veröffentlicht von Martin Lorber am 12. Dezember 2012

Geschichte in Computer- und Videospielen

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Viele Computer- und Videospiele erzählen Geschichten. Vergleichbar mit anderen narrativen Medien, wie Büchern oder Filmen, ist die Bandbreite potentieller Szenarien schier endlos und nur durch die Vorstellungskraft der Autoren und Entwickler begrenzt. Trotz dieser kreativen Möglichkeiten erzählen Spiele nicht nur fiktive Geschichten, sondern sehr oft auch Geschichte. Die Historie der Menschheit bietet einen reichhaltigen Fundus spannender  Epochen und großen Konflikten, die als Hintergrund der Erzählungen dienen können. Da liegt es doch nahe, sich ihrer zu bedienen.

So gibt es unzählige Spiele, die vergangene Ereignisse, Schauplätze oder Personen aufnehmen und Handlung sowie Spielmechanik um diese herum aufbauen. Von Strategiespielen, wie „Europa Universalis“ oder „Civilization“, über Action-Adventures, wie „Assassins Creed“ oder „Red Dead Redemption“, bis hin zu Ego-Shootern wie „Medal of Honor“ oder „Battlefield 1942“– sie alle spielen in den verschiedensten Epochen der Zeitgeschichte.

Prof. Dr. Angela Schwarz, Historikerin an der Universität Siegen, hat sich gemeinsam mit anderen Forschern ihrer Fachrichtung dem Thema wissenschaftlich angenähert. Die Ergebnisse sind in dem Buch „Wollten Sie auch schon immer einmal pestverseuchte Kühe auf Ihre Gegner werfen? Eine fachwissenschaftliche Annäherung an Geschichte im Computerspiel“ zusammengetragen. Im Rahmen der Studie ist das Forscherteam die herkulische Aufgabe angegangen, alle möglichen PC-Spiele zusammenzutragen und auszuwerten, die seit 1981 erschienen sind und Historisches als wesentlichen Inhalt haben. Somit sind die unzähligen Spiele nun nicht mehr ungezählt. Im November 2012 umfasste die Datenbank der Forscher rund 2.100 Titel.

Dank dieser beeindruckenden Datenbank können über die Inhalte der Spiele interessante Aussagen getroffen werden. Die Mehrzahl der Spiele sind tatsächlich Strategiespiele, die sich historische Konflikte als Szenarien ausgesucht haben. Dicht gefolgt von Fahrzeugsimulationen, Adventures, Rollenspielen und Aufbausimulationen. Shooter und Denkspiele belegen in dieser Rangliste die hinteren Plätze. Ein Großteil der untersuchten Spiele thematisiert historische Konflikte. Dies kann zum einen mit der durchaus konflikthaltigen Geschichte der Menschheit und zum anderen durch den großen Anteil von Strategiespielen erklärt werden. Diese behandeln, ebenso wie auch ihre analogen Vorgänger Schach oder Go, fast schon per Definition konflikthafte Auseinandersetzungen. Da verwundert es auch nicht, dass der Zeitraum des Zweiten Weltkriegs mit fast einem Viertel aller Spiele die prominenteste Stellung einnimmt.

Doch wie sieht das transportierte Geschichtsbild aus? Wie werden geschichtliche Tatsachen in das Spiel eingebettet? Stimmt das Vorurteil, dass Spiele ein lückenhaftes, einseitiges Bild vermitteln und zur Unterhaltung Fakten und Fiktionen fröhlich vermischen? Hier liefert die Studie eine Klassifizierung der Spiele nach dem Grad der Authentizität der Geschichtsdarstellung. Da wären zum einen Spiele, die geschichtliche Elemente lediglich als Rahmen für die Handlung und die Spielmechanik nutzen. Konkrete historische Ereignisse werden, wenn überhaupt, nur am Rande thematisiert. Andere Spiele nutzen vor allem ein detailgetreues historisches Ambiente um eine fiktive Handlung zumindest optisch mit einer starken historischen Stimmung zu unterfüttern. Das Aussehen von Bauwerken und Personen wird historisch akkurat dargestellt. Eine Wiedergabe von Geschichte in Spielen, die über die reine optische Rekonstruktion hinausgeht, bettet ihre Handlung auch noch in tatsächliche historische Ereignisse ein oder lässt den Spieler diese nachspielen. Natürlich werden historische Fakten in den meisten Spielen eher oberflächlich behandelt. Aber dies ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass es sich bei den untersuchten Spielen fast ausschließlich um Unterhaltungsangebote handelt. Diese haben primär das Ziel zu unterhalten und nicht zu lernen. Das ist bei anderen Unterhaltungsmedien, wie Büchern oder Filmen nicht anders. Ein Buch von Ken Follet kann sehr gut recherchiert sein und den Leser unterhalten, eine 100% akkurate und tiefgreifende Darstellung von Geschichte ist es trotzdem nicht. Will es allerdings auch gar nicht sein.

Eignen sich Spiele also zur Vermittlung von historischen Inhalten an deren Konsumenten? Die Antwort laut Angela Schwarz: Jein! Das Medium Spiel kann historische Fakten und Details meist nur oberflächlich darstellen und hat einen ganz klaren Auftrag den Spieler zu unterhalten. Dies bedeutet, dass tiefgreifend Informationen nicht vermittelt werden und es eigentlich auch gar nicht sollen. Die Stärke des Mediums besteht allerdings darin, dass die spannend und ansprechend verpackten Informationen das Interesse beim Spieler wecken können, sich ausführlicher mit einem Thema zu befassen. Gespür und Interesse für historische Zusammenhänge können vermittelt werden, schulisches Faktenwissen eher nicht. Das Spiel sei weniger Geschichtsbuch als Erweckungserlebnis. Reine Fakten können andere Medien besser transportieren.

Weitere Links zum Thema:

Blog: Die Reise des Helden im Videospiel

Kommentare
  1. Paulchen Panther sagt:

    Nicht Erweckungserlebnis, sondern Entwicklungserlebnis!

    Warum wird ständig nach Faktenwissen in Computerspielen gefragt? Der Spieler lernt ein paar Fakten vielleicht en passant. Das Grundlegende, reale oder fiktive geschichtliche Handlungen nachvollziehbar zu erleben und quasi selbst zu steuern, ist das wesentliche Lernelement. Der Erwerb prozeduralen Wissens in Computerspielen wurde bisher nicht untersucht!

  2. Sabrina sagt:

    Eine detaillierte Analyse. Wer allerdings erwartet hat, dass sich mit den Spielen ein profundes Wissen geschichtlicher Ereignisse vermittelt wird, der sieht sich getäuscht. Eher logisch scheint, dass historische Konflikte als Szenarien den meisten Background der Spiele ausmachen. Ist er doch greifbar und plastisch wahrnehmbar und vor allem mit viel Action verbunden. Die Autorin schließt den Bericht mit der Erkenntnis, dass Videospiele kaum oder keine historische Fakten und Details vermitteln und darstellen. Es wird nur dem Unterhaltungswert einen hohen Stellenwert beigemessen. Und das ist es auch was die heutige Gesellschaft prägt. Oberflächliche Unterhaltung, die auf wenig Worten und Details dafür umso mehr auf grellen, effektvollen Bildern basiert, die kein Nachdenken und sich Befassen mit dem Hintergrund des Geschehens erlauben. Es gibt bei den Spielen auch rühmliche Ausnahmen, doch sind diese erst in den hinteren Rängen zu finden. Denkspiele sind halt nicht für jeden geeignet. Ob den ganzen Tag Ken Follet lesen oder Gamen besser ist, muss jeder selbst entscheiden.

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