veröffentlicht von Martin Lorber am 03. März 2012

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Studie zur exzessiven Computer- und Internetnutzung in Familien

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Prof. Dr. Rudolf Kammerl und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellen heute im Rahmen des Dialog Internet auf einer Fachtagung eine neue Studie über die Zusammenhänge zwischen exzessiver Computer- und Internetnutzung Jugendlicher und dem medienerzieherischen Handeln in Familien vor. Hauptautor der Studie, die vom Bundesministerium in Auftrag gegeben wurde, ist Rudolf Kammerl, Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik mit den Schwerpunkten Bildungs-, Lern- und Sozialisationsforschung im Kontext moderner Informations- und Kommunikationstechnologie an der Universität Hamburg.

Die Ergebnisse seiner Studie zeigen spannende Zusammenhänge zwischen der Medienerziehung in Familien und dem Phänomen einer als exzessiv bewerteten Computer- und Internetnutzung von Jugendlichen auf. So wird unter anderem deutlich, dass die Einstellungen der Eltern zu digitalen Medien sowie das erzieherische Handeln einen großen Einfluss darauf ausübt, ob und wie mit exzessiver Computer- und Internetnutzung umgegangen wird.

Ich hatte bereits im Vorfeld des Workshops Gelegenheit Herrn Prof. Dr. Rudolf Kammerl ein paar Fragen zu stellen:

Prof. Dr. Rudolf Kammerl
Prof. Dr. Rudolf Kammerl

Prof. Dr. Rudolf Kammerl, Sie haben in einem breit angelegten Forschungsprojekt Zusammenhänge zwischen einer als exzessiv bewerteten Computer- und Internetnutzung von Jugendlichen und der (Medien)Erziehung in den Familien untersucht. Ist der Einfluss des familiären Umfelds und der Erziehung auf das Medienverhalten bisher zu wenig berücksichtigt worden?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Ja, in der Vergangenheit richtete sich der Fokus in erster Linie auf die Medien. Der Einfluss der Familie und die subjektiven Einschätzungen von Jugendlichen und Eltern wurden kaum berücksichtigt. In unserer Studie zu Familien mit Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren wurde versucht, diese Perspektiven systematisch zu erfassen, indem wir u.a. in 1744 Haushalten Eltern und Jugendliche getrennt voneinander befragt haben.

Von welchen Faktoren hängt es ab, ob die Computer- und Internetnutzung zu einem Problem in der Familie wird? Spielen beispielsweise die Beziehungsqualität, die Einstellung der Eltern zu digitalen Medien und deren Nutzungsgewohnheiten und das erzieherische Handeln in diesem Bereich eine Rolle?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Die Häufung des Phänomens exzessive Computer- und Internetnutzung im Jugendalter weist auf die Rolle spezifischer Entwicklungsaufgaben hin. Die Bewältigung dieser Aufgaben hängt auch vom Verhalten der Eltern ab. Dabei zeigt unsere Studie, dass allgemeine Merkmale der Beziehungsqualität in den Familien, wie zum Beispiel die Nähe beziehungsweise die Distanziertheit der Familienmitglieder untereinander eine große Rolle spielen. Wenn Einfühlungsvermögen und Verständnis füreinander nur eingeschränkt vorliegen, neigen einerseits Jugendliche dazu sich hinter den Monitor zurückzuziehen, statt mit den Eltern über Probleme zu sprechen und andererseits nehmen Eltern dieses Verhalten als Suchtverhalten war – insbesondere dann, wenn sie digitalen Medien sowieso skeptisch gegenüber stehen. So könnte man einen Teil der Ergebnisse interpretieren.

Die familiäre Situation hat also einen Einfluss darauf, ob es zu einem problematischen Nutzungsverhalten kommt?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Ja, neben der bereits erwähnten fehlenden Empathie zeigen die Familien Unsicherheiten im Rollenverhalten. Dabei geht es unter anderem um die Aufgabe, Freiräume und Kontrolle altersgemäß zu regulieren. Auch bezogen auf die Computer- und Internetnutzung muss der Übergang von der Kontrolle durch die Eltern im Kindesalter bis hin zur selbstverantworteten Freiheit im späten Jugendalter ausgestaltet werden. Diesen Aufgabenbereich meiden die Mütter, die in erster Linie die Erziehung übernehmen, häufig. Sicher auch, weil sie sich nicht so stark für die digitalen Medien interessieren und/oder sich für wenig kompetent in diesem Bereich halten. In einer anderen Studie aus Hamburg gaben Eltern sogar an, die Computer- und Internetnutzung weniger zu regulieren als den Fernsehkonsum. Aus meiner Sicht ist das aus mehreren Gründen die verkehrte Priorisierung. Ich denke, dass Heranwachsende an die Chancen, die das Internet bietet, herangeführt werden müssen.

Unterscheidet sich eigentlich die Einschätzung der Eltern darüber, ob eine problematische Computer- und Internetnutzung der Kinder vorliegt, von der Einschätzung durch Experten, die Sie auch befragt haben? Ab wann würden Sie von einer problematischen Nutzung sprechen?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Die Einschätzungen der Eltern unterscheiden sich schon allein durch die wesentlich höhere Heterogenität von der Expertenmeinung. In Familien existieren recht unterschiedliche Maßstäbe zur Bewertung der Internetnutzung. Wir konnten sowohl Eltern finden, die offenbar Ausmaß und Stellenwert des Internets für ihre Kinder deutlich überschätzen. Es finden sich aber auch Familien, in denen Eltern kein Problembewusstsein haben, obwohl die Jugendlichen selbst ihre Mediennutzung als übermäßig und problematisch betrachten. Als Erziehungswissenschaftler interessiert mich, wann in den Familien die Computer- und Internetnutzung für wen (Eltern und/oder Jugendlicher) zum (Erziehungs-)Problem wird und wie hier geholfen werden könnte.

Wurden in Familien mit Problemfällen denn Ihrer Ansicht nach geeignete Medienerziehungsmaßnahmen getroffen?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Insgesamt wissen wir noch wenig, wie sich in den Familien diese Probleme entwickeln. Offenbar gibt es aber zunächst zu wenig Aufmerksamkeit. Darüber hinaus werden dann, wenn ein Regulierungsbedarf gesehen wird, nicht immer die geeigneten Maßnahmen gewählt. So fällt auf, dass im Vergleich zu den Familien ohne Problem in mehr als doppelt so vielen belasteten Familien die Computer- und Internetnutzung spontan verboten oder erlaubt wird. Statt fester Abmachungen über ein Zeitkontingent und Inhalte werden hier Medien auch häufiger als allgemeines Sanktionsmittel eingesetzt. Da wird dann schon mal das Essen an den PC geliefert, wenn die Noten in Ordnung waren oder der Rechner wird weggenommen, weil im Zimmer nicht aufgeräumt wird. Ohne dies vielleicht zu wollen, bekräftigen Eltern dabei mit ihrem Verhalten den besonderen Stellenwert der Medien im Leben des Heranwachsenden.

Welche Problemfelder der problematischen Nutzung von Computer- und Internet gibt es denn (soziale Netzwerke, Kommunikation allgemein, das Anschauen von Videos, Filmen etc., Spiele)? Wie gewichten Sie diese?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Etwas vereinfacht dargestellt gilt nach wie vor, dass Gaming eher die Jungen in Beschlag nimmt und das Kommunizieren die Mädchen. Neben dem Umfang der Nutzung werden in Familien natürlich die Inhalte häufig kritisch gesehen. Aber auch gefährliche Internetkontakte, der Datenschutz der genutzten Anwendungen und mögliche Rechtsverletzungen durch die Heranwachsenden sind Thema. Die Gewichtung in den Familien erfolgt vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen in den jeweiligen Familien unterschiedlich. Der Umfang der Computer- und Internetnutzung ist in rund 70 Prozent der Familien überhaupt kein Thema, das als Problem wahrgenommen wird.

Führt eine problematische Computer- und Internetnutzung eigentlich in der Regel zur sozialer Isolation und Bewegungsarmut, wie immer wieder zu hören ist?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Ein spannender Befund war, dass zwar unsere befragten Experten in Beratungsstellen und Therapieeinrichtungen davon berichteten, dass die Jugendlichen, die bei Ihnen landen, häufig eine soziale Ängstlichkeit und ein allgemein geringes Selbstwertgefühl haben. In unserer Stichprobe verbrachten dann die exzessiven Internetnutzer kaum weniger Zeit mit ihren Freunden zusammen als andere Gleichaltrige. Möglicherweise erhöhen die von Ihnen genannten Merkmale die Wahrscheinlichkeit, dass die Angehörigen mit dem Heranwachsenden Hilfsangebote aufsuchen.

Welche konkreten Handlungsempfehlungen sprechen Sie aufgrund Ihrer Studienergebnisse aus?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Kinder werden nicht medienkompetent geboren. Auch die Fähigkeit zu einer selbstverantworteten Selbstkontrolle der Computer- und Internetnutzung muss erst erlernt werden. Das beginnt im Kindesalter unter der Kontrolle der Eltern und im Normalfall wird die Selbststeuerung im Laufe der Jugendphase so ausgebildet, dass eine Balance der verschiedenen Lebensbereiche hergestellt ist. Eltern müssen hier Hilfestellung geben. Sie sollten frühzeitig für diesen Aufgabenbereich sensibilisiert werden. Ich bin überzeugt davon, dass sich die Mehrzahl von Problemen in den Familien durch eine adäquate Erziehung hätte vermeiden lassen, deshalb muss hier angesetzt werden. Da sich die Frage nach dem rechten Maß für Viele stellt, wollen wir mit einem Online-Modul die Möglichkeit geben, Vergleiche mit ähnlichen Familien abzufragen. Da, wo bereits ein größeres Problem besteht, halte ich es für vielversprechend, wenn im Rahmen einer Familienberatung systemische Ansätze verfolgt werden. Darüber hinaus gibt es aber sicher auch extreme Fälle, in denen zum Beispiel aufgrund bestimmter Persönlichkeitsstörungen eine Therapie für den Jugendlichen angezeigt ist.

Könnte neben der Unterstützung der Familien durch medienpädagogische Programm auch ein Peer-to-Peer-Ansatz hilfreich sein, bei dem Jugendliche selbst Vorbildfunktion einnehmen?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl: Für uns als Forscher waren Gespräche mit Jugendlichen, die selbst eine Phase exzessiver Nutzung durchlaufen hatten, sehr hilfreich für das Verständnis der Vielschichtigkeit des Problems. Ich könnte mir gut vorstellen, dass authentische Berichte auch Jugendliche ansprechen. Außerdem sollten sich die Jugendlichen selbst Gedanken machen, welche Abmachungen sie mit ihren Eltern treffen wollen, damit diese sich wegen einer möglichen „Online-Sucht“ keine Sorgen machen müssen.

Weiterführende Links:

Web: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationsliste,did=184996.html (Gesamtstudie von Prof. Dr. Kammerl)

Web: http://www.epb.uni-hamburg.de/de/forschung/projekte/3934

Web: Bundesfamilienministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Pressemitteilung zur Studie)

Web: Dialog Internet (Fachtagung zum Thema Exzessive Computer- und Internetnutzung von Jugendlichen)

Web: http://dialog-internet.de/web/initiativen_praevention-in-virtuellen-spielwelten/steckbrief (Steckbrief des Projekts „Watch Your Game“ im Dialog Internet)

Blog: Rechtsexperten einig: Suchtkriterium nicht bei jugendschutzrechtlicher Betrachtung gültig

Blog: Landesanstalt für Medien NRW relativiert das Suchtproblem bei Computerspielen deutlich

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