2014 besuchten rund 335.000 Menschen aller Altersklassen die gamescom. Für den Jugendschutz sorgt die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK). Quelle: gamescom
veröffentlicht von Martin Lorber am 07. Juli 2016

Wie schützen technische Hilfsmittel Kinder und Jugendliche im Internet?

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Das Internet, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2016 und hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Fast alle Kinder und Jugendliche sind online, um fremde Welten zu erforschen sowie hilfreiche Informationen und neue Ideen zu erhalten. Dabei dringen sie in Bereiche vor, die sie nie zuvor gesehen haben. Digitale Inhalte sind so einfach zugänglich und in unseren Alltag integriert, wie noch nie. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor nicht altersgerechten Medieninhalten im Internet ist von Eltern immer schwerer zu gewährleisten. Hier ist jede Hilfe und Unterstützung willkommen.

Hilfsmittel in den Weiten des Netzes

Ein wichtiges Element eines wirksamen Jugendmedienschutzes sind so genannte technische Mittel. Hinter dem breitgefächerten Begriff verbergen sich Zugangsbarrieren, die verhindern sollen, dass Kinder und Jugendliche für ihr Alter unangemessene Inhalte wahrnehmen.

Beispielhaft hierfür: Die Jugendschutzvorsperre bei Sky Deutschland. Hier müssen Nutzer zur Freischaltung der Sendung erst einen speziellen Jugendschutz-PIN eingeben. Auch der so genannte Perso-Check (Personalausweiskennziffernprüfung) im Internet gehört dazu. Die Personalausweisnummer dient in diesem Fall als Schlüssel für den Zugang zum Angebot. Abseits der technischen Mittel sind außerdem die Sendezeitbegrenzungen, die das Schauen bestimmter Inhalte nur zu bestimmten Uhrzeiten erlauben, bekannt.

Nachteile von Perso-Check und Sendezeitbegrenzung

Perso-Check und Sendezeitbegrenzung bilden eine Gruppe von Werkzeugen zum Jugendmedienschutz, die quasi einen Schutzzaun um das Einzelangebot ziehen. Vorteil: Ein recht hohes allgemeines Schutzniveau des einzelnen Angebots, da es alle potentiellen Nutzer mit einbezieht. Allerdings gibt es einen großen Nachteil: Der Schutzzaun ist wirklich nur um das jeweilige Einzelangebot gezogen. Im Internet und insbesondere im Ausland gibt es viele Seiten, die solche Zugangsbarrieren nicht nutzen – aber ebenfalls beeinträchtigend sein können. Vergleichen ließe sich das mit einer Bibliothek, die einzelne Bücher sehr sorgfältig verwaltet und diese nur an Erwachsene verleiht – aber ansonsten für jede Altersklasse freien Zugang gestattet. Oder eine Videothek die Filme, die ab 18 Jahren klassifiziert sind, nicht an Jugendliche ausleiht. Die Videothek auf der anderen Straßenseite jedoch tut das jedoch – ohne damit Gesetze zu übertreten oder Konsequenzen fürchten zu müssen.

Auch Rezipienten, die keinen Schutz brauchen, schränken solche Mittel ungebührlich ein. So kann man als Erwachsener beispielsweise nicht am Sonntagnachmittag in der ARD-Mediahtek den Tatort schauen, sondern muss bis 20 Uhr warten.

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Jugendschutzprogramme wie JusProg bieten adäquaten Schutz ohne Einschränkungen für Erwachsene

Sonstige Mittel wie Jugendschutzprogramme lassen sich da viel zielgerichteter einsetzen. Diese ziehen ihren Schutzzaun nicht um das Angebot, sondern um das genutzte Gerät. Das individuelle Schutzniveau ist für den Nutzer also wesentlich höher, da einzelne Geräte zielgerichteter geschützt werden. Die Einstellungen sind dabei flexibel anpassbar. Erwachsene schränkt das Programm nicht ungebührlich ein. Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat bisher vier Jugendschutzprogramme anerkannt, darunter auch die Filtersoftware JusProg, des gemeinnützigen Vereins JusProg e.V., bei dem auch ich im Vorstand sitze.

JusProg schützt vor nicht altersgerechten Inhalten im Internet ist staatlich anerkannt und bekam bei Giga.de eine Bestwertung; gerade für die einfache Handhabung. Mit JusProg hat der Nutzer stets die letzte Entscheidung darüber, was das Programm filtert und was nicht. Nutzer können nicht nur die Altersgruppen einstellen, sondern auch die Freigabe einzelner Seiten regeln. Viele Fachleute halten Jugendschutzprogramme mittlerweile für die einzig realistische Lösung, um adäquaten Schutz vor entwicklungsbeeinträchtigten Inhalten im Internet zu gewähren. Eine weitere Stärkung der Jugendschutzprogramme wäre sehr zu begrüßen.

Um ihre Kinder im Internet zu schützen, müssen Eltern also nicht jeglichen Medienkonsum komplett überwachen oder gleich das ganze Internet sperren. Jugendschutzprogramme helfen Eltern dabei, einfach mal loszulassen und ihre Kinder alleine das Internet erkunden zu lassen. Und das ist gut so. Denn für die Herausbildung einer eigenständigen Medienkompetenz, müssen Kinder und Jugendliche auch mal auf sich alleine gestellt auf Entdeckungsreise gehen. Jugendschutzprogramme sind ein einfaches Hilfsmittel in der komplizierten Welt des Jugendmedienschutzes.

Komplizierte Zuständigkeiten beim Jugendschutz – Wer trägt wofür die Verantwortung?

Die rechtlichen Grundlagen für den Jugendmedienschutz finden sich im Jugendschutzgesetz (JuSchG) und im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV). Zudem berühren etliche Verbreitungsverbote des Strafgesetzbuchs (StGB) den Jugendmedienschutz. Im digitalen Zeitalter wird es für alle Beteiligten zunehmend schwieriger, den Überblick über alle veröffentlichten Inhalte zu behalten. Eine einheitliche Reform des Jugendmedienschutzes mit dem Ziel einer klaren gesetzlichen Grundlage ist dringend notwendig. Die aktuelle Situation ist kompliziert und die Gesetzgebungskompetenzen zersplittert.

Aufgrund der diversen rechtlichen Grundlagen sind die verschiedensten Kompetenzträger für den Jugendmedienschutz zuständig. So betreffen die Regelungen zum Jugendmedienschutz im JuSchG nur so genannte Trägermedien, also materiell greifbare Medien, wie Bücher, Zeitschriften, Filmrollen, Videokassetten, CD-ROMs, DVD oder BluRays. Von den Bundesländern wird dagegen der JMStV vereinbart. Dieser regelt Medien, die konkret Länderkompetenzen betreffen, also Rundfunk- und Telemedien. Dazu zählt Radio und TV sowie das Internet inklusive seinen Diensten, wie Video-on-Demand (Telemedium). Daher gibt es in Deutschland viele öffentliche und regionale Einrichtungen, die sich mit dem Jugendmedienschutz befassen.

Kein Wunder, dass die Zuständigkeiten äußerst kompliziert verteilt sind. Die 16 Bundesländer regeln gemeinsam den Jugendmedienschutz im Internet, im Kino und im Laden bestimmt ein Bundesgesetz. Dadurch gelten für ein Spiel oder einen Film im Internet andere Regeln, als für den gleichen Inhalt auf DVD oder BluRay. Für das Fernsehen gelten noch ganz andere Richtlinien. Die Gesetze sind im Angesicht der heutigen Medienrealität überholt und können der zunehmenden Medienkonvergenz nicht mehr angemessen gerecht werden. Wir brauchen dringend einen modernen Jugendmedienschutz. Die Diskussion rund um einen neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag begleite ich auch auf diesem Blog schon von Beginn an.

Jugendschutz leicht gemacht: So funktioniert die Alterskennzeichnung durch IARC
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Nationale Alleingänge immer unsinniger

Mittlerweile ist der Jugendmedienschutz eine internationale Aufgabe. Nationale Alleingänge werden immer unsinniger, internationale Lösungen immer wichtiger. Die USK macht vor wie es gehen kann. Mit der International Age Rating Coalition (IARC) haben sich verschiedene internationale Institutionen zusammen getan, um digitale Inhalte mit Alterskennzeichnungen zu versehen. Bisher funktioniert das sehr erfolgreich: Google und viele weitere Anbieter haben das System mittlerweile in ihre Online-Stores integriert. Zu diesem Thema sprach ich mit Felix Falk, dem Geschäftsführer der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK).

 

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