Archaische Ausstattung: Um alte Spiele zu retten, braucht es nicht unbedingt modernstes Gerät. Ganz im Gegenteil!
veröffentlicht von Martin Lorber am 06. Juni 2016

Geschichte digitaler Spiele: Videospiel-Pioniere bekommen eigenes Archiv

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Das Smithsonian “Lemelson Center for the Study of Invention and Innovation” in Washington, D.C. hat eine Initiative gestartet, um wesentliche Dinge für die erste Generation der Erfinder der Videospiel-Industrie zu erhalten. Aktuelle Interviews mit Pionieren der Videospielgeschichte geben der Ausstellung eine persönliche Note und liefern interessante Informationen. Ziel: Ein Multimedia-Archiv, das “Video Game Pioneers Archive”, welches die Anfänge und die Entwicklung der Industrie in den Worten ihrer Gründer zeigen und bewahren soll.

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Das 1972 von Atari veröffentlichte Pong wurde zum ersten weltweit populären Videospiel

Historische Aspekte der Videospielentwicklung

Das Archiv soll helfen, die individuellen Persönlichkeiten, die wegweisenden Technologien und die gesellschaftlichen Kräfte besser zu verstehen, die interaktive Unterhaltung zudem gemacht haben, was sie heute ist: ein Leitmedium unserer Zeit. Wie spannend die Geschichte der Videospiele ist, zeigt unter anderem auch meine im Rahmen dieses Blogs veröffentlichte Artikelserie zu diesem Thema.

Umfangreiche Sammlung zu Computerspielen geplant

Das Lemelson Center und das Smithsonian National Museum of American History arbeiten zu diesem Zweck mit Museen und Archiven zusammen, die ihren Fokus auf Technologiegeschichte, Gamessammlungen sowie das Bewahren und Interpretieren von historisch bedeutsamen Gegenständen, Dokumenten und Quellcodes legen. Festgehalten werden sollen dabei nicht nur die Ideen und Inspirationsquellen der Spieleentwickler, sondern auch ihre Fehlschläge, Beschränkungen sowie die individuellen Entwicklungspfade – mit all ihren Höhen und Tiefen. Das erste vollständige Interview wird mit dem preisgekrönten Video- und Computerspielentwickler Richard Garriot geführt.

Archivierung digitaler Medien als Herkulesaufgabe

Auch EA versucht sich an der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu beteiligen das Kulturgut “digitales Spiel” für die Nachwelt erfahrbar zu machen. Leider gestaltet sich diese Aufgabe nicht so einfach wie bei “klassischen” Medien – spannend ist sie aber allemal, wie mir auch schon Stefan Serbicki, der „Mann hinter den Kulissen“ bei EA zum Thema Archivierung digitaler Spiele, im Interview verriet.

Entwicklung der Computerspiele: Vom Hobbykeller zur Großindustrie

Der Direktor des Lemelson Center, Arthur Daemrich, zeigt sich fasziniert davon wie sich Videospiele über einen kurzen Zeitraum von 50 Jahren von einer Idee weniger Pioniere hin zu einer Industrie entwickelten, die mittlerweile weltweit Milliarden von Menschen unterhält und bildet:

“The Video Game Pioneers Archive will allow the Smithsonian and like-minded organizations to capture the history of this technical and creative industry through the first-hand recollections and records of its founders and put the materials to use in future exhibitions and programs.”

Videospiele als Motor für technische Entwicklungen

Christopher Weaver, Gründer von Bethesda Softworks und Dozent am Massachusetts Institute of Technology und der Wesleyan University wurde zum wissenschaftlichen Mitarbeiter am Lemelson Center ernannt. Er beteiligt sich aktiv bei der Projektplanung und dem Durchführen der mündlichen Interviews. Weaver freut sich darauf, die Öffentlichkeit über die diversen Einsatzmöglichkeiten von Spieletechnologien zu informieren. Weaver weist darauf hin, dass der Einfluss von Videospielen viel weitreichender ist als man zunächst annehmen würde – insbesondere was medizinische und ingenieurwissenschaftliche Einsatzgebiete betrifft. Das Selbstverständnis der Branche als Technologiemotor und Innovationstreiber wird bei dem Projekt also sicher nicht unter den Tisch fallen.

Expertenkomitee: Don Daglow als einer der wichtigsten Videospiel-Pioniere

Um die Initiative voranzutreiben, hat das Lemelson Center Expertenkomitee ins Leben gerufen, welches aus bedeutenden Videospiel-Pionieren, Wissenschaftlern und Repräsentanten führender Museen und Archive besteht. Viele schillernde und interessante Persönlichkeiten der Games-Branche sind vertreten. Einer von ihnen, Don Daglow, hat schon viele Rollen innerhalb der Computerspiel-Branche eingenommen. Er ist seit Anfang der 70er Jahre dabei und somit ein Urgestein der Games-Branche. Daglow arbeitete für viele Branchengrößen wie Mattel, Electronic Arts oder Brøderbund in den verschiedensten Positionen. 1988 gründete Daglow den Spielentwickler Stormfront Studios.

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Don Daglow in seinem Element im GamesLab Paderborn

Spieleentwicklung: Don Daglow von Beginn an dabei

Die Liste der Spiele, an denen Daglow beteiligt war, ist wirklich beeindruckend. Zu Recht ist er aktuell auch ein sehr beliebter Gast auf den Rednerpulten dieser Welt. Seine Erfahrung gibt er gerne an den Spielentwickler-Nachwuchs weiter, wie u.a. ein Besuch im Gameslab Paderborn zeigt. Letztes Jahr durfte ich auch ein spannendes Interview mit ihm über aktuelle Herausforderungen der Spieleindustrie, der Demokratisierung von Produktionsmitteln und über Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zwischen Filmindustrie und Computerspiel-Industrie führen.

Sammlung zu Computerspielen des National Museum of American History

Das National Museum of American History beheimatet aktuell eine beeindruckende Kollektion historischer Computer und begann zudem in den frühen 2000er Jahren damit Videospielkonsolen zu sammeln. Ab 2003 arbeitete das Lemelson Center mit dem Videospiel-Pionier Ralph Baer zusammen, der Ende 2014 verstarb. Im Zuge dieser Zusammenarbeit war es möglich seine “Brown Box” präsentieren zu können, die als erstes Heimvideospielsystem gilt. 2014 erwarb das Museum auch Baers Hobbykeller, der nun am Eingang zu dem Innvoations-Flügel des Museums ausgestellt wird.

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„Brown box“: Prototyp der Magnavox Odyssey

Eine wichtige Sache: Die Erhaltung des Kulturguts “digitales Spiel”

Die Initiative des Lemelson Center finde ich äußerst begrüßenswert. Auf die persönlichen Anekdoten und Einordnungen der Videospiel-Pioniere bin ich wirklich gespannt. In diesem Sinne freue ich mich darüber, dass die Konservierung der Geschichte der Videospiele weiter vorangetrieben wird. Auch in Deutschland gibt es hierfür sehr empfehlenswerte Anlaufstellen wie das Computerspielemuseum in Berlin. Der Museumsdirektor Andreas Lange gab mir ein aufschlussreiches Interview über seine persönlichen Motivation und den sich stellenden Herausforderungen. Als Ergänzung wird in Dortmund im Sommer 2016 das Museum der digitalen Kultur eröffnet. Initiator Christian Ullenboom kaufte zu diesem Zweck ein altes Zechengebäude mit 2.000 Quadratmetern Fläche und lässt es aktuell instand setzen.

Man darf gespannt sein, welche Exponate in Zukunft ihren Platz in den Museen dieser Welt einnehmen werden. Die Transformation der Spieleindustrie und ihrer Geschäftsmodelle ist weiterhin spannend zu beobachten und bietet definitiv großes Potential für neue bahnbrechende Technologien und Innovationen.

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