ajs.nrw.de)

Web: Ergebnis der Expertenanhörung (ajs.nrw.de)

Web: Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit (ms.niedersachsen.de)

Kommentare
  1. Christian sagt:

    Ich kann dem nur zustimmen. Suchtpotenzial und Alterskennzeichnung sind zwei Paar Schuhe. Gerade an World of Warcraft sieht man ja sehr schön, dass das Alter übwerhaupt keine Rolle spielt. Da sind Teenager genau so abhängig wie manch Erwachsener mit 40+ Jahren.
    Zudem müsste sich die USK viel intensiver mit den einzelnen Videospielen auseinandersetzen. Es wir ja mehr oder weniger nur auf den Inhalt und die Brutalität des jeweiligen Spiels geschaut. Der Gewaltgrad hat jedoch nichts mit dem Suchtpotenzial zu tun. Ein Ego Shooter kann eben so süchtig machen, wie ein Rennspiel.
    Wie sehr man sich von einem Spiel in seinen Bann ziehen lässt, ist ja von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt ja von vielen Faktoren ab. Von daher wäre eine Prüfung des Suchtpotenzials eine sehr subjektive Einschätzung und ist damit ja eigentlich auch nicht wirklich für eine allgemein geltende Einstufung zu gebrauchen

  2. Martin sagt:

    Das ist richtig, es bleibt subjektiv und kann damit nicht für eine verbindliche Alterskennzeichnung eingesetzt werden. Sucht ist ein ernstzunehmendes Thema, es gibt jedoch einen Unterschied zwischen Sucht und einem temporären exzessivem Konsum von Videospielen. Diese Linie wird häufig nicht klar gezogen. Spiele können (wie alle anderen Hobbys auch) den Nutzer für eine gewisse Zeit fesseln und beschäftigen. Sie unterscheiden sich in diesem Moment nicht von dem Buch, dass unbedingt zu Ende gelesen werden muss.

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